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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-10-23 · Heft 43 (23.10.1908) · p. Seite 512

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 43 (23.10.1908)
Date
1908-10-23
Page
Seite 512 (sequence 8)
Language
German
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^Hundertjahrfeier des Philanthropins in den der Abhandlung von .' Professor Kracauer über die Frankfurter Judengasse beigegebenen .Tafeln dargestellt. Der gesamte plastische Schmuck an - den Wänden des Hauses, wie in den Korridoren rührt von dem Frankfurter Bildhauer Julius Obst, gleichfalls Schüler des Philanlhropins,-her. Daneben finden sich in den Klassen wie auf den Gängen in großer Menge und trefflicher Auswahl bildliche Reproduktionen, unter ihnen eine^Freskodarstellung des alten Frankfurt nach dem Merianffchen Stich von 1620; ein auf die Erziehungsgrundsätze der Anstalt hinweisender Spruch aus dem Propheten Micha (6, 8), sowie eine den Wahlspruch der Schule: „Für Aufklärung und Humanität" tragende Steinplatte schließen sich der künstlerischen Ausstattung, würdig an. Die Beleuchtungs- und Heizungsverhältnisse sind selbstverständlich den neuesten Ergebnissen der Wissenschaften entsprechend eingerichtet; . Waschräume usw. sind in reicher Zahl vorhanden, Garderoben für die Zöglinge auf den breiten, hellen Korridoren angebracht. Eine ..Zentraluhranlage regelt vom Direktionszimmer aus sowohl die auf - dem Turme angebrachte Uhn wie auch diejenigen in den übrigen Unterrichtsräumen und das Läutewerk, das Lehrer und Schüler zu Arbeit und Erholung ruft. * * Dieser stattliche, allen Anforderungen der heutigen Wissenschaft genügende Neubau ist nun seiner Bestimmung in erhebender Feier übergeben worden. Am Vormittag des 15. Oktober um 10 Uhr fand sich eine große Zahl von Ehrengästen — unter ihnen der Oberbürgermeister Adickes — mit dem Lehrerkollegium und dem Direktor in der in ihrer Einfachheit wohlgefälligen Aula im Neubau des Philanthropins zusammen. Ein von Reallehrer Rothschild vorgetragenes Orgelpräludium, das Allegro in Cmoll von Mendelssohn-Bartholdh, leitete die Feier stimmungsvoll ein; ein mehrstimmiger gemischter Chor — Zöglinge der Anstalt — mit Orgelbegleitung: Psalm 97 mit Fuge von Sturm folgte. Den Reigen der Reden eröffnete der Vorsitzende des Vorstandes der israelitischen Gemeinde, Herr Justizrat Dr. Blau. In Anknüpfung an die noch in aller Erinnerung stehende Jahrhundert- . tzier des Philanthropins (1904) begrüßte er die heute zu diesem für die. Schule der israelitischen Gemeinde so bedeutungsvollen Feste Versammelten. Das Haus, in dem die Anstalt mehr als 60 Jahre _ untergebracht war, habe sich mit der Zeit als unzureichend erwiesen, so habe sich die Gemeinde dazu entschlossen, einen Neubau zu errichten, schweren Herzens zwar wegen der großen finanziellen Opfer, doch zugleich freudig im Hinblick auf das Fortschreiten und die Weiterentwicklung des Philanthropins. Im Namen der Gemeinde sprach er allen, die sich um das Gelingen des schönen Baues bemühten, in erster Linie dessen Schöpfer, Herrn Magistratsbaurat Matzdorff, sodann. dem Schulrat und seiner Baukommission wärmsten Dank aus. Indem er noch der hervorragenden Männer gedachte, die im verflossenen Jahrhundert als Lehrer und Leiter die Tradition der Schule hochgehalten hatten, der Heß, Jost, Stern, Creizenach, Lazarus Geiger und Baerwald, übergab er das neue Haus der Schulverwaltung, mit dem Wunsche, daß in ihm Geschlechter erzogen werden möchten, gleich den früheren Generationen des Philanthropins, zu inniger Liebe zum Vaterlande und zur Pflege wahrer Nächstenliebe,. in treuer Anhänglichkeit an den angestammten Glauben. Der Vorsitzende des Schulrats, Herr Stadtrat Horkheimer, übernahm den Bau für den Schulrat und übergab ihn der Obhut ' des Direktors und des Lehrerkollegiums mit Worten des Dankes für die opferwillige Fürsorge der Gemeinde. Indem er diesen Dank auch seitens der Schulverwaltung dem Schöpfer des Hauses aussprach, ging er auf dessen Entstehung ein, berichtete über die der Schule für verschiedene Zwecke gewidmeten Stiftungen und gedachte der bei dem Baue und dessen Einrichtung vorzugsweise beteiligten Künstler und Firmen. Unter anderem gab er bekannt, daß der Bau -790 000 Mark gekostet hat und die bebaute Fläche 1400 Quadratmeter umsaßt. Er schloß mit dem Wunsche, daß das Philäntbropin auch im neuen Hause, getreu feinem Wahlspruche,, ein Hort der Aufklärung und Humanität sein möge. — Hierauf überbrachte Herr Provinzialschulrat Dr. Baier aus Kassel die herzlichsten Glückwünsche seiner Behörde und des Oberpräsidenten der Provinz Hessen-Nassau.- Er gab in-überaus, warmen Wortenseiner-/Freude über'das Gelingen^ des herrlichen Vau es. Ausdruck, von.' dem er am Tage vorher mit •; Bewunderung eingehend Kenntnis genommen habe. Die Israelitisch? Gemeinde habe sich bei diesem Schulbau nicht auf das. Notwendigste beschränkt, sondern in vorbildlicher Opferwilligkeit -. .ihren, ganzen .. Stolz darein gesetzt, etwas in seiner Vollkommenheit Mustergültiges zu schaffen. Im Namen der- Staatsregierung spreche er dafür deren volle Anerkennung aus und ihren Dank neben -deren Schöpfer und seinen Mitarbeitern, vor allem den Herren der Gemeindeverwaltung, die sich um. ihn besonders : verdient gemacht hätten, den.. Herren Stadtrat Horkheimer, Justizrat Dr. Blau und Justizrat Dr. Auerbach. In Anerkennung dieser Verdienste überreichte er in Allerhöchstem Aufträge Herrn Stadtrat H o rkheimer den Roten AdlerordenIV.Klasse. Als weitere Zeichen der Anerkennung für den Direktor und das Lehrerkollegium erhielten Direktor Dr. Adler den Kronenorden III. Klasse und der dienstälteste Oberlehrer Professor Dr. Kracauer den Roten Adlerorden IV. Klasse. ' Hieran schloß sich die Ansprache des Direktors Dr. Adler. .Mit dankbarem Ausblick zu dem Schöpfer alles Seins, unter Anführung des Psalmwortes: „Der Ewige hat diesen Tag gemacht! Lasset uns frohlocken und in ihm fröhlich sein!" verband der Redner den Dank der Schule an alle, die gekommen waren, um diesen schönen Tag des Einzugs in das neue Haus mit ihr zu feiern. Er dankte insbesondere den staatlichen und den städtischen- Behörden, den Direktoren der städtischen Schulen, den Gönnern, Freunden und ehemaligen Zöglingen der Anstalt für die kundgegebene Teilnahme. Wärmsten Dank widmete er den Vertretern der israelischen Gemeinde, welche bereitwilligst die Mittel für den Bau zur Verfügung stellten, dem - Herrn Magistratsbeirat Matzdorff und seinen Mitarbeitern und allen, die an dem Bau tätig gewesen sind und zu seinem Gelingen beigetragen haben. Unter Hinweis auf die vor 4^2 Jahren begangene Jahrhundertfeier der Schule werde, er sich hier darauf beschränken, in kurzen Umrissen den Einfluß zu zeigen, den die Anstalt in der Gegenwart auf unser Tun ausübe. An das Wort seines unvergeßlichen Vorgängers Baerwald anknüpfend „Das Philanthropin soll das Besondere, das Gute, das uns eigen ist. festhalten und pflegen, es soll aber nicht minder die, Jugend hin- - leiten zum freudigen Anschlüsse an das Ganze", suchte er nachzuweisen, wie die Schule bei der Verfolgung dieser Aufgaben in unverminderter Weise die Devise sesthalte, die ihr von ihren Begründern als heiliges Vermächtnis überkommen sei und welche Bedeutung sie bei ihrem Wirken diesem Wahlspruch widme, der von der Treppenwand des neuen Hauses dem Besucher entgegenrufe: Für Aufklärung und Humanität! Er betonte unter anderm ganz besonders den engen Anschluß. des deutschen Judentums an-das deutsche Vaterland mit dem Nachweise, daß diese schon im frühen Mittelalter bestanden hat in enger Verbrüderung mit den Bekennern des Christentums, der erst durch das lateranische Konzil (1215) im Zusammenhänge mit den Kreuzzügen ein jähes Ende bereitet worden ist. Erst wieder seit, der Zeit der Aufklärung hat „der Wille der Zugehörigkeit zur deutschen Nation die Abkömmlinge des jüdischen mit denen anderer Stämme, aus denen unsere Nation zusammengesetzt ist, fest und unauflöslich aneinandergekettet! — Diesem Willen, Deutsche zu heißen und zu sein, verdankt diese Anstalt ihre Begründung, und sie hat diesem Willen in den mehr als 100 Jahren ihres Bestehens bei jeder Gelegenheit klaren und offenen Ausdruck gegeben." Dabei aber werden die Deutschen jüdischen Glaubens immer der Tatsache eingedenk bleiben, daß sie dem Zeitalter der Humanität die Erlösung aus der mittelalterlichen Knechtschaft verdanken und bei Wahrnehmung der national-deutschen Eigenart deshalb allzeit freudig die auf Förderung der gesamten Menschheit gerichteten Bestrebungen fördern Helsen. Dabei wissen wir uns einig mit unseren religiösen Führern, die schon vor drei Jahrtausenden auf das gemeinsame Band .hingewiesen haben, das die einzelnen Nationen mit einander verknüpft. „Mithelfen, freudig Mitarbeiten wollen wir an dieser Anstalt für Erreichung dieses Zieles durch treue Pflege unserer angestammten Religion in der Reinheit und Klarheit,, die die Männer der,Aufklärungszeit ihr wiedergegeben, durch rückhaltlose Hingabe an unser ' geliebtes Vaterland, dabei aber auch durch Pflege wahrhafter Humanität, edelster Menschlichkeit." . ,

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