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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-10-23 · Heft 43 (23.10.1908) · p. Seite 511

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 43 (23.10.1908)
Date
1908-10-23
Page
Seite 511 (sequence 7)
Language
German
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Das alte und das neue Ohilsnthropin. Frankfurt a. M., 16. Oktober, as älteste Schulgebäude unserer Stadt ist vor wenigen Tagen von seinen bisherigen Inhabern' verlassen worden, um mit einem modernen Neubau vertauscht zu werden. Länger als zwei Menschenalter hindurch hat das vor 65" Jahren auf der Stelle des ehemaligen „Holzplatzes der Israeliten" errichtete stattliche Gebäude des Philanthropin den Zwecken der Real» und höheren Mädchenschule der israelitischen Gemeinde gedient. Am 13. November 1845 begaben sich die Schüler und Schülerinnen der damaligen Bürgerschule nebst dazu gehöriger Mädchenschule in feierlichem Zuge vom Kompostell - Hof, der sie lange Jahre beherbergt Hatte, nach dem auf der Rechneigrabenftraße — begrenzt vom ehemaligen israelitischen Friedhof im Norden, von dem israelitischen Krankenhaus im Westen — in den Jahren 1843 bis 1845 entstandenen neuen Schulhause. Da empfingen hohe, lichte Räume die bis dahin unrecht gedrückte Raümverhältnisse Gewöhnten, ein weiter, bald mit fchattenspendenden Kastanienbäumen bestandener Tummelplatz, getrennt für Knaben und Mädchen, bot in den Pausen fröhliche Erholung. Da konnte sich die damals schon von Kindern aller Konfessionen, auch ferner wohnenden, stark besuchte Anstalt ausdehnen, und der Blüte entgegenwachsen, von der bei der Jahrhundertfeier vor vier Jahren beredtes Zeugnis abgelegt worden ist. Ueberden Bau selbst und dessen Bedeutung für Lehrende und Lernende gibt im Jahresberichte von 1846 der damals bereits seit 40 Jahren an ihrer Spitze stehende Oberlehrer Dr. Heß die Auskunft, daß er sich in jeder Hinsicht als seinem Zwecke entsprechend beweise und daß Lehrer und Schüler sich mit Freudigkeit in seinen Räumen bewegten. Und als nach weiteren zehn Jahren Dr. Heß aus seinem Amte schied, da konnte beim Hinweise auf dessen Verdienste sein Amtsgenosse Dr. Jost in den an ihn gerichteten Ab- ' schiedsworten von dem neuen Bau rühmen, daß das in wahrhaft großem Stile erbaute Schulhaus, nicht weit von der berühmten oder vielmehr berüchtigten, gottlob immer mehr einstürzenden Judengasse die Bewunderung aller Reisenden und Besucher errege. Inzwischen ist das einfache doch zweckentsprechende'Gebäude von der Reihe von Palästen, die heute die Schulen unserer Stadt be. Herbergen, weit in den Schatten gestellt - worden, ohne doch im wesentlichen veraltet, oder für seine Zwecke weniger geeignet zu sein. So hat nicht sowohl das Streben nach äußerem Glanze und Prachtentsaltung die Verwaltung der Schule bestimmt, bald nach der glänzend verlaufenen Jahrhundertfeier der Frage näher zu treten,, ein neues, allen Anforderungen der Zeit entsprechendes Schulgebäude in einer anderen Stadtgegend zu errichten, vielmehr hat die Ausdehnung der Stadt nach Westen und Norden, und demgemäß der Wegzug vieler Familien, die ihre Kinder dieser Anstalt .anzuvertrauen pflegten, eine Verlegung der Anstalt als zweckdienlich erscheinen lassen. Daß die bisherigen Gebäulichkeiten noch immer für Schulzwecke geeignet sind, ergibt sich daraus, daß die städtische Schulbehörde sie zu weiterer Verwendung für ihre Schulen — nach Vornahme der nötigen zeitgemäßen Veränderungen — erworben hat. — Ueber den jetzt seiner Bestimmung übergebenen Neubau an der Hebelstraße sei hier in Kürze einiges wesentliche berichtet. Von dem Berliner Magistratsbaurat Matzdorff ist der Bau im Stile streng deutscher Renaissance innerhalb anderthalb Jahren hergestellt worden, auf einem ehemaligen Fabrikgrundstücke nächst den Anlagen im Nordwesten der Stadt. Drei Tore, je eines für die Real» und die höhere Mädchenschule sowie ein größeres unmittelbar zum Schulhofe führend, gewähren Eingang. An das nach der Straße zu liegende Hauptgebäude schließt sich ein die Wohnungen des Direktors und des Pedells enthaltendes, im Villenstile gehaltenes Haus, das durch einen 40 Meter hohen Turm mit dem Hauptbau verbunden ist. Dieser, von einer Galerie mit weiter Rundsicht gekrönte Turm dient praktischen Unterrichtszwecken und entspricht zugleich einem ästhetischen Bedürfnisse. In ihm befinden sich Räume zur, Aufbewahrung der Instrumente, die auf einem kleinen Observatorium Verwendung finden; hier ist auch Gelegenheit geboten zur Vornahme gewisser astrophhsikalischer Experimente, zu denen sonst der Raum fehlt, zu Foucaultschen Pendelversuchen, zu Höhenmessungen mit dem Theodolit. Daneben erfüllt dieser Turmbau den Zweck, zwischen dem hohen Baukörper des Schulgebäudes und der, den Forderungen des Bauplanes zufolge, unmittelbar' daranstoßenden niedrigeren Direktorwohnung zu vermitteln und so die verschiedenen Maße zu einem einheitlich wirkenden iVilde zusammenzufassen. — Von diesem Turme, wie von einem mächtigen Eckpfeiler aus, ziehen sich, rechtwinklig nach -Westen und Süden gerichtet, die beiden langgestreckten Flügel des Schulhauses, welche den .geräumigen, allen Schülern gemeinsamen — doch für Knaben und Mädchen getrennten — Schulhof umgeben, dessen Mitte das aus dem alten Bau hierher übertragene Denkmal des Oberlehrers Dr. Michael Heß ziert'; :'eht kleiner Spielplatz,, lediglich für die mit der . Anstalt verbundene Vorschule bestimmt, liegt neben einem praktisch angelegten Schulgarten auf der Ostseite des Schulgebäudes. Der längere Seitenflügel der Schule enthält im wesentlichen die Klassenräume für die Realschule, während die für die Mädchenschule bestimmten Klassen ln dem nach der Hebelstraße zu gelegenen Flügel untergebracht sind. ' Ein Gescing- und ein Zeichensaal nebst einem Tonmodellierraum, ferner die Hörsäle und Sammlungen für den naturwissenschaftlichen Unterricht, die. beiden Schulen gemeinsam sind, liegen, in den verschiedenen Stockwerken verteilt, ebenfalls in diesem Flügel. Die praktische Ausstattung dieser Räume in sanitärer und wissenschaftlicher Hinsicht — wie Ventilation, Beleuchtung mit Frauenloblampen, diese -nebst Soffitenbeleuchtung auch im Zeichensaal, usw. — ist besonderer Beachtung wert. Der in vier Stockwerke gegliederte Gesamtbau enthält in den Kellerrüumen die Anlagenfür die Dampf- und Warmwasserheizung, die Vorrichtungen für den elektrischen Betrieb, sowie Räume für die Aufbewahrung von Fahrrädern. Im Erdgeschoß liegt die fünf Meter hohe Turnhalle, mit Linoleum belegt und aufs reichste ausgestattet, nebst Nebenräumen für Geräte und Garderobe, ferner,, um einige Stufen erhöht, die Lehrerbibliothek mit Gestellen nach modernem System; ebenda neben Vorschulklassen die sogenannte Einführungsklasse — eine Art Kindergarten für noch nicht schulpflichtige Kinder. Auch verdient hier die Milchküche mit Sterilisierüngs-. und Wärmeapparat Erwähnung, in welcher während der Pansen den Zöglingen auf Wunsch der Eltern gegen eine geringe Vergütung Milch verabreicht wird. In den übrigen drei Stockwerken liegen, neben den erforderlichen, nach beit neuesten Anforderungen aüsgestatteten Klässenräumen — im ersten Stock: das Amtszimmer des Direktors mit Wartezimmer und Zimmer für die Lehrer und Lehrerinnen nebst Sprechzimmer; im zweiten Stock ein. Sitzungszimmer für den Schulrat und das Konferenzzimmer des Lehrerkollegiums; im dritten noch die Handfertigkeitsklasse und die fast die ganze Front einnehmende Aula. Dieser Festsaal der Schule, sehr einfach und in edlen Formen gehalten, dabei von vortrefflicher Akustik, ist von einem korbbogenförmigen Tonnengewölbe überspannt, das durch dreifache elektrische Bronzekronen belebt ist. In die westliche Wand ist eine Orgel mit elektrischem Gebläse eingebaut. Flachreliefs in den Wölbungen sowie an der Ostwand ein vorzüglich gelungenes Kaiserrelief, von Professor Hugo Kaufmann (Berlin), einem Schüler des Philanthropins gefertigt, ferner vier Oelgemäl.de — den Gründer der Schule, Eeisenheimer, sowie die drei früheren Direktoren Heß, Stern und Vaerwald darstellend, von Frankfurter Künstlern — endlich buntfarbige Glasschilder in den hohen Doppelfenstern, sich in fünffachen Motiven wiederholend, erhöhen den vornehmen Eindruck dieses 500 Sitzplätze fassenden Saales. Als besondere Eigentümlichkeit bietet sich dem Beschauer der in reicher Zahl in dem Bau wie außerhalb angebrachte plastische Schmuck dar. Zum Teil besteht dieser aus Nachbildungen aus den Berliner Museen, wie die Kindergruppen auf dem Podest des Erdgeschosses, oder er weist auf den philanthropischen Gedanken hirh dem die Schule ihr Dasein zu' verdanken hat und erinnert so zugleich in pietätvoller Weise an die Stätte, aus der einst, vor mehr als hundert Jahren der größte Teil der Zöglinge hervorgegangen ist. So finden sich alte Zementabgüsse, zum Teil Reliefs aus Häusern der ehemaligen .Judengasse; die Oberlichtgitter über den vorderen Eingangstüren sind eine Nachahmung derjenigen des alten Rothschildhauses; dahin gehört auch der Treppenansgangsp.fosten — ein Holzschnitzwerk: schildhaltendcr Löwe — im Wohnhaufe desMrektors eine vortreffliche Nachbildung, eines im hiesigen Archiveausbewahrten Originals. Die meisten dieser Stücke sind in' der Festschrift zur

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