Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-10-30 · Heft 44 (30.10.1908) · p. Seite 518

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 44 (30.10.1908)
Date
1908-10-30
Page
Seite 518 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3228798-3228843--65021-3277112
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

das Eintreten für unser Recht, das'Eintreten für die Gegner antisemitischer Bestrebungen regierungsseitig bestrafen will, wenn man solche Männer, dieaus innerem Drange Änd Rechtsempfinden, obwohl' fie christlichen Glaubens find,- für die bedrohten staatsbürgerlichen Rechte der deutschen- Juden eintreten/ maßregelt, so kannauch die möralische Seite der Folgeerscheinungen solcher Vorgänge nicht einfach übergangen werden. Wer wollte wohl, wenn er in irgendeiner Beziehung von der Regierung oder von Regierungsstellen abhängig ist, es wagen, als Nichtjude öffentlich oder Privat gegen den Antisemitismus aufzutreten, wenn er sich dabei sagen muß, daß dieses Auftreten unter Umständen ihm Maßregelungen oder? andere ' schwere Nachteile seitens Vorgesetzter Behörden zuziehen könnte? Ist es denn wirklich schon so weit gekommen, daß man sich nicht scheut, es. zuzulassen, daß einzelne hohe. Beamte offizielle Protektoren des Antisemitismus sind? igMR/;"- Sie Woche. ( . Berlin, 27. Oktober, ie große Finanzrede, die Herr v. Rheinbaben im Landtag, gehalten und in der er dasneue Steuerbukett überreichte, war für alle preußischen Staatsbürger unzweifelhaft von großem Interesse , und besonderer Wichtigkeit. Für uns Juden hatte sie. aber noch eine besondere Bedeutung. Wir hörten da von einer Vorlage für die Geistlichen der evangelischen Landeskirchen, von einem Pfarrbesoldungsgesetz, Ruhegehaltsordnungen, Fürsorge für die Witwen und Waisen der Geistlichen der Landeskirchen. Im ganzen sind dafür 11 585 761 Mark:ausgesetzt. Dann hörten wir von einem Gesetz. über das Dienst-, einkommen der katholischen Pfarrer, für welches ein Beitrag von 5 618 400 Mark jährlich aus Staatsmitteln bereitgestellt wird. Von der jüdischen Konfession ist nicht die Rede gewesen. Die Juden erhalten nichts, obwohl das Geld.aus dem Säckel aller Steuerzahler fließt. Und das geht so von einem Budget zum anderen, ohne daß es auch nur einem der Landboten einsallen würde, für die Rechte seiner jüdischen Wähler, denen doch die Gleichberechtigung in Preußen, verfaffungsgemäß garantiert ist, mit einem einzigen Worte einzutreten. . Wir wissen wohl, daß staatsrechtlich ein Unterschied' ge-' macht wird zwischen den .sogenannten Landeskirchen und den übrigen Religionsgesellschaften, die entweder anerkannt oder geduldet sind. Aber für alle gilt doch der staatsrechtliche Grundsatz, daß sie dem staatlichen Oberaufsichtsrecht, das. ein wesentlicher Bestandteil der Staatsgewalt selbst, ist, unterworfen sind. Nun dann wäre ja tue logische Konsequenz^ daß der Staat auch für alle zu sorgen oder wenigstens allen einen Zuschuß zu den Kosten ' ihres Kultus zu geben hätte. In Baden, Württemberg.und Bayern geschieht dies auch seit Jahrzehnten, Nur in; Preußen nicht. Noch nicht einmal angeschnitten hat man bei uns die Frage. .Vielleicht wäre es auch gar nicht opportun, sie bei . der gegenwärtigen Zusammensetzung des Abgeordnetenhauses anzuschneiden. . Aber charakteristisch ist die ganze Angelegenheit in hohem Grade für die Verhältnisse. Und darum durfte ' sie nicht, unerwähnt bleiben.!"^ . Ueber das von uns zuerst wieder angeschnittene Thema der Berufung von Inden zu ordentlichen Professoren an den medizinischen Fakultäten in Deutschland bringt das Berliner' Tageblatt" aus Universitätskreisen einen sehr wertvollen Beitragden wir der besonderen Bedeutung wegenHier zum größten Teil exzerpieren. . Es heißt dort.: ... „Zurzeit gibt es-.in Deutschland vier jüdische ördentliche^medi.? zinische Professoren.- die Physiologen Bernstein-Halle ^und Rosenthal»Erlangen/ beide 1872^ berufen; der Pharmakologe Jcrffö- Königsberg, ernannt 1878; der Physiologe Herrmann-Königsberg/' ernannt 1884. Außer' diesen jetzt noch im Amt befindlichen Herren hat es an deutschen medizinischen Fakultäten bisher folgende jüdische Ordinarien gegeben: Herz, innerer Kliniker in Erlangen, ernannt 1869, Traube, innerer Kliniker in Berlin 1872 bis 1876, Ebstein,' innerer Kliniker in Göttin gen 1874 bis 1907, Freund, Gynäkologe' in Straßburg 1878 bis 1901, Laqueur, Ophthalmologe in Straßburg 1876 bis 1906/ Niemand wird es wägen, zu bestreiten, daß alle.diese Männer als Forscher, als Lehrer und als Beamte ihren Platz mit höchster Würde aüsgefüllt haben oder noch ausfüllen. Aus diesen Angaben geht nun hervor, daß es heute nur noch . vier im Amt befindliche jüdische Ordinarien gibt; diese ausschließlich in theoretischen Fächern. Diese geringe Zahl ist bei der sehr großen Menge von jüdischen Medizinern und solchen unter ihnen, die wissenschaftlich tätig sind, höchst erstaunlich, und man muß nach einer Erklärung für diesen auffallenden Widerspruch suchen. Natürlich hat man zu allererst an die Möglichkeit zu denken, daß unter der, wenn auch noch so großen Zahl. jüdischer Mediziner keine geeigneten Persönlichkeiten vorhanden. waren oder sind. Da gibt aber zunächst die auffallende Tatsache zu denken, daß, wie obige Zahlen lehren, in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts sieben Männer der Auszeichnung für würdig befunden wurden; dann noch ein Herr 1884; seitdem ist keine einzige Ernennung mehr erfolgt. Sind die jüdischen Mediziner in ihrer Entwicklung, die vor 30 Jahren mit der der christlichen Kollegen noch einigermaßen Schritt hielt, seitdem zurückgeblieben? Oder sind sie' einem merkwürdigen Degenerationsprozeß verfallen, daß seit 25 Jahren kein einziger mehr für fähig gehalten werden konnte, eines der zirka- 230 Ordinariate zu bekleiden? . , An der Hand von einigen bestimmten und besonders auffallenden Beispielen müssen wir hier zunächst einmal diese Frage besprechen, obgleich sie wohl von jedermann als eine rein rhetorische empfunden werden wird. Wir wollen uns natürlich hier auf Namen solcher Männer beschränken, deren Karriere abgeschlossen ist, und die viel^ zü hoch'dastehen, als daß ihnen ein journalistischer Hinweis auf ihre Person auch nur im mindesten nützlich sein könnte. Vor drei Jahren erregte es in weiten Kreisen Aufsehen, daß der Titularprofessor, Privatdozcnt an der Berliner Universität- Dr. Albert Fränkel freiwillig auf die Venia le'gsnäi für das Fach der inneren Medizin verzichtete? Während heute die große Mehrzahl der inneren Kliniker sich auf die Bearbeitung eines mehr.oder weniger engen Spezialgebietes beschränkt, war Fränkel gerade durch die Bearbeitung der verschiedensten Gebiete der klinischen Medizin ausgezeichnet. Seine Lehrbefähigung war eine allgemein anerkannte, und noch heute gelten in den wissenschaftlichen Vereinen seine Auseinandersetzungen als hervorragend klar. Als Arzt und Leiter eines großen Krankenhauses hat er sich auch den Ruf eines ausgezeichneten Praktikers erworben. Dieser Mann legte verstimmt und verärgert seine Stellung als Privatdozent.nieder, weil man in 28 (!) Jahren ihn nicht über diese Anfangsstufe hinaus hatte gelangen lassen. Nun könnte jemand einwenden, daß wir einen solchen Ueberfluß; an hervorragenden inneren Klinikern hatten, daß selbst ein so qualifizierter Mann bei Berufungen, immer noch durch einen Ueberlegenen noch Tüchtigeren in die zweite Reihe gedrängt, wurde. Nun, jeder Eingeweihte weiß, mit welchen Schwierigkeitenseit langem .gerade die Besetzung der Lehrstühle für innere Medizin mangels geeigneter Kräfte zu. kämpfen hatte; wie schließlich so manche.-Besetzung unter allgemeinem Kopfschütteln der urteilsfähigen Kreise erfolgt ist.. - Schon etwa zwei Jahre vorher hätte auch Professor'Hermann Oppenheim auf seine. Stellung als Privatdozent an der Berliner Universität verzichtet, weil die Beförderung, auf die er Anspruch zu haben glaubte, nach siebzehnjähriger Lehrtätigkeit äusgeblieben war.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.