Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-10-16 · Heft 42 (16.10.1908) · p. Seite 503

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 42 (16.10.1908)
Date
1908-10-16
Page
Seite 503 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3228798-3228841--64988-3277077
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

die Hand nehmen^ Ich beanspruche nur ganz bescheidenelProzente der Mitgift-" „Ach so. Sie sind ein richtiger Schadchen?" „Wovon sollte ich sonst leben? Denken Sie, daß man von diesem Wirtshause fett werden könne? Aber es steigen hier Leute aus allen umliegenden Städten ab. Ich bin daher in den weitesten Kreisen bekannt, kenne alle annehmbaren Partien. Ich habe viel mehr auf Lager als jeder andere Schadchen." „Aber ich sehe nicht jüdisch genug aus." „Nu! Lassen Sie nur die Ohrlocken wachsen, die Mitgiftwird sich mit ihnen vergrößern." — Der Wirt hatte die alte ölige Vertraulichkeit wiedergesunden. „Ich kann nicht warten, bis meine Ohrlocken wieder gewachsen sind," sagte David mit einem plötzlichen Einfall, „aber wenn Sie mich bei Tinovitz einführen, so soll es Ihr Schaden nicht sein, wenn die Sache gut ausfällt." Der Wirt rieb sich die Hände. „Jetzt sprechen Sie wie ein vernünftiger Mann." - ' Schluhkrlt. Von Sophie Jacobsohn. s flieht die Zeit auf mächtigen Schwingen, Ein ewig Kommen, ewig Gehen. — Ganz leis' verklingt der Feste Reigen, Des Alltags Hauch will uns umwehen. Nochmals umfängt uns stille Weihe, Da nun erscheint des Festes Ende. — Ich denke der vergang'nen Stunden Und heb' zu Dir, mein Gott, die Hände. Manch wilder Sturm hat mich umtoset. Ich sah des Glückes Schale wanken. Doch Du hast gütig mich geschirmet!, Drum will ich Dir in Demut danken. O gib mir Kraft zu ernstem Ringen Und Mut, das Edle froh zu wagen! Und soll mein Hoffen dumpf zerschellen, So lehr' mich, stille zu entsagen. Nur eines will ich heiß erflehen: Herr, meine Lieben laß nicht leiden, Spend' ihnen reichen Segens Fülle! — Dann will ich freudig nach bescheiden. Literarische Mitteilungen. — Dr. F. Coblenz: Jüdische Religion. Leipzig, 1908, Quelle und Mäher. Vor einigen Jahren kam es zwischen einem evangelischen Pfarrer und mir, als ersterer meine Schule besuchte, zu einer Aussprache über unsere jüdische Religion. Der Pfarrer, der gern dem Judentum Lichtseiten einräumte, wies aber auch recht deutlich auf das hin, was nach seiner Meinung Schattenseiten seien, und als die dunkelste nannte er seine Starrheit, seine Ablehnung gegen das Prinzip der Entwicklung. Ter Geist des Prophetentums habeFdäs Judentum nicht beeinflußt, die Einschnürung des Geistes vielmehr Fortschritte gemacht. Der starre Buchstabe herrsche. Ich entgegnete, daß es in allen Religionssystemen. im Christentum so gut wie im Judentum, Perioden der lebendigen Entwicklung wie solche der toten Erstarrung gegeben Habe. Wenn man auf die letztere als eine Eigenheit der jüdischen Religion Hinweise, so begehe man denselben Fehler, als wenn man die Inquisition gleichstelle mit dem Wesen des Christentums. Beides seien vielmehr Folgeerscheinungen einer gewissen Zeitrichtung, die nicht in aufsteigender, sondern in absteigender Linie ihren Weg nahm. Beim Judentum haben dann noch äußere ungünstige Verhältnisse diesem Zeitraum eine lange Dauer aufgezwungen. Dieses habe sich seit der Zeit geändert, wo die Bedrückung und Absperrung der Juden gemildert wurden. Immer mehr öffne Man dem prophetischen Geiste die Pforten, den man erst liebgewinnen . und für den man . sich erst begeistern konnte, seitdem unsere deutsche Muttersprache seine Vermittlerin wurde. Erstaunt war er allerdings über die Stellung der Parteien im Judentum gegenüber dem Vorwärtsdrängen der prophetischen Gedanken in Schule, Haus, Synagoge und Leben. Hätte damals das Buch „Jüdische Religion" von Coblenz schon Vorgelegen, so hätte meine Verteidigung an ihm eine prächtige Rechtfertigung gefunden. Ich hätte ihm sagen können: „Bitte, überzeugen Sie sich. Hier ist das Wesen des Judentums knapp wiedergegeben." Ich gab ihm damals die 15 Sätze der Ethik des Judentums, die der Deutsch-Israelitische Gemeinde-Bund herausgab. Die Versuche, die jüdische Religion in einem Lehrbuche knapp darzustellen, sind oft gemacht worden. Sie sind meistens fehlgeschagen. Der eine Verfasser hat sich den Lekulelian aruch, der andere die Philosophie als Leiter bezw. als Leiterin ausgesucht. So konnte vielleicht der Verstand (oder Unverstand?), nicht aber das Herz, das Gemüt zu seinem Rechte kommen. Und auf dieses kommt es bei der Erziehung zur Religion vor allenr an; das Herz muß warm werden. Wenn dann Inhalt und Form sich schön zu einem gefälligen Ganzen vermählen, dann ist der Wurf gelungen. Das neue Coblenzsche Buch kommt diesem Ziele näher. Es zeigt eine erfreuliche Klarheit in seinem ganzen Aufbau und in der Einzelausführung. Und .was schöpft der Verfasser nicht aus dem Born der Prophetie? Daß sie in den Bereich des Menschlichen gerückt wird, tut ihr keinen Abbruch. Man achtet den Menschen, der sich der Vollkommenheit, der Heiligkeit zunlüht, höher, wenn er es aus sich heraus tut. So erst können uns die Propheten nachahmenswerte Vorbilder werden. Viele verhalten sich gegen die Fassung der Religion in ein System ablehnend. Der heutige Kulturmensch zieht ' aber meist den wohlgeordneten Park, der Auge und Herz erfreut, der Wildnis vor. Er kann sich eher darin zurechtfinden. Aus der Wildnis ist es oft schwer, sich herauszufinden. Den Beifall des praktischen Lehrers wird die Gegenüberstellung der heidnischen und der jüdischen Auffassungen finden. Das gibt einen Maßstab zur Wertung unserer Religion. Daß die Menschlichkeit sich züm Göttlichen hinentwickeln, und daß sich dies im sozialen Verhalten äußern müsse, das als den Leitgedanken der jüdischen Religion rein, und sicher ausgeführt zu haben, gereicht dem Autor zum Verdienst- Das Buch, das sich wie eine Predigt liest, stellt an die Schüler nicht geringe Forderungen. Der Begriff „Sittlichkeit" in seinem jetzigen Umfange ist doch für Kinder ziemlich schwer verständlich. „Dieses Göttliche ist nur im Keime vorhanden", auch dieser Satz geht wohl über das Verständnis zwölf- bis vierzehnjähriger Kinder hinaus, ebenso der Ausdruck „harmonische Vollendung" u. a. Aber dies tut dem Werte des Buches keinen Abbruch. Da tritt eben das Geschick des Lehrers in die Bresche, Htwas mehr Beschränkung dürfte in der Anwendung der Superlative bei den ausschmückenden Beiwörtern angebracht sein. In dieser Beziehung müssen.wir alle noch uns Goethes Vornehmheit zum Muster nehmen. Dann schwindet auch das Schreckliche „voll und ganz" einmal von der Bildfläche, das in diesem Buche auch nicht haust. Die Auswahl der Bibelstellen verdient Anerkennung. Es wäre vielleicht praktisch, sie durch verstärkten Druck hervortreten zu lassen. Das Werk von Coblenz ist ein gutes Buch für reife Schüler und Erwachsene, die daraus ein klares Bild von ihrer Religion gewinnen können, I. Nußbaum-Viersen. * Dr. Theodor Haas: Die Juden in Mähren, Darstellung der Rechtsgeschichte und Statistik unter besonderer Berücksichtigung des 19. Jahrhunderts, Brünn 1908, Jüdischer Buch- und Kunst-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.