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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-10-23 · Heft 43 (23.10.1908) · p. Seite 513

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 43 (23.10.1908)
Date
1908-10-23
Page
Seite 513 (sequence 9)
Language
German
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% . Den Schluß der Reden bildete die Begrüßung durch den Verein L: ehemaliger Schüler und Schülerinnen des Philanthropins, in dessen Namen der Vorsitzende, Herr Joseph Meier, zugleich mitteilte, daß der Verein ein Bild des alten Schulhauses in der Rechneigrabenstraße der neuen Schule als Geschenk übergeben werde, dessen 2lnsertigung einem früheren Schülers dem Kunstmaler Gianini, übertragen sei. — Mit dem unter Örgelbegleitung gesungenen altniederländischen Dänkgebete: „Wir treten zum Beten" schloß die akademische Feier. Ihr' folgte ein Rund gang durch das Haus unter Führung des Baurats Matzdorff und einiger des Baues kundiger Herren. Der zweite Teil der Feier vollzog sich am: Nachmittag 5 Uhr gleichfalls in der Aula, wo in der kurzen Zwischenzeit deren westlicher Teil in eine Bühne umgewandelt worden war. Ein Festspiel in drei Bildern, von der Frankfurter Dichterin Frl.Leonie Meyer hol (Leo Hildeck) verfaßt, wurde hier von über 100 Zöglingen der Anstalt, unter Mitwirkung früherer Schülerinnen vorgesührt. In wohlklingenden Versen wiesen, anknüpfend an die drei Hauser, in denen des Philanthropin sein Heim gefunden, die drei Hausgeister, auf die den einzelnen Zeitabschnitten entsprechende Eigenart des Unterrichtsbetriebes in den einzelnen Häusern hin: Das Kompostell, als die Periode des zaghaften Eintritts der jüdischen Jugend in die An .eignung allgemeiner deutscher Bildung, dann weitergehend auf dem Untergründe des naturwissenschaftlichen Unterrichts zu der modernen Richtung, die, zum großen Teile schon in dem eben verlassenen Hause . redlich geübt, in dem neuen Hause nach ethischer, praktischer und ästhetischer Richtung weiter geübt und vertieft werden solle. Jeder dieser Geister führt zur Rechtfertigung seiner Eigenart seine Truppen ins Feld. Gruppen von Schülern und Schülerinnen treten in kleinen Szenen auf und verkörpern so in Menuett-, Blumen- und Turnreigen anmutigen und kindlichen Begriffen angemessen das -Bildungsideal ihrer Zeit. Das letzte der drei Bilder zeigt in reizvoller Gruppierung: Schönheit, Wahrheit und Güte in ihren Beziehungen ^ur Schule, ein weihevoller Schlußchor, von dem Mitglieds des -Schauspielhauses Alfred Auerbach (Schüler der Anstalt) verfaßt, von G. v. Rößler in Musik gesetzt und von Reallehrer Rothschild geleitet, schloß das allegorische Spiel .in äußerst wirkungsvoller Weise ab. Der Verfasserin sowie den um die Regie wohlverdienten Herrn Auerbach und Kitz wurde, ebenso wie den jugendlichen Darstellern stürmischer Beifall zuteil. — Eine bemerkenswerte Nachfeier brachte noch die am nächsten Freitag vormittags in der vorzüglich ausgestatteten Turnhalle veranstaltete Turnvorführung der Knaben und Mädchen, der gleichfalls eine große Zahl von Zuschauern beiwohnte, unter ihnen wieder die Vertreter der Behörden. Auch diese Darbietung legte beredtes Zeugnis davon ab. daß die Schule nach jeder Richtung — gemäß den Worten des Direktors am Schluffe seiner gestrigen Rede — mit voller Hingabe dafür tätig ist. in jedem Schüler und jeder Schülerin solche Begeisterung für die Arbeit der Schule zu erwecken, daß sie alle den Platz nach besten Kräften aus füllen können, auf den sie dereinst im Leben gestellt werden. Dr. F. M Kgturwillknlchskt und Migittn. Von A. W.Lichtenstädter. or mehreren Wochen las ich in einer jüdischen Zeitung eine Auseinandersetzung über die Stellung des Judentums . zur freien Wissenschaft. Es war in jener Arbeit in sehr dankenswerter Weise dargelegt, daß das'Judentum seinen Bekennern kein Hindernis in der freien Forschung entgegensetze; daß unsere Religion, die Religion der Aufrichtigkeit und Wahrheit, jede neue Wahrheit gern anerkenne. Schreiber dieser Zeilen, der von dem Wunsche beseelt ist, daß diese schöne Theorie auch in die Praxis umgesetzt werde, möchte nun —ohne Anspruch auf Unfehlbarkeit zu machen — einige Punkte erwähnen, bezüglich . deren er allerdings vorher weiß, daß er sich in einem gewissen Gegensatz zur Orthodoxie befindet. Aber zur Sprache müssen solche Dinge doch einmal kommen. Die Bibel erzählt uns, daß die'Welt, in sechs .Tagen geschaffen worden ist; daß der erste Mensch aus einer Lehmsorm zum Lebenswesen erweckt wurde; daß die Ueberschreitung des Verbots, die Frucht eines gewissen Baumes zu genießen, den „Sündenfall" bedeutet habe. Sollten wir uns nicht auf den Standpunkt stellen, daß die heilige Schrift, dieses „Erziehungsbuch für große und kleine Kinder"^ wie sie Heinrich Heine nennt, hiermit, lediglich eine Allegorie des Werdens und Entstehens geben wollte, eine von tiefster Erkenntnis zeugende Darftellungsmethode für unmündige, wissenschaftlich ungebildete Menschen bieten wollte? -Ist es eine Verletzung der Ehrerbietung gegen die Bibel, wenn, wir an Stelle der Tage etwa Jahrtausende oder -Millionen setzen, nachdem der Psalmist sagt: „Denn Lausend Jahre sind. vor Deinen Augen wie ein Tag!?" Sollte eine freiere Auffassung der Schöpfungsgeschichte einer Verleugnung der Bibel gleichkommen? — Wenn wir züm Beispiel eine Versteinerung aus dem Juragebiet, einen Ammoniten^ einen Belemniten in Händen halten, oder die Ueberreste des Ichthyosaurus betrachten, so wissen wir, daß diese Steine vor vielen Millionen von Jahren, als manche unserer Täler noch Berge und viele unserer Bergrücken Seen waren, als lebendige Wesen sich tummelten. Es wäre also ein Irrtum, wollten wir den Standpunkts daß die Erde vor 5669 Jahren geschaffen worden sei, wortwörtlich nehmen. Wohl aber kann mit mehr Grund angenommen werden, daß große Teile der Erde kurz vor jener Zeit die letzte größere Diluvial-Periode, nach ihrer letzten Vereisung, gesehen haben. Die' ganze Erzählung der Schrift deutet auch nicht etwa auf die Entstehung der Erdkugel, sondern auf eine Neuordnung des Landes aus dem „Tohuwabohu". — „Es schied sich die Erde vom Firmament" kann wohl das Dämmern des Lichts aus dem Nebel, der die ganze Atmosphäre zu undurchdringlichem Schwarz verdichtet hatte, bedeuten. „Das Land schied er vom Wasser" schildert nur den natürlichen Vorgang nach Ablaufen der gewaltigen Wasserfluten. Es war eben die große Tat der Schöpfung, die gewisse Teile der Erde als Wohnung für die Menschen vorbereitete. Das Judentum hat sich nie in hartnäckiger Weise neuen Entdeckungen verschlossen. Es konnte die Feststellung der Tatsache, daß die Erde eine Kugel sei, die sich dreht, ohne jede Erschütterung hinnehmen, denn der Satz: „Fest steht die Erde, sie wanket nicht" bezieht sich nur auf den. sicheren Bau der Erde und bedeutet keinen Widerspruch zu der erwähnten. Entdeckung. Die mittelalterliche Kirche stellte sich auf einen anderen Standpunkt, und der große Galilei mußte wegen des Wortes: „Und sie bewegt sich doch!" den Scheiterhaufen besteigen. Was nun die Schöpfung des Menschen anbelangt, so geht ein großer Teil unserer Forscher von der Ansicht aus, daß der Mensch aus niederen Wesen.herangebildet worden sei. und daß die „niederen Wesen" sich nach und. nach aus der „Urzelle" entwickelt haben. Die Urzelle bedeutet an sich allerdings ein organisches Gebild, aber damit gibt man sich nicht .zufrieden, sondern stellt die Hypothese auf, daß der Organismus aus dem Organismus entstanden sei; und hier ist ein Punkt, wo sich die Anschauung der Wissenschaft mit den Angaben der Bibel, die den Menschen aus Lehm entstehen läßt, wieder'berühren. Magdemsein, wie es wolle! Ich denke, es kann an unseren religiösen Gefühlen nichts ändern, ob wir annehmen, der erste Mensch sei direkt aus Lehm geschaffen worden, oder "daß alles Fleisch durch stufenweise Entwicklung aus dem Anorganismus, also auch aus „Erde" entstanden sei. Die Erzählung vom Baume der Erkenntnis und der Vertreibung aus dem Paradies ist eine unverkennbar fein-

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