Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-10-23 · Heft 43 (23.10.1908) · page 13

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 43 (23.10.1908)
Date
1908-10-23
Page
– (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3228798-3228842--65011-3277101
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

72. Jahrgang. Nr. 43. Berlin, 23. Oktober 1908. Drilsge zur „Allgemeinen Leitung deK Judentums". . SorrrlpondrnHm und Kschrichtrn. Deutschland. ■■'•• ■■-s. Berlin, 18. Oktober. Der Verein zur Abwehr des - Antisem itismus hielt am 17. d. M. im Architektenhause seine diesjährige Generalversammlung ab. Die Versammlung eröffnete . der Vorsitzende Dr. Theodor Barth, der zunächst den beiden verstorbenen. -Vorstandsmitgliedern Charles Hallgarten- Frankfurt a. M. Und ' Sanitätsrat,Dr. Neumann-Berlin, einen herzlichen Nachruf widmete. Der Redner fuhr dann fort: Es möge sonderbar erscheinen, daß wir in unserem Vaterlande, in einem Kulturlande, einen derartigen ' Kamps führen müssen, daß wir in einem Rechtsstaate noch um die staatsbürgerliche Gleichberechtigung kämpfen müssen. Wir haben aber in letzter Zeit Fälle genug erlebt, in denen die Gleichberechtigung in erschreckender Weise verletzt worden ist. Der brutale Antisemitismus, wie er in Ahlwardt und Graf Pückler verkörpert wurde, ist allerdingsverschwunden. Der gefährliche, der Antisemitismus .in Glacehandschuhen, ist geblieben. (Sehr richtig!) Redner erinnert an die „Fälle" des Dr. Moses in Mannheim und des Volksschullehrers Brandau in Kassel. Dieser habe erklärt, daß er bei der Reichstagsstichwahl zwischen Sozialdemokrat und Antisemiten es mit seinem Gewissen nicht vereinbaren könne, den Antisemiten zu wählen, sondern sich der Stimme enthalten werde. Deshalb hat man Brandau im Disziplinarverfahren zu 60 Mark Geldstrafe verurteilt, und der Kultusminister hat diese Strafe bestätigt. Kaiser Friedrich habe erklärt, er betrachte den Antisemitismus als eine Schmach der Zeit. U.nd wenn, ein Lehrer den Vertreter dieser Schmach nicht wählen will, so wird er vom preußischen Kultusminister in eine Disziplinarstrafe - genommen. Der Redner erinnerte sodann an das Vorgehen gegen den Marburger Professor Dr. Schücking,. der sich eines - jüdischen Referendars angenommen, und dem dafür ein Disziplinarverfahren in Aussicht gestellt wurde. Angesichts dieser Fälle sei es notwendig, daß mit den Abwehrmaßregeln nicht nachgelassen werde. sondern daß wir den Grundsatz absoluter Gleichberechtigung für alle Konfessionen zur Durchführung bringen. (Beifall.) Es liegt uns nichts daran, Wohlwollen zu erlangen, wir verlangen Recht, gleiches Recht, die Gleichberechtigung ausnahmslos. (Lebhaftes Bravo!) Wir sind kein Verein aus Juden oder für Juden, sondern ein Verein, der für Gleichberechtigung eintritt. (Großer Beifall.) Die.Generalversammlung nahm nunmehr vom Geschäftsbericht Kenntnis und hörte dann einen Vortrag des Landtagsabgeordneten Professor Är. Günther-München über „Vaterlandsliebe und Bodenständigkeit bei unseren jüdischen Mitbürgern". Der Redner gab in etwa einstündigen Ausführungen einen Ueberblick über die vielen Hemmnisse, die die Juden gehindert hätten, bodenständig zu werden, zumal ihnen diejenigen Stände, durch die sie bodenständig werden konnten, Ackerbau und Handwerkverschlossen blieben, wie ja auch heute noch viele Hindernisse bestehen, wenn ein. Jude Richter oder Verwaltungsbeamter werden wolle. Der Redner hob sodann die Vaterlandsliebe'der Juden hervor und -verurteilte unter großem Beifall das Bestreben der Gegner. Darauf sprach Oberst a. D. G ad ke-Berlin über die Zurücksetzung der Juden im Heere. Der Redner bezeichnet den Antisemitismus als ein Zeichen rückständiger Kultur und 'minderwertiger Bildung. Im wesentlichen entstamme er der gleichen Wurzeh aus der das Junkertum seine Herrschaft herleite.. Er reiht sich in das reaktionäre System ein, das uns augenblicklich drückt. Der Redner wies auf den Untere schied zwischen bürgerlichen und adeligen Offizieren hin. Während der Antisemitismus allgemein als"Rassenfrage betrachtet werde, sei er im Heere eine konfessionelle Frage.. Jeder, der seine Religion wechselt, werde freudig ausgenommen. Jetzt drückt man den Juden aus dem Heere. hinaus, oder läßt ihn nicht hinein und sagt dann, er eigne sich nicht für den Heeresdienst.Tatsächlich hat . sich der Jude so treu und . ausopserungsfähig erwiesen, wie. irgendein christlicher Junker. An den Befreiungskriegen nahmen 343 Juden' teil, davon 263 freiwillig eingetretene. An dem amerikanischen Sezessionskriege haben sich 658 jüdische Offiziere und 2257 jüdische Unteroffiziere-und Gemeine beteiligt. In dem Kriege 1870/71 kämpften 4500 Juden, darunter 44 Offiziere, - ohne die Stabsärzte und Ösfizierstellvertreter. Davon wurden 448 Soldaten getötet,. und 373 erhielten Auszeichnungen. In den Nachbarländern, in Oesterreich, in Italien, sogar in Spanien sei der Prozentsatz der/Juden.-in . der Armee ein großer,-nur Deutschland marschiere Arm in Arm mit dem rückständigen Rußland. Bon dem neuen Erlaß, daß ein Unterschied in der Konfession bei der Zulassung zum Offiziersexamen nicht mehr, gemacht werden soll, verspricht sich her Referent nicht, viel. Deshalb müsse man Weiterkämpfen unter der Devise der Hohenzollern, der Inschrift des Schwarzen Adlerordens: „8uum euigue!" (Lebhafter anhaltender Beifall.) An Stelle der verstorbenen Vorstandsmitglieder wurde Rechtsanwalt Beermann und von Lasfaulx, beide in Frankfurt a. Main, gewählt. Dann wurde die Versammlung geschlossen. s. Berlin, 19. Oktober. Die Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums veranstaltet in ihrer Aula, Artilleriestr. 14, am Sonntag, den 25. Oktober, mittags 12 Uhr eine Gedächtnisfeier für die in diesem Jahre verstorbenen Kuratoren-der Anstalt Sanitätsrat Dr. Salomon Neumann und Professor Dr. Gustav Oppert. Die Gedenkrede auf Dr. Neumann hat Geh. Regierungsrat, Professor Dr. H. Co hen-Marburg, die Rede auf Dr. Oppert der Dozent der Lehranstalt Dr. A. S. Yahüda übernommen. - s. Berlin, 19. /Oktober. In der Hauptversammlung des Preußischen Med.izinalbeamten-Vereins, die vor kurzem hier abgehalten wurde, hielt Professor Dr. Lochte, Kreisarzt in Göttingen,' einen interessanten Vortrag über die Psychologie der Aussageder auch, viele richterliche Personen angelockt hatte. Der Redner kam an der Hand eines reichen Materials- und logischer Erwägungen zu dem Schlüsse, daß der. Richter bei der Vernehmung von Zeugen große Vorsicht walten lassen muß, denn sehr viele Zeugen lassen sich von allerlei äußeren Momenten beeinflussen. Der Redner erinnerte dabei an die verschiedenen Rituälrnordprozesse und andere Gerichtsverhandlungen, bei denen der antisemitische Fanatismus eine Rolle gespielt hat. Er gedachte des Tisza-Eszlarer Ritualmordprozesses vor dem südungarischen Kreisgericht Nieregyhaza im Mai und Juni 1883; der Fälle in Xanten 1891/92 und in Polna 1899. . In allen diesen Fällen haben sich in der Vorstellung der Zeugen die Tatsachen immer plastischer gestaltet. Die Zeugen sagten immer sicherer aus, je länger die Tatsachen zurücklagen. Normalerweise verblasse aber doch gerade im Gegenteil die Erinnerung, und die Aussage müsse naturgemäß immer undeutlicher werden. Zeugen gegenüber, die mit solcher Sicherheit sich angeblich genau der kleinsten Einzelheit entsinnen, > sei stets die allergrößte Vorsicht geboten. _ e. Potsdam, 16. Oktober.. Am 12. b. M. konnten unter Teilnahme der ganzen Gemeinde und; vieler Vereine Herr Pintus Bernhard und seine Gattin Sophie geb. Luboscher M^seltenster Rüstigkeit das Fest der goldenen Hochzeit begehen. Aus diesem Anlaß hatte'der Kaiser dem Jubelpaar die Ehejubiläumsmedaille^verliehen, die der Ortsrabbiner Dr. Schreiber nach voran gegangener Einsegnung in feierlicher Ansprache überreichte. Im Namen/.des Gesamtvorstandes überbrachte der Vorsteher der? Gemeinde, Herr Justizrat Dr.' Friedlaender, die Glückwünsche der' Gemeinde und dankte dem Jubilar für seine langjährigen hingebenden Dienste im Interesse, der Gesamtheit. Das schöne Fest konnte dem Jubelpaar ein neuer Beweis dafür sein, welcher Beliebtheit es sich in allen Kreisen der Bevölkerung zu erfreuen habe. Möge es dem verehrten^Jubelpaar vergönnt sein, in bisheriger Rüstigkeit die diamantene Hochzeit feiern zu können. ' . ' . - j'j: ==. Kottbirs, 18. Oktober. Der Großindustrielle, Tüchfabrikant Max .Grünebaum, hat 1000Y0 -Mark' zur Errichtung einer

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.