Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 43 (23.10.1908)
- Date
- 1908-10-23
- Page
- Seite 515 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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und fähige Mann doch zu viel vom Litteraten habe, als daß er ihm eine ganz große Verantwortung geben konnte. Seit seiner Pensionierung lebte Drummond Walff in London, witzig und. geistig regsam bis fast ans Ende. ^gguyyk§£QTi Lhetto-Lomüdien. Von I. Zangwill. Samooborona. II. 7ß inovitz las den in hebräischer Sprache geschriebenen Einführungsbrief und sah den Freier mit mißtrauischen Blicken an. Man kann nicht sagen, daß dieser Ausdruck seine grotesken Gesichtszüge verschönerte und David zog.einen Schluß daraus auf das Aussehen seiner vielen unverheirateten Töchter. „Ich kann nicht sagen, daß Sie sehr nach meinem Geschmack sind," sagte der Kornhändler. „Es ist mir außerdem unmöglich, Ihnen die Hand meiner jüngsten Tochter zuzusagen, ich habe andere Pläne mit ihr. Selbst meine Aelteste-" Aber David winkte abwehrend mit der Hand. „Ich habe das dem Wirte gleich gesagt. Bin ich ein Talmud-Weiser, daß ich so hohe Ansprüche stellen könnte? Vergeben und vergessen Sie meine Chutzpah." „Nun, nun, die Aelteste — vielleicht — freilich mit einer kleineren Mitgift-" , „Um aufrichtig zu sein, Herr Tinovitz, war es der-Wirt, der falsche 'Hoffnungen in mir erregte. Ich bin nicht .in der Absicht hierhin gekommen, um eine Ehe zu schließen, sondern um Begräbnisse zu verhindern." Der Kornhändler starrte ihn erstaunt an. „Begräbnisse zu verhindern?" „Es wird ein Pogrom vorbereitet." „Lassen Sie solche Worte nicht über Ihre Lippen kommen," sagte Tinovitz erbleichend. „Ziehen Sie es vor, nicht davon zu hören und abgeschlachtet zu werden?" sagte David achselzuckend. „Aber so etwas ist doch hier ganz unmöglich!" „Unmöglich? Nachdem es in 638 anderen Städten stattgesunden hat?" „In diesen Städten muß es böses Blut gesetzt haben, aber hier leben die Juden und Russen wirklich wie Brüder miteinander." „Auch Kain und Abel waren Brüder. Sie haben viele Jahre friedlich miteinander gelebt, während Kain den Acker bearbeitete und Abel seine Schafe hütete." Diese biblische Reminiszenz überzeugte Tinovitz mehr als jedes andere Argument. „Was ist es denn, was Sie in dieser Sache vorzuschlagen haben?" kam es von seinen bleichen Lippen. „Ein Zweigkomitee der Samooborona zu gründen. Sie müssen zunächst sämtliche Hausbesitzer zu einer Zusammenkunft einberufen." „Weshalb?" „Um ein Komitee zu. bilden — und um die Kosten auszubringen." „Wiek önnten wir eine Versammlung halten? Die Polizei —" „Die Synagoge ist ganz sicher." „Ja, aber sie würde durch eine solche Versammlung prosaniert werden." „Wie, sind die Juden nichts stets in die Synagogen , geflohen, wenn sie in Gefahr waren?" „Ja, aber nur um zu beten." - „Wir werden mit der Pistole beten." „Hüten Sie Ihre Zunge —" , ‘ „Hüten Sie Ihre Töchter." „Der Allerhöchste wird sie beschirmen." „Der Allerhöchste schirmt sie durch mich, wie er sie durch Ihre Hand erhält. Zum letztenmale frage ich Sie, wollen Sie oder wollen Sie nicht mir dazu behilflich sein, eine Versammlung der Hausbesitzer zu veranstalten?" „Sie rasen auf das Ziel los wie ein wild gewordenes Pferd. Ich danke Gott, daß Sie nicht mein Schwiegersohn werden." Die Unterredung endete damit, daß Tinovitz sich Zeit erbat, die Sache zu überdenken. David sollte am nächsten. Tage wieder vorsprechen, um sich Bescheid zu holen. Aber als er, nachdem er eine schlaflose Nacht auf dem Ofen verbracht hatte, wieder zu dem Hause des Kornhändlers ging, fand er es verriegelt und abgeschlossen. Die Nachbarn teilten ihm mit, daß Tinovitz plötzlich eine längere Geschäftsreise hätte unternehmen müssen und daß er seine Frau und die Töchter mitgenommen habe, damit diese eine kleine Abwechslung hätten. Indessen brachte Tinovitz'Flucht David doch einen Vorteil. Er avancierte von dem Ofen in das Schlafzimmer. Denn der bisherige Mieter desselben war ebenfalls ganz plötzlich abgereist, und da der Wirt durchblicken ließ, daß er diesen jungen Mann der zweiten Tochter Tinovitz' bestimmt habe, erriet David, daß Tinovitz sich diesen Schwiegersohn gesichert habe. Eine andere Ermutigung für ihn war, daß er in dem zweiten Bette des Gastzimmers einen robusten jungen Juden, namens Ezekiel Lewen, fand, der wegen der Aushebung aus einem der benachbarten Dörfer gekommen war und der sich ganz als ein Marrn nach seinem Herzen erwies. Die halbe Nacht lang beredeten die beiden jungen Helden die kühnen Taten, die sie zur Befreiung ihres Volkes vollbringen würden. Ezekiel Lewen war ein idealer Leutnant, denn er gehörte zu einer der seltenen Bauernkolonien und verstand es schon sehr gut, mit Schußwaffen umzugehen. Er hatte sogar ziemlich viele Verwandte in Milovka, und durch ihre und des Rabbis Hilfe gelang es, eine Anzahl von Hausbesitzern in einer „wichtigen Angelegenheit" in das Schlafzimmer der beiden jungen Leute einzuladen. Ezekiel selbst mußte unglücklicherweise am anderen Tage zu der Ziehung, aber er versprach, zu der Versammlung zurück zu sein. Die Eingeladenen kamen wie zufällig in die Wirtsstube ließen sich ein Glas Tee geben und gingen dann möglichst unauffällig die Treppe heraus. Der Wirt, der sehr ängstlicher Natur war und allerlei Gefahr witterte, überließ die Wirtschaft seiner Frau und stahl sich ebenfalls in das verhängnisvolle Schlafzimmer. Nachdem er dort zuerst ängstlich dagegen protestiert hatte, daß man ihn durch diese, einer Verschwörung ähnlich sehenden Versammlung in das Verderben stürzte, erklärte er, daß es ihm nichtsdestoweniger nicht an Interesse für den geplanten Bund mangele und daß er sich deshalb dazu erböte, freiwillig Wache zu stehen. Er wurde demgemäß an das mit einem zerlumpten Vorhang umhüllte Fenster aufgestellt, von wo er jedesmal signalisierte, wenn sich ein Christ mit oder ohne Uniform sehen ließ. .. Bei jedem solcher Signale verstummte Davids Rede plötzlich und die .mit Kaftanen bekleideten auf den beiden Betten u nd dem einzigen Stuhle herumsitzenden Gestalten zuckten nervös zusammen. Aber David war daran gewöhnt, unter großen Schwierigkeiten zu reden. Er lebte ungefähr aus demselben