Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 43 (23.10.1908)
- Date
- 1908-10-23
- Page
- Seite 506 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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oft von den schmählichen Verhältnissen in der Verwaltung des Oberrabbinats der türkischen Judenheit gesprochen. Mer dies warbloß ein Stück türkischer Mißwirtschäft, die Folge der despotischen Herrschaft und des Polizeistaates — von böser Absicht gegen die Inden .ging man dabei im. Wdiz gewiß nicht aus. Für die Juden in der Türkei wäre daher die Erhaltung dieses Reiches ein Segen, und auch im Interesse der Gerechtigkeit könnte man dieses wünschen. Die neuen Staaten, die sich im Laufe des letzten Jahrhunderts auf dem Balkan gebildet haben, sind gewiß nicht danach beschaffen, im zivilisierten. Europa Sympathien zu erregen. Vorläufig hat sich eigentlich auf dem Balkan trotz des großen Lärms tatsächlich nichts geändert. Politisch und staatsrechtlich mag es von großer Bedeutung sein, daß Bosni.en und die Herzegowina von Oesterreich-Ungarn förmlich, annektiert worden sind, und daß sich Bulgarien zum unabhängigen Zarentum ausgerufen hat. In den inneren Verhältnissen dieser Länder hat sich dadurch nichts geändert. Dasselbe gilt auch von den Juden, deren Lage jetzt weder besser noch schlechter geworden ist. Jn.Bosnien und in der Herzegowina, zeichneten sich, die sephardischen Juden, von jeher durch eine besondere Rückständigkeit aus, die wohl daraus zurückzuführen istdaß sie am längsten von der europäischen Kultur abgeschnitten , blieben. Die österreichische Verwaltung hat manches zur-Förderung des geistigen Lebens unter den Juden getan, aber in den letzten Jahrzehnten hat der Klerikalismus, der in Oesterreich-Ungarn das öffentliche Leben vergiftet, auch in dem Okkupationsgebiet sein Unwesen zu treiben begonnen. Schon der erste verdienstvolle Organisator des Landes, der gebildete und freisinnige Benjamin Kallay, konnte, sich in den letzten Jahren seines Lebens kaum der klerikalen Hochflut erwehren; sein Nachfolger, bekanntlich ein Schützling der Christlich-Sozialen, hat gar nicht mehr den Versuch dazu gemacht, sondern im Gegenteil die Reaktion nur gefördert. Es wird den Juden im eben annektierten Gebiet nicht besser ergehen, als ihren Glaubensgenossen in Oesterreich und in Ungarn. Und was Bulgarien betrifft, so herrscht ja dort von jeher der latente Antisemitismus, der von Zeit zu Zeit einen exzessiven Charakter annimmt. Allerdings ■ ist es dabei völlig gleichgültig, ob der bulgarische Staat ein vasalles Fürstentum oder ein unabhängiges Zarentum bildet; mit „ihren" Juden konnten ja die Bulgaren seit dem Jahre 1878 doch auch so nach Belieben verfahren. Für uns ist die Frage viel wichtiger, ob die Türkei ihre übrigen Provinzen wird behaupten können. Alle Aufmerksamkeit lenkt sich in erster Reihe auf Mazedonien, aus diese von den verschiedenen Balkanstaaten heiß umstrittene Provinz, in der sich mehrere größere jüdische Gemeinden befinden; die größte und wichtigste von ihnen ist die in Saloniki, welche Stadt einen fast jüdischen Charakter trägt. Wem Mazedonien in der Folge zufallen mag — wahrscheinlich wird diese türkische Provinz dereinst unter Griechenland, Bulgarien und Serbien aufgeteilt werden — für die Juden.wäre die Losreißung dieser Wilajets von der. türkischen Herrschaft nach jeder Richtung ein großes Unglück. Sie würden dadurch kulturell nichts gewinnen, denn die „moralischen Eroberungen" der Bulgaren, Serben und Griechen sind gewiß nicht hoch einzuschätzen; sie stehen in vielfacher Beziehung den Türken sehr nach. Wirtschaftlich und politisch hätten die Juden bei einer solchen Neugestaltung der Dinge nur zu verlieren. Nicht minder wichtig ist von unserem Standpunkt die Frage der Zugehörigkeit Palästinas zum türkischen Reich. Auch diese Provinz wird beim fortschreitenden Zerfall der Türkei nicht lange bei dieser bleiben. Wir wollen absehen von den zionistischen Hoffnungen, die sich auf dieses Land richten. Aber jedenfalls leben dort schon jetzt etwa achtzigtausend Juden. In den .letzten Jahren, find manche bedeutende philanthropische Anstalten geschaffen worden, denen wir nur das beste Gedeihen Pünschen möchten. Die Sorge ist jedoch nicht ungerechtfertigt, daß'durch die Orientkrisis die Dingein Palästina sich anders gestalten könntenzumal, wenn man die feindselige und böswillige Haltung der halbvertierten Araber gegen ..die Juden in Betracht zieht. Wir möchten nicht, daß die gemeinnützigen jüdischen Unternehmungen in Palästina eingestellt würden, aber die größte Vorsicht ist hier sehr -geboten, da die Verhältnisse in dieser türkischen-Provinz wie in keiner anderen unsicher und verworren sind. Man kann augenblicklich nicht einmal wissen, von welcher Großmacht die jüdischen Institutionen Palästinas Schutz zu erwarten hätten, da der Einfluß der Großmächte bon Zeit zu Zeit abwechselt. Solange die jetzige Unsicherheit anhält, kann nicht genug Vorsicht geübt werden. / ■ Bit Mache. Berlin, 20. Oktober. ^etzt endlich haben die Antisemiten Recht bekommen. Die Affäre Schücking steht dem Judentum wirklich nichtganz fremd gegenüber. Zwar ist der Bürgermeister von Husum kein Jude, wie sie behauptet, auch nicht einmal ein „Judenstämmling", ebensowenig wie sein Bruder, der Mar-- burger Universitätsprofessor — aber das Judentum,, das „bei jeder Auflehnung gegen die Regierung bekanntlich seine Hände mit im Spiele hat" — so lautet jawohl die stereotype Phrase — ist doch auch in diese Affäre verwickelt, Professor Schücking hat es nunmehr selbst eingestanden. Man höre, was er darüber auszusagen hat: „Im Frühjahr 1907 hatte sich ein neues Unwetter über meinem Haupte zusammengezogen. Monate vorher war ein jüdischer Rechtskandidat, den ich mehrere Semester unterrichtet und im Referendarexamen geprüft hatte, bei mir gewesen und hatte mir geklagt, daß ihm von fünf Oberlandesgerichtspräsidenten ohne triftigen Grund, offenbar seines Judentums wegen, die Anstellung als Referendar versagt war. Ich hatte sthm zu einer Eingabe an den Justizminister geraten und, als er dafür ganz hilflos war, diese Eingabe als sein alter Lehrer für ihn im eigenen Namen gemacht und in der Eingabe darauf hingewiesen, daß ich als Mitglied der Prüfungskommission, die unmittelbar dem Justizminister untersteht, den Betreffenden auch geprüft hätte. Seine Anstellung ist denn auch erfolgt, wenn er auch, statt nach Frankfurt am Main zu kommen, nach Königsberg gehen mußte und im ganzen etwa fünf Monate für seine Laufbahn verloren hat. Als ich nun im Frühjahr 1907, mittlerweile längst Ordinarius und damals gerade Dekan, aus politischem.Anlaß in Berlin weilte, ging ich nichtsahnend in das Ministerium, ließ, mich bei dem Universitätsreferenten Herrn Geheimen Oberregierungsrat Dr. Elster melden und begann ihm vorzutragen, daß meine persönlichen Bemühungen, in Marburg, das öffentliche Recht zu pflegen, an den in dieser Beziehung kläglichen Zuständen unserer Seminarbibliothek scheitern müßten... Dann aber kam Herr Elster sehr bald auf die Angelegenheit meines jüdischen Schülers zu sprechen, überhäufte mich mit Vorwürfen, wie ich es wagen könne mich an den Justizminister zu wenden, und sagte dabei wörtlich: „Was geht Sie überhaupt dieser Rechtskandidat an, mischen Sie sich nicht in Angelegenheiten, die Sienichts angehen! Die Sache, schwebt noch, und Sie werden dafür noch eine, disziplinarische Bestrafung erhalten."