Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 43 (23.10.1908)
- Date
- 1908-10-23
- Page
- Seite 514 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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fühlige, poetische Parabel über das Erlebnis des Menschen, wenn er aus dem Paradiese der Unschuld erwacht und in das bewußte Leben der Sinnlichkeit, der Liebe und der Kämpfe für seine Familie hineingedrängt wird. Vielleicht hat der weise Gesetzgeber hiermit eine Vorbereitung für die „sexuelle Aufklärung" unserer Kinder geben wollen, über die sich unsere heutigen Schulmänner so sehr die Köpfe zerbrechen. Ich meine in der Tat, durch eine taktvolle Anknüpfung an „Adam und Eva" ließe sich den Kindern Derartiges am besten beibringen; sie begreifen dann leichter, daß es sich um nichts Unwürdiges handelt. Der göttliche „Verfasser" der Bibel müßte ein zürnendes Gefühl den Menschen gegenüber haben, wenn sie, trotz aller „Bildung und Aufklärung" noch nicht soweit in der Erkenntnis herangediehen wären, um den feinen Sinn des Gesetzbuches zu erkennen, sondern an der grobsinnlichen, wörtlichen Auslegung festhalten zu^ müssen glauben. Ich dächte diese Auffassung müßte echte Frömmigkeit, echte Emunah bedeuten. Ich habe hier nur durch einen schwachen Versuch angedeutet, wie man Glauben und Wissen vereinbaren könnte. Ich denke, es müßte für das Judentum ein stolzes Gefühl sein, die Ergebnisse der Wissenschaft voll anzuerkennen, ohne deshalb von seinen Grundsätzen ein Jota zu verleugnen. Die Beantwortung der letzten aller Fragen:-Wer ist der Schöpfer? Welchen Zweck hat die Schöpfung? wird ohnedies die Wissenschaft stets der Religion überlassen müssen. Das ist ein Standpunkt, der sich nicht etwa nur für „Reformjuden" eignet, sondern den, meines unmaßgeblichen Erachtens,, jeder orthodoxe Jude einnehmen könnte, der auch die kleinste Vorschrift des Talmuds beobachtet. Ärummond Molkt 112in interessanter und geistreicher Mann aus einer älteren, schon halbverschollenen Zeit der europäischen Politik ist mit dem englischen Diplomaten gestorben. Sir Henry Drummond Wolfs, der am 11. d. Mts. einem längeren Leiden erlegen ist, hat zeitweilig in der internationalen und auch in der inneren englischen Politik hervorragend mitgespielt. Zu einer Stellung ersten Ranges, für die er sich berufen hielt hat er es aber nicht gebracht; der Madrider Botschasterposten war die höchste Sprosse der Leiter für ihn. Vielleicht wäre er bei. weniger brillanten Gaben weiter gekommen; das Mißtrauen gegen die gar zu große geistige Beweglichkeit, die Vorliebe für das „gediegene" Mittelmaß ist bei den entscheidenden Stellen in England so verbreitet wie im stammverwandten Deutschland. Eine gewisse prickelnde Unruhe lag Sir Henry Wolff im Blute und ließ ihn in den stabilen Verhältnissen seines Vaterlandes nicht ganz heimisch erscheinen, obwohl er vollkommen darin wurzelte. Seine Herkunft war, wie es in einem Artikel der „Fr. Z." heißt, merkwürdig genug. Er war der S.ohn eines ausländischen Abenteurers von großen Gaben und einer Engländerin aus der Aristokratie. Der Vater, Joseph Wolff, ein Rabbiner aus Weilersbach bei Forchheim, war früh katholisch geworden und hatte durch sein Talent die Aufmerksamkeit hervorragender Männer, so Friedrich Schlegels und des Grafen Leopold Stolberg, erregt. Der Fürstprimas Dalberg ließ ihn orientalische Sprachen studieren, und er wurde an das Propagandakollegium nach Rom berufen. Wegen ketzerischer Schriften verjagtwird er nach England verschlagentritt zur Hochkirche über-, erhält eine Dorfpfarre und gewinnt durch seine faszinierenden Gaben außer einer großen Gemeinde auch die Hand hon Lady Georgiana Walpole, der Tochter des Grafen von Oxford. Hierauf wird Wolff Missionar und unternimmt zahlreiche, höchst abenteuerliche Reisen nach Arabien und Zentral-Asien, die zu.ihrer Zeit, großes Aufsehen machten. Dieses Wanderleben setzte Joseph Wolff — er nannte' sich „Apostel für Asien" — jahrzentelang fort, ohne seinen Bekehrungseiser durch Rücksichten auf seine Familie beeinträchtigen zu lassen. Im Jahre 1828 unternahm.er sogar eine große Weltreise, um die zehn Stämme Israels aufzusuchen. Seine Reiseberichte sind höchst interessant. Goethe hat den Mann gekannt und sich für ihn interessiert, wie Ludwig Geiger vor einigen Jahren in diesem Blatte erzählt hat. Als Sohn dieses eigentümlichen Paares' wurde Henry Wolff 1830 in Malta geboren. Schon mit sechzehn Jahren kam er ins Auswärtige Amt. Er lernte noch persönlich die Leute kennen, die unter Pitt in den Dienst gekommen waren, und verkörperte somit eine Tradition englischer Politik, die reichlich hundert Jahre zurückreicht. Unter den „Permanenten", des Foreign Office zu ergrauen, fühlte sich der junge Wolff aber nicht berufen. Bald ist er Attache in Florenz und wird von da in hoher Stellung in die englische Verwaltung aus den jonischen Inseln berufen. Als England die Inseln abtrat, wurde Wolff mit Pension verabschiedet und sah sich, im Anfang seiner dreißiger Jahre stehend, in der angenehmen Lage, aus der Grundlage eines gesicherten Einkommens nach etwas Besserem auszuschauen. Die parlamentarische Karriere zog ihn an, indessen bekam er erst 18/4 ein Mandat. Er war natürlich konservativ und sein Parteichef Disraeli faßte eine große Meinung von seinen Talenten. Wolff wurde 1878 von der englischen Regierung zum Mitglied jener europäischen Kommission ernannt, die eine Verfassung für Ostrumelien auszuarbeiten hatte. Die Höhe seiner politischen Wirksamkeit erreichte Wolff kurz darauf, als sich zu Anfang der achtziger Jahre von den Konservativen ein „junger" Flügel ablöste — die berühmte „vierte Partei". Diese Partei, -die zeitweilig das ganze Parlament zu tyrannisieren verstand, die Gladstonesche Regierung mit wütender Heftigkeit bekämpfte und gleichzeitig die konservativen Führer im Unterhause, alte steife Herren, unnachgiebig drangsalierte, bestand nur aus vier Männern. Es waren Lord Randolph Churchill, Wolff, der Jurist Gerst und Herr Athur Walfour, der spätere Premierminister. Wolff war der eigentliche Erfinder des Gedankens, eine kleine Freischar im Rücken der konservativen Partei zu gründen, und der Chef dieser Truppe von Edomitern, deren Hand gegen , jedermanns Hand war, wurde Churchill. Die Geschichte der „vierten Partei" ist in den letzten Jahren mehrmals geschrieben worden, am besten in der vorzüglichen Biographie, die Herr Winston Churchill, der jetzige Handelsminister, seinem Vater gewidmet hat. Die „vierte Partei" erzwang sich endlich die Ausnahme in den hohen Rat der Konservativen, und Lord Salisbury beförderte die vier Männer, als er zur Regierung kam, in große Stellungen. Wolff fand zwar keinen Platz im Ministerium, erhielt aber 1885 die wichtige Mission, die ägyptische Frage in Konstantinopel im englischen Sinne zur Lösung zu bringen, was ihm freilich nicht gelang, so daß später doch das Schwert zu entscheiden hatte. Später wurde Wolff Gesandter in Teheran, Bukarest und 1892 in Madrid. I960 trat er aus dem Dienst zurück, der ihn schließlich doch nicht zu erhofften Erfolgen geführt hatte. Weder ein Platz im Kabinett, noch auch ein Botschafterposteu ersten Ranges hatte sich ihm geboten. Lord Salisbury fand, daß der geistreiche