Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 43 (23.10.1908)
- Date
- 1908-10-23
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Sin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Berlin, 23. Oktober 1908. 72. Jahrgang. Nr. 43. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch Buchhandel oder Post (in Berlin u. Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. Rsbaktenr: '.Gustav Rarxeles. Begründet von Rabbiner D«- Ludwig Philixxson. VerleLS-LxxeMM: Berlin, Jerusalemer Str. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße $6/49, zu richten. Verlag von Rudolf. Messe, Berlin. Die Lreignille im.Orient. Berlin, 20. Oktober- 4n der Türkei hat sich vor wenigen Monaten eine unblutige Revolution vollzogen, die von der großen Mehr-- heit, des Volkes mit jubelnder Begeisterung begrüßt worden ist, für das Reich selbst aber wahrscheinlich verhängnisvoll werden dürfte. An der Türkei wird sich aller Voraussicht nach das Schicksal der polnischen Republik wiederholen, die sich vor ihrem gänzlichen Untergange durch eine liberale Verfassung . zu. retten hoffte, damit aber ihre Auflösung nur beschleunigte.^ Das. ominöse. „Zu spät!" spielt im Leben der Staaten, und der Völker eine große Rolle. , . Neben der politischen Bedeutung der aufregenden Ereignisse^ im Orient, welche die Aufmerksamkeit der politischen Welk auf .sich/lenken, interessiert uns Juden auch das Los unserer Glaubensgenossen in der Türkei, deren Zahl man schätzungsweise aus etwa eine halbe Million angibt. Größtenteils sind dies sephardische Juden, die sich von denabendländischen und osteuropäischen Glaubensgenossen nicht nur durch die Liturgie unterscheiden. Man kann im allgemeinen sagen, daß sie sich in gewissem Sinne „assimiliert" haben, so grundverschieden auch das jüdische Kulturleben von dem der Türken sein mag. Unsere Glaubensgenossen in der Türkei haben von der islamitischen Umgebung die Gemessenheit, die Ruhe, aber leider auch ihre Indolenz angenommen. In den letzten fünfzig Jahren haben sie sich wohl äußerlich zum großen Teil europäisiert, aber eben nur äußerlich, wie auch der türkische Staat trotz aller Anregungen von außen im Grunde genommen kein moderner Staat geworden ist. In der Gegenwart hat sich die wirtschaftliche und politische Lage der Juden in der Türkei sehr günstig gestaltet. Im Vergleich mit dem Lose unserer Glaubensgenossen in Rußland, Rumänien und Galizien könnte man das der Juden in der Türkei geradezu als ein glückliches bezeichnen. Und nicht nur das, die Behandlung der Juden in diesem Staate ist auch absolut genommen, eine gerechte. Die Juden leisten dort keinen Militärdienst, was ja auch bei den christlichen Untertanen der Fall ist. Es ist dies die beklagenswerte Folge der Idee vom islamitischen Staat, die zum Schaden der Türkei bis auf den heutigen Tag ihr Recht behauptet hat. Aber damit ist auch nicht im mindesten eine judenseindliche Tendenz verknüpft, denn diese mittelalterliche Einrichtung hat die Regierung nicht gehindert, in der Armee jüdische Generalärzte mit dem Pascha? (Exzellenz-)Tjtel anzustellen und Juden überhaupt zu hohen Staatsämtern zuzulaffen. Auch sonst sind die Beziehungen der Regierung zu ihren jüdischen Untertanen sehr wohlwollend und gerecht, zumal in der Regelung der Gemeindeangelegenheiten, in denen sie. bei'^weitgehender Respektierung der Autonomie den Gemeindeorganen staatliche Autorität und die' staatliche Exekutive zur Verfügung stellt. Die jüdische „Rajah" erfreut sich, trotzdem oder vielleicht gerade deshalb, daß sie von seiner auswärtigen Macht beschützt und zu politischen Umtrieben - benutzt wird, des wohlwollendsten Schützes seitens des Sultans. Es wäre aber doch ein großer Irrtum, wenn man annehmen wollte, daß diese tolerante und gerechte Gesinnung im Wesen des Islams läge. Zweifellos hat der Islam auch manche sympathische Elemente; aber an Fanatismus gegen die Bekenner anderer Religionen fehlt es ihm auch nicht'. Wer die Geschichte der schmachvollen Ausnahmegesetze gegen die Juden kennt, weiß zur Genüge, daß viele von ihnen von mohammedanischen Herrschern ersonnen worden sind; im wesentlichen reichen sie bis Zur Zeit Omars I., des zweiten Kalifen, zurück. Die christlichen Herrscher des Mittelalters'haben diese, schnöden Beschimpfungen und Bedrückungen, die von den Mohammedanern an Juden und Christen verübt worden sind, von den islamitischen Bedrängern übernommen, um durch sie ihr Mütchen an den schutzlosen Juden zu kühlen. Es ist ebenso falsch, wenn geglaubt wird, die semitischen Araber, angeblich mit uns stammverwandt, seien Freunde der Juden. Denn in Wahrheit sind sie überall, besonders aber in Aegypten und Palästina die gehässigsten Judenfeinde. Der Islam wird tolerant und vornehm lediglich durch die Türken repräsentiert, welche das beste und zuverlässigste Element im Orient bilden. Die Türken sind die geborenen Edelleute, des Orients, soll Fürst Bismarck über sie geurteilt haben, und gleichviel ob er dies gesagt hat oder nicht, tatsächlich sind die Türken im öffentlichen Leben, in Handel und Wandel und im Verkehr mit Andersgläubigen die besten und ehrlichsten Menschen auf dem Balkan. Nicht sie verüben Greuel, über die man im Westen aus rührender Unkenntnis lamentiert, sondern an ihnen werden von den slawischen Horden abscheuliche Greuel verübt, oder die Slawen metzeln sich gegenseitig nieder. Unter der türkischen Herrschaft haben die Juden nur insofern zu leiden, als der türkische Staat an sich seinen Bürgern keine genügende Sicherheit bietet. Die Gesetze sind veraltet Und schlecht, aber damit ist das Uebel noch gär nicht erschöpft; in der Türkei gibt es überhaupt keine Gesetze, sondern bloß die .Willkür der Beamten. Auch die Juden haben das oft zu spüren bekommen; nur erfolgte, wenn die Sache sehr schlimm wurde, von Konstantinopel aus eine energische Weisung an die Beamten. Von Judenfeindlichkeit war die Regierung des Sultans niemals geleitet. Man' hat. in den letzten Jahren