Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 43 (23.10.1908)
- Date
- 1908-10-23
- Page
- Seite 507 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Das vorbereitende Komitee der jüdischen Konferenz, die vor kurzem hier getagt, hat an die große Organisationen eine Denkschrift gesandt, irt der nach Erörterung der Mißstände, die sich aus den gegenwärtigen Verhältnissen ergeben, folgende positive Ideen und Vorschläge zur Förderung einer großen Gesamtorganisation gemacht werden: Es liegt im Zuge der Zeit, Mißstände, wie die oben angeführten, durch dauernde Zusammenfassung zu beseitigen. Auf allen Gebieten können wir heute das Zusammenwachsen von kleinen getrennten sozialen Organismen zu großen, einheitlich geleiteten, beobachten: Auf dem der Industrie, der Verkehrsmittel, des Finanzwesens, vor allem, aber auf dem des .Vereinswesens. Aehnlich wie Berufsgenossenschaften sich zu Verbänden zusammenschließen, sehen wir auch die Wohlfahrtsgesellschaften in sozial fortgeschrittenen Ländern zentrale Organisationen bilden. Statt nebeneinander oder gegeneinander, mit erheblich größeren Verwaltungskosten arbeitend, geringere Resultate zu erzielen, zieht man überall vor, alle Reibungen zu entfernen, die Kosten zu reduzieren und auf Grund planmäßiger Arbeitsteilung in intensivster und ergiebigster Weise zu wirken. Diese Bewegung ist infolge der Nützlichkeitswerte, die-sie schafft und ihres dem sozialen Entwicklungsgesetz entsprechenden Charakters, so mächtig, daß auch der Zusammenschluß der jüdischen Wohlfahrtsorganisationen unvermeidlich und seine Verwirklichung nur als eine Frage kurzer ' Zeit erscheint. * - :. v Selbstredend wird eine solche Verständigung die Autonomie der einzelnen Organisationen aus ihrem Tätigkeitsgebiete, ihre Initiative und Bewegungsfreiheit auch nicht im geringsten beschränken, ihren Sonderbestand in Gemäßheit ihrer Satzungen in keiner Weise antasten.‘ Vielmehr würden die Tagungen der Delegierten der Organisationen nur den Zweck haben, die Lage der jüdischen Bevölkerung, die Bedürfnisse der jüdischen Gemeinden, den Stand des jüdischen Hilfswerkes in der ganzen Welt zu besprechen und die Richtlinien der jüdischen Wohlfahrtsaktion, insbesondere auch die der Kolonisation, gemeinsam festzulegen. . Die von jeder der Einzelorganisationen bei den von ihr geleiteten Werken gemachten Erfahrungen würden in nutzbringender Weise ausgetauscht werden. Vorschläge, betreffend den Ausbau bestehender Institutionen .oder neue Unternehmungen, die von einer an dem Ausschuß beteiligten Organisation, oder .von - Außenstehenden eingebracht worden sind, würden von den erfahrenen Vertretern der großen Wohlfahrtsgesellschaften gemeinsam begutachtet und eventuell ihren Organisationen zu gemeinsamer Durchführung empfohlen werden.' Bei Signalisierung einer drohenden Gefahr würden sämtliche Organisationen mit vereinten Kräften und rechtzeitig die erforderlichen Anstrengungen machen, um Katastrophen vorzubeugen.. . ' Sollten die Organisationen sich grundsätzlich für die Vereinheitlichung ihrer Bestrebungen durch fortlaufende Verständigung entscheiden, so würde wohl hie Aufstellung der Hauptgesichtspunkte eines einheitlichen Arbeitsplanes dennächsten Schritt bilden. Für die gemeinsame planmäßige Wirksamkeit der jüdischen Organisationen dürften wesentlich vier Gebiete in Betracht kommen: 1.. Förderung und Schutz der Glaubensgenossen in wirtschaftlicher und politischer Beziehung. 2. Pflege der jüdischen Kultur. 8. Auswanderung. 4. Ansiedlung. Sache der Delegierten der einzelnen Organisationen, würde es sein, sich darüber schlüssig.zu werden, inwieweit der jetzige Verwaltungsapparatzu vereinfachen wäre und welche Funktionen im einzelnen einem vielleicht mit der Zeit zu schaffenden Zentralbureau der jüdischen Organisationen zu übertragen sein würden. Niemand wird sich wohl der außerordentlichen Nützlichkeit eines Delegiertentages-aller Organisationen als ständiger Einrichtung verschließen. Die Bildung eines derartigen Ausschusses würde zweifellos eine neue, fruchtbarere Periode der jüdischen Wohlfahrtspflege eröffnen. - Die von Stolypin in fast allen mehr oder weniger größeren Städten Rußlands zwecks Nicderzwingung der Revolution eingesetzten Generalgouverneure sind mit derartigen Vollmachten ausgerüstet^ daß für sie nicht nur alle Gesetze des. Landes, sondern auch der gesunde Menschenverstand aufgehoben zu sein scheint, so daß die Bevölkerung ihnen tatsächlich auf Gnade und Ungnade ausgeliefert ist. Die brutalen und mitunter widersinnigen Willkürakte dieser lokalen Selbstherrscher bilden denn auch seit etwa zwei Jahren eine stehende Rubrik in der russischen Presse und gaben bereits häufig, wie in dem seinerzeit berühmt gewordenen Falle Dambadse, Anlaß zu Interpellationen in der Duma, die freilich stets wie das Hornberger Schießen endeten. Daß aber ein Generalgouverneur, nur um seine unumschränkte Macht den eingeschüchterten „Untertanen" 31t demonstrieren, auch den Schutz der jüdischen Orthodoxie mit in den Bereich seiner segensreichen Tätigkeiteinbezieht und mit schweren Geld- und Freiheitsstrafen gegen . .. den „Schulchan Äruch" ahndet, das ist auch in der an Kuriositäten sicherlich nicht armen Verwaltungspraxis tm Zarenreiche etwas noch nie Dagewesenes und Sensationelles. Dieses Verdienst erwirbt jetzt fast täglich der Gouverneur von Odessa, General Tolmatschow. Man berichtet darüber aus Odessa: „Dieser allgewaltige Administrator, der ein Busenfreund des berüchtigten Anführers der „schwarzen Hundert", des Grafen Konownitzin und Protektor der „echtrussischen Leute" ist, scheint mit seiner „Beruhigungs"arbeit auf politischem Gebiete fertig zu sein und wendet nun seine Aufmerksamkeit den persönlichen Angelegenheiten der ihm anvertrauten Einwohnerschaft der schönen Stadt am Schwarzen Meere zu. Und da-entdeckten eines Tages seine Agenten, daß es eine Anzahl jüdischer Schlächter gibt, die auf ihren Schildern zwar das Wort „koscher" führten, in Wirklichkeit es aber mit den rituellen Vorschriften nicht allzuernst nahmen. Die Folge war, daß die gottlosen Schlächtermeister kurzerhand mit Geldstrafen bis zu tausend Rubeln und mehr bedacht wurden. Ein anderesmal ereilte dasselbe Schicksal den Restaurateur Brunstein, der es ebenfalls nach den Feststellungen, dieses neuen'„Rabbi in Generalsuniform" gewagt hatte, mit dem Ritus in Speise und Trank etwas nachlässig umzugehen und dies mit einer zweiwöchentlichen Freiheitsstrafe abbüßen mußte. Dieses gottgefällige Werk krönte aber unser eifriger Generalgouveur dieser Tage durch eine neue Maßregelung, die noch mehr als die andern beweist, wie sehr er um das künftige Heil der Odessaer Israeliten besorgt ist. Für eine der größten Synagogen dieser etwa 175 000 Israeliten zählenden Stadt' (bei. einer Gesamtbevölkerung von 650 000) wurde nämlich ein neuer Kantor engagiert. Dieser Herr, Jrschanski ist.sein Name, soll eine vorzügliche Stimme besitzen und. hatte auch bei seinem ersten Auftreten die Herzen seiner Gemeinde im Sturm erobert. Der Synagogenvorstand engagierte den Vorbeter und schloß mit ihm einen Vertrag für mehrere Jahre ab. Allein die Rechnung war ohne den Generalgouverneur Tolmatschow gemacht. Dieser fand nämlich heraus, daß der neue Kantor auf seiner Reise von Cherson nach Odessa sich vom allgemeinen Büfett auf dem Dampfer beköstigen ließ und damit seiner Qualifikation als Vorbeter in einer Synagoge verlustig ist. Alles Ein- und Zureden der interessierten Personen hals nichts, und der Sänger mußte mit Schimpf und Schande die Residenz Tolmaischows verlassen. Hoffentlich nimmt sich der Generalgouverneur auch der Menschenrechte der Juden ebenso warm, wie ihrer Speisegesetze an." Es ist also ziemlich sicher, daß eine Konferenz zur Aenderung des Berliner Vertrags und zur Beratung über die Orient-Wirren in Brüssel oder London sich versammeln wird. Dies' ist aber für uns Juden sehr wichtig. Englische Blätter haben zuerst darauf aufmerksam gemacht. So schreibt „Daih Qraptno" in dieser Woche: . ■ ' „ . . . Außerdem sollte Grey bedenken, daß, wenn andere als didvom bosnischen und bulgarischen Streit unmittelbar berührten ÜlSHÜI