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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-10-16 · Heft 42 (16.10.1908) · p. Seite 502

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 42 (16.10.1908)
Date
1908-10-16
Page
Seite 502 (sequence 10)
Language
German
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so gewöhnt, daß man es für ein Teil der Naturordnung ' betrachtete. Der Wirt des Gasthauses schüttelte den Kopsi „All^ unsere Zimmer sind besetzt." . David, der immer noch seinen Geigenkasten liebevoll umschlungen hielt, warf einen Blick über das schmutzige, mit Senf beschmierte Tischtuch aus dem langen Tische und'auf die Brut des Wirtes, die auf dem Fußboden herum lag und spielte. Wenn dies das beste Wirtshaus war, wie um Gottes willen mochten dann die anderen aussehen? „Für wie lange," fragte er. Der Wirt zuckte die Achseln, wie der Kutscher es getan. „Bin ich der Allmächtige?" Er trug ein schwarzes Sammetmützchen, das aber nicht so geformt war, wie das Ritual es dem orthodoxen Juden vorschreibt, um seine Frömmigkeit zu bekunden. Sein viereckiger Schnitt bewies der jüngeren Generation, daß er ein Weltmann sei, der mit der Zeit voran ging; der alten mußte das Material und die Farbe genügende Garantie für seine Rechtgläubigkeit sein. Er war der richtige, Wirt, der. Freund aller derer, die etwas bei ihm verzehrten. ,-Wieviel Zimmer haben Sie denn überhaupt?" fragte David. „Wieviele sollte ich denn haben? Doch nur dies eine," erwiderte der Wirt. „Nur dies eine Zimmer?" David wandte sich an den Kutscher: „Sie sagten doch, daß dies das beste Wirtshaus sei? Wahrscheinlich ist es das Ihres Schwagers?" „Was schadet es Ihnen, wenn es dies wäre?" antwortete der Kutscher. „Sie sehen, daß er Sie nicht aufnehmen kann." „Weshalb haben Sie mich d.enn hierhin geführt?" „Weil nirgendwo anders Platz ist." „Was?" David starrte ihn. an. „Bei den Gesetzen Moses," erklärte der Wirt gutmütig, „Weshalb sind Sie auch gerade zur Zeit der Rekrutenaushebung gekommen? Die jungen Leute aus allen benachbarten Dörfern sind hierher gekommen, um ihre Nummern zu ziehen. Alle jüdischen Wirtshäuser sind von Bauern erfüllt und sie essen da koscher," fügte er lachend hinzu. David runzelte die Stirn. Dann aber sagte er sich, daß, wenn dies der Fall sei, der Pogrom jedenfalls verschoben werden würde, bis die Rekruten zu ihren Regimentern gebracht und die glücklichen Burschen, die ein Freilos gezogen, zu ihren Dörfern zurückgekehrt sein würden. Er würde dadurch Zeit gewinnen, das jüdische Verteidigungskorps zu, organisieren. Ja, er und Rußland warben gleichzeitig ihre Rekruten! Indessen, wo sollte er ein Unterkommen finden? „Sie können die Lezhanka haben" (der Platz auf dem großen gemauerten Ofen), sagte der Wirt, seine Gedanken beantwortend. David blickte wehmütig auf den hohen Ofen. Nun, man konnte schließlich im Winter noch einen schlechteren.Schlafplatz finden, als der auf einem Ofen war. Vielleicht würde er sogar, wenn er sich mit seiner Geige dahin zurückzöge, am sichersten vor der Neugierde der Polizei sein. Gleichviel, er war sehr müde. Er konnte jedenfalls dort ausruhen; es war noch früh am Morgen, er hatte also später Zeit genug, ein anderes Logis zu suchen „Lassen Sie mein Gepäck hereinbringen," sagte er resigniert. „Tee?" fragte der Wirt, sich am Samovar zu schaffen machend. „Haben Sie-nicht einen Tropfen Branntwein?" Der Wirt hielt erschrocken die Hände in die Höhe: „Monopolja“ (Monopol), rief er; - „Haben sie den Juden überhaupt keine Konzession erteilt, Alkohol zu verkaufen?" „Nein, sie müßten denn Weihwasser unter den Branntwein mischen, wie der getaufte Benjamin dies tut," sagte der Wirt mit grimmem Humor und fügte schnell hinzu: „Sein Wirtshaus ist noch voller wie das meine; es stehen dort vier Betten im Zimmer." - Da das Mittagessen schon vorüber war, konnte David. nur ein paar aufgewärmte Brocken bekommen. Der Hunger jedoch würzte das elende Mahl und er benutzte die augenblickliche Abwesenheit der Kundschaft, um von' dem Wirte einiges über die tonangebenden Bürger des Städtchens zu erfahren. „Aber Sie werden bei keinem von ihnen als Musiklehrer reüssieren", warnte der Wirt ihn, „Tinovitz, der Kornhändler, hat zwar ein paar Töchter, von denen man sich erzählt, daß sie christliche Erzählungsbücher lesen, aber halten Sie es darum für wahrscheinlich, daß ihr Vater es riskieren würde, daß sie sich in einen jungen Mann verlieben, dessen Haare und Kleider wie die eines Christen geschnitten sind? Nicht, als ob ich solche Vorurteile teilte! Ich habe die Welt gesehen und weiß, daß es möglich ist, am Sabbat ein Taschentuch zu tragen und doch ein guter Mensch zu sein." „Ich bin nicht hierhin gekommen, um Mnsikstunden zu geben, sondern um schießen zu lehren," sagte David keck. „Schießen?" Der Wirt schaute ihn erstaunt an. „Sind Sie denn kein Jude, mein Herr? Ich bitte Sie um Entschuldigung." Seine Stimme hatte plötzlich den demütigen Klang angenommen, dessen er sich bediente, wenn er mit den Puritz (Polnische Edelleute) redete. Seine salbungsvolle Familiarität war verschwunden. „Salachti“ (Ich habe vergeben), sagte David auf hebräisch und über das verdutzte Gesicht des Mannes lachend. „Glauben Sie nicht, daß angesichts des bevorstehenden tragischen Ereignisses es die höchste Zeit ist, daß die Juden von Milovka schießen und sich verteidigen lernen?" Der Wirt blickte unwillkürlich erschrocken um sich, ob kein Spion im Zimmer sei. „Hüten Sie Ihre Zunge," sagte er tief erschrocken. Aber David fuhr fort zu lachen: „Sie, mein Freund, sollen mein erster Schüler sein." „Gott bewahre mich davor! Ich muß Sie wirklich bitten, ein anderes Logis zu suchen." David lächelte grimmig über diesen ersten Erfolg seiner Mission. „Nun, ich denke, es wird sich wohl noch irgendwo anders ein Osenplatz finden lassen," sagte er lustig, worauf der Wirt, der noch nie im Leben so entschieden ausgetreten war, schon fürchtete, zu weit gegangen zu fein. „Sie sollten den Rat eines welterfahrenen Mannes annehmen," sagte er in vermittelndem Tone, „und solche verrückten Absichten in den Fluß.werfen, in dem Sie zu Neujahr Ihre Sünden versenken. Ein so junger und hübsch aussehender Mann, wie Sie es sind! Sehen Sie, wenn Sie es wollen, könnte ich Ihnen zu einem Schiduch verhelfen, die so gut ist, daß Sie für Ihr ganzes Leben in der Wolle sitzen." „Ha! ha! ha! Woher wissen Sie es denn, daß ich nicht verheiratet bin?" „Verheiratete Leute sprechen nicht . so leichtfertig vom Schießen. Kommen Sie, lassen Sie mich die Angelegenheit in

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