Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 43 (23.10.1908)
- Date
- 1908-10-23
- Page
- Seite 516 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Jetzt endlich mußte man sich verteidigen. Er war hierher gekommen, um eine Zweigvereinigung der Samooborona zu gründen. Es müßten Browning-Gewehre angeschafft werden. Die Holzhauer mußten zu einer Abteilung von Axtträgern organisiert werden. Es wurde auch notwendig, ein Sanitätskorps' zu schaffen, daß die Verwundeten verbinden und ihnen die erste Hilfe zukommen ließ. . . Der Schauder, der alle bei der Nachricht des bevorstehenden Pogroms durchrieselte, war nicht so heftig als wie das Grauen, das alle bei den letzten Worten ergriff. Man glaubte schon, das Blut fließen zu sehen. Der am Fenster stehende Wirt wischte den kalten Schweiß von seiner Stirn und schien erstaunt zu sein, daß seine Hand nicht rot davon gefärbt wurde. . „Brüder," brach Koski, der Holzhändler, los, „glaubt mir dies ist ein böser Versucher! Sich mit Schießwaffen zu versehen, ist.der sicherste Weg, das Unheil zu provozieren — —" „Ich sage aber doch nicht,'daß Sie sich mit Schießwaffen versehen sollen," unterbrach ihn David. „Es sind die jungen Leute, die die Stadt verteidigen müssen. Aber das Kahal (die Kongregation) ist es, die das nötige Geld dazu herbeischaffen muß — sagen wir einmal 10 000 Rubel zum Anfänge." „10 000 Rubel für ein paar Pistolen," rief Mendel, der Pferdehändler. „Das ist Schwindel!" David errötete. „Wir müssen wenigstens drei Pistolen für jeden Verteidiger der Stadt kaufen. Aber ein Revolver kann 10 000 Rubel unseres Eigentums retten, nicht zu sprechen von Euerm Leben." „Wenn wir auf einen solchen Vorschlag eingingen, würden wir unser Leben riskieren, anstatt es zu retten," fing der Holzhändler wieder an. „Dies ist ein Komplott, das uns alle verderben würde." Die andern stimmten ihm einmütig bei. „Meine Freunde," sagte David ruhig, „das Komplott, das euch alle zerstören soll, ist längst geschmiedet; die Frage ist nur die, ob ihr euch wie Ratten elend Umbringen lassen oder ob ihr wie Männer für euer Leben kämpfen wollt?" „Pah!" sagte der Pferdehändler, „dies ist nicht das erstemal, daß man uns bedroht, hat, wenn auch nicht mil dem Tode^ so doch mit erhöhten Steuern; wir haben dann immer Stadlonim (Gesandten) ausgeschickt. Wir wollen eine Kollekte machen und der Präsident des Kahal soll dann gleich zu dem Gouverneur gehen und sie ihm anbieten (hier zwinkerte Mendel mit' dem Auge), um ihn dazu zu bestimmen, Maßregeln zu nehmen den bevorstehenden Pogrom zu verhindern." . „Der Gouverneur ist mit in dem Komplott," sagte David. „Der.läßt, sich bestechen," sagte der tzolzhändler. - „Pogroms bringen aber mehr' ein wie Geschenke,"' sagte David trocken. „Es ist schon besser, Bomben vorzubereiten." Ein neuer Schauder ging durch, die Herzen aller -Anwesenden. „Bombengeschenike," brach nun der alte Rabbi los, .„dietzH alles siüd gottlose Hilfsmittel. Wir stehen unter dem Schutzes des -Allerhöchsten. Gesegnet sei er! Der Schomer (Wächter) Israels schlummert und schläft nicht." „Ebensowenig wie der Schochet (der Schlächter) Israels," sagte David wild, - - .... . - . - „Still, du Epikuräer," tönte es von allen Seiten bei Pen > frevelnden Worten. , ' .' Der Wirt, der sah, woher der Wind blies, sagte: „Frecher Marschallik" (Hanswurst). „Ich werde einen Fast- und Gebetstag ansetzen," erklärte der Rabbi feierlich. w v Man beruhigte sich etwas bei diesen Worten, und Gütler, der Kolonialhändler, ries: „Und ich, Rabbi, werde der Synagoge Kerzen stiften von einer Länge, wie sie bisher noch nie geopfert worden." „Möge Deine Kraft wachsen, Gütel," tönte es von allen Seiten, und der Wirt in seiner Fensternische seufzte erleichtert aus. > „Meine Herren," sagte er dann, „wenn ich meine bescheidene Meinung äussprechen darf, so ist auch Reb Mendels Rat nicht zu verachten. Gott der Herr ist natürlich unser einziger Schutz, aber es kann darum doch nicht schaden, wenn wir rechtzeitig dafür sorgen, uns auch des Schutzes des Gouverneurs zu versichern." ' „Das ist wahr." — Die Gemüter erheiterten sich sichtlich. „In Gottes Namen," brach David los, „so erwacht doch endlich aus Euerer Verblendung! Euere einzigste Rettung liegt nur in der Samooborona. Gebt uns das Geld und nicht dem Gouverneur! Wir können uns in dem Talmud-Thora-Saale versammeln und dort unsere Uebungen abhalten." „In dem heiligen Studiersaale!" sagte der Rabbi, „der sollte durch ungesetzmäßige Versammlungen entweiht werden?" „Wenn Ihr es nicht tut, werden Euere Feinde sich dort - versammeln," sagte David grimmig. „Begreift Ihr denn nicht, daß dort der allersicherste'Platz für Uns ist? Die Polizei glaubt, daß es nur der Versammlungsort gelehrter Schwächlinge sei." „Stille, stille," sagte der Holzhändler und stand auf, um zu gehen. David vermochte seine Leidenschaftlichkeit nicht mehr zu bekämpfen. Die Erinnerung begangener Greuel, deren Zeuge er gewesen, überwältigte ihn. Er gedachte des Greises, Yen man skalpiert, des unglückseligen Weibes, dem man mit einem glühenden Stockeisen durch die Augen gestoßen hatte, des kleinen Kindes, dessen Schädel unter den Füßen eines gesinnungstreüen Russen zertreten worden und anderer Grausamkeiten. „Bürger," donnerte er los, „ich will. Euch retten, selbst wenn Ihr es nicht wollt!" Der Wirt bedeutete ihm, stille zu sein, aber David fuhr rücksichtslos fort: „Werdet Ihr denn niemals Männlichkeit — —" Sie warfen sich in panischem Schrecken über ihn, hielten seine Hände fest, überwältigten ihn und warfen ihn auf das Bett. Plötzlich erschien eine neue Gestalt in dem Zimmer; einen Augenblick standen alle starr vor Schrecken und hielten sich für verloren. Man ließ David los. Dann erkannte man, daß der Neuangekommene Ezekiel Lewen sei. ' Gesegnet bist Du, der da kommt," rief David auf seine Füße springend. „Du und ich, Ezekiel, wir werden Milovka erretten!" . „Ach," stöhnte Ezekiel, „ich habe eine niedrige Nummer gezogen, ich muß Soldat werden und für Rußland kämpfen." ' . (Fortsetzung fplgt.) .• . Druck und.Verlag von Rubolf. Mosfe in Berlin. Verantwortlich.für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.