Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 44 (30.10.1908)
- Date
- 1908-10-30
- Page
- Seite 520 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Lehranstalt darzubringen. Denn 40 Jahre hindurch bin ich in wachsender Freundschaft mit diesem Manne verbunden gewesen, und von Jahrzehnt zu Jahrzehnt ist mit der Verehrung für seine Denkart und 'für seine Gesinnung' die anhängliche Liebe zu seiner Person in mir lebendiger und inniger 'geworden, je mehr das intimere Verständnis mir aufging für die geheim-, gehaltenen Regungen■ seines weichen Gemütes, seines zarten Gefühls, nicht nur für die Ideen, sondern ebenso für die Menschen in den verschiedenen Lagen und Stufen ihrer Lebenstätigkeit, und vollends für feine nähere Umgebung, für seine Freunde und Mitarbeiter. , Darf ich es mir zutrauen, zumal jetzt, da der unersetzliche Verlust noch so unmittelbar-empfunden wird, mit der Sachlichkeit, welche unsere Hochschule fordert, über den Mann zu sprechen, der unter den Ersten sie ins Leben gerufen' und der bis zu seinem letzten Atemzuge wie als. sein größtes Vermächtnis für ihre Zukunft die Sorge im Herzen getragen hat? ' Der Widerspruch ist indessen nur scheinbar, wie jeder vermeintliche Widerspruch zwischen einer menschlichen Sache und der sie vertretenden Person. Nur durch den Menschen empfängt jede Sache, jede Aufgabe der menschlichen, der sittlichen Kultur Gestalt und Gesetz, Leben und Entwicklung. Und auch die Person selbst, ist nimmermehr von der Sache abzulösen, für die sie wirkt, und ihr Leben läßt. Demgemäß hebt sich auch eine andere Schwierigkeit aus, die hier vorzuliegen scheint. Jeder Mensch, zumal der moderne, ist der Mittelpunkt vielseitiger, oft widerstreitender Kräfte und Richtungen: bildet er eine wahrhafte Einheit des menschlichen Wesens? Das ist die große Frage von der Einheit des modernen Bewußtseins. Sie läßt sich nicht anders beantworten, als daß man Person und Sache in innerem Zusammenhang erkennt, und daher in Einheit zu fassen sucht. Freilich ist es das persönliche Gefühl, der anscheinend unkontrollierbare Affekt, also das schlechthin Natürliche und Individuelle, was die Triebkraft des Menschen im letzten Grunde bewegt; nichtsdestoweniger aber sind und bleiben dennoch, die Ideen, die den Geist erfüllen, auch die schöpferischen Mächte seines Willens, seiner geistigen, seiner sittlichen Arbeitskraft. Das Verständnis eines Menschen, der in irgendeiner Richtung der Kultur gewirkt hat, erfordert ebenso sehr das sympathische Verständnis für die Ideen, denen er sein Leben gewidmet hat, wie für den verborgenen Quell, den sein Herz belebt hat. Die Schwierigkeiten scheinen jedoch in unserem Falle noch nicht erschöpft zu sein. Wenn ein moderner Mensch unverkennbar seine ganze Herzkraft der Religion zugewandt hat, so dünkt es heutzutage.manchem, als ob er von vornherein zu einer Zwiespältigkeit, ja zu einer Zweideutigkeit sich ver- . urteilt hätte. Denn es soll doch nicht mehr Mittelalter sein, folglich darf die Religion nicht beit wahrhaften Mittelpunkt des modernen Wesens bilden. Und wenn nun gar diese Konzentration in den Seitenweg des Judentums verlockt, so steigert sich der Verdacht der romantischen Unklarheit. Denn welche zentrale Bedeutung käme noch immer, dem Judentum zu, wie man sie freilich dem Christentum oder wenigstens dem Protestantismus in geschichtlichem Sinne bereitwillig zuerkennt. Das Judentum aber sei von diesem allgemeinen Priesterreich vollkommen aufgesogen. So denkt leider auch mancher unter uns. So aber dachte Salomon Neumann nicht. Es ist bekannt, mit-welcher Energie des innigsten Gefühls, der heißesten Leidenschaft und des schmerzlichen Spottes gegen die Wankenden er für die geschichtliche Bedeutung der jüdischen Religionwie in der Vergangenheit, so in der Gegenwart und für alle den Ernst dieser Stunde, um über die sachlichen Motive-uns ' klar zu werden, welche in diesem starken Charakter, welche in. diesem affektvollen Gemüte, dem es dvch niemals an dem ' Steuer der Besonnenheit und des Taktes gebrach, die Führung behaupteten. ,< , Gerade die heutige Feier in diesem Kreise bietet zu einer. - solchen Würdigung den natürlichen Anläße -Denn dieAuf--^ gäbe unserer Lehranstalt dürfte fich als der Schwerpunkt in der gesamten Wirksamkeit unseres Freundes zumal in der M zweiten Hälfte seines Lebens Nachweisen lassen. Alle anderem Richtungen, in denen er für die Allgemeinheit wie für das. Judentum gewirkt hat, haben hier ihren Mittelpunkt. Wenn 5? wir daher verstehen, was sein Ideal für die Lehranstalt war,? v und mit welchen Mitteln und Anforderungen er dieses Ideal - der Verwirklichung näherzubringen strebte, so lernen wir damit am besten seine gesamte Arbeit für das Judentum, ' nicht minder vielleicht aber auch für die allgemeine Kultur verstehen. Und wenn es ferner uns gelingen könnte, die ganze Entfaltung dieser eigentümlichen modernen Religiosität in einen einheitlichen Zusammenhang zu bringen, so würde der Schein eines inneren Widerspruchs, der an der Religiosität des modernen Juden haftet, sich ebenso zerstreuen, wie das allgemein anerkannte Bild dieser starken, festen,: unbeugsam starren Persönlichkeit dadurch vielmehr in die Harmonie eines einheitlichen, klaren, schlichten, gleichförmigen Geistes und Willens sich auflösen würde. Lebendige Kraft ist es überall, was in diesem Leben waltet; die Starrheit ist ebenso falscher Schein, wie die Rückständigkeit blödes Vorurteil ist, und wie anderseits die sachliche Sprödigkeit nur der Selbstschutz des überquellenden Gemütes.war. '; =.•' Zwei Gedanken leiteten den langjährigen Leiter dieser Anstalt. Zuerst sollte sie eine Pflanzstätte sein für die Wifsenschast des Judentums, mithin zunächst und zuvörderst für die. Wissenschaft. Man hat uns den Titel einer Hochschule nicht gegönnt. Eine solche darf es für die Musik geben, als einen Zweig der Künste, nicht aber für das Judentum, die Wurzel der Religion. . Dennoch haben wir den sonst üblichen Namen eines Rabbinerseminars oder eines . jüdischtheologischen Seminars für diese Hochschule nicht übernommen. Bei jeder Gelegenheit hat unser Neumann mit aller seiner . Klarheit und - Festigkeit sich dagegengewehrt, daß die Aufgaben der Lehranstalt in die eines Rabbinerseminars aufgehen sollten. Die Wissenschaft in aller ihrer Freiheit, mit allen ihren Gefahren, ihren Voraussetzungen und Bedingtheiten, die Wissenschaft immerhin, sie sollte allerwege das führende Prinzip bleiben. Nicht das Judentum darf der Wiffenschaft Vorschriften machen, sondern die Wissenschaft soll . dem Judentum das geschichtliche Verständnis ergründen und die fernere Wirksamkeit bahnen. Da gibt es keine Einschränkung und keine Reserve aus irgendwelcher angeblichen Räson der Vorsehung; und für keinen Vorwand und für keine Bedenklichkeit in dieser Hinsicht hatte Reumann Schonung und Nachsicht. Die Wissenschaft und ihre Lehre ist frei, das war auch der erste Grundsatz in der Lehrversassung seines Judentums, und so strebte er, es zum Fundament der Lehranstalt festzulegen und auszubauen. Diese Grundbedingung des modernen Geistes war der Grundzug seiner gesamten Lebensführung und Lebenstätigkeit. Da war es nun ein wichtiges Instrument der modernen Methodik, das seinen Sinn für wissenschaftliche Strenge anzog. Die Statistik ist die angewandte Mathematik. Und wie die Mathematik das methodische Fundament der Naturwissenschaft