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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-10-16 · Heft 42 (16.10.1908) · p. Seite 501

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 42 (16.10.1908)
Date
1908-10-16
Page
Seite 501 (sequence 9)
Language
German
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. Diese Vision oder Fieberphantasie übte eine gar wunder- .. -bare Wirkung auf ihn'aus. Es erschien ihm nicht als v Wunder; er dachte darüber nicht nach, ja, ihm fehlte sogar die klare Erkenntnis, daß seine Mutter tot sei. Allein von. jenem Augenblick an kehrte eine unerklärliche Beruhigung, eine so fromme Zuversicht in fein ganzes Wesen ein,, es wurde klar und licht in ihm und die Dumpfheit seines Zustandes war wie eine Decke weggehoben. Von dieser Minute an war er , ein anderer; selbst sein Arzt fand am Morgen darauf, daß die Krisis überstanden sei, und von da an genas er. Von seinem Vater erzählt Saphir, daß dieser ein Mann voll des schärfsten Verstandes gewesen, der von vielen Bewohnern, auch der umliegenden Komitate, bei allen Dingen zu Rate gezogen worden sei und das Amt eines Oberlandessteuereinnehmers der damaligen Kopfsteuer (Malkegeld geheißen) gehabt habe. Er sei ein strenggläubiger Jude gewesen und sehr ernst. Das Lachen erschien ihm fast antireligiös, und seine Kinder bekamen nur selten die Erlaubnis zu lachen'. Die hauptsächlichste Sorgfalt verwandte er daraus, seinem Sohn Moritz schön Schreiben lernen zu lassen, und es war ihm eine Quelle von Verdruß und Betrübnis, daß der kleine Moritz ' darin wenig Fortschritte machte. Doch lassen wir diesem selbst das Wort: Die jüdischen Buchstaben sind viel malerischer, viel charaktervoller als die deutschen. In der deutschen Schrift kann man die Buchstaben eines ganzen Wortes verbinden, sie in einem Zug hinschreiben; jedes Wort ist eine verbundene Gemeinde. In der jüdischen Schrift muß jeder Buchstabe für sich allein hin gestellt werden. Jeder Buchstabe ist ein „Ba^os“ (Hausbesitzer) für sich. Mein Vater hatte Lieblingsbuchstaben, z. B. „K" (Luk), das „P" (Pee), das „n d" (nun-dallet). usw. Diese drei Buchstaben waren meine ersten Feinde; auf der Welt. Wenn ich ein „P" machte, schien es mir Gesichter zu schneiden, mich anzugrinsen, und anstatt, daß es, fertig gewunden, aussehen sollte wie eine Loa Oonstrietor, die sich zirkelmäßig zusammenrollt, sah es aus wie ein verdorbener Krautstrudel, der in seiner Entwicklungsperiode doppelte Glieder bekam und sein Dasein zwischen Pantoffel-und Puddelmützengestalt hinfristete. So oft mein Vater ein solches naturwidriges ,Pee" sah, wie es aus der schwarzen Spitze meiner Feder auf das Papier hintrat, seufzte er tief über die Entartung meiner Menschenwürde: „Wer ein solches „Pee“ macht, wird sein Lebtag kein ordentlicher Mensch." Also diese „Pee“ ist schuld, daß ich ein Schriftsteller wurde." Ghktto-Kllmädikn. Von I. Zangwill.*) Samooborona. E5SJJS I. milovka war die nächste Stadt aus der Karte des heiligen Rußlands, die mit Blut gefärbt werden sollte. Die Nachricht von dem beabsichtigten Judenmassaker in dieser kleinen polnischen Stadt war durch die Indiskretion eines Dorfpopen in dem Hauptquartiere der Samooborona („Bund zur Selbstverteidigung") im südlichen Rußland bekannt geworden. Es scheint, daß in Milovka, obwohl es ziemlich weit von den großen Zentren politischer Unruhen entfernt lag, dennoch ein großes Interesse für diese rege ward, ein Interesse, das so weit ging, daß man sogar eine Zeitung gegründet v1) Deutsch von Hanns Heinz Ewers.. hatte. Es war daher wirklich - notwendig, durch ein erstklassiges Massaker zu beweisen, daß die wahren Russen immer noch Gott und dem Zaren treu waren. Milovka lag abseits von der großen P o gro mrp ute, und von selbst hätte niemand dort daran gedacht, daß ein Massaker stattfinden müsse. Das Gift des Judenhasses war von den Popen eingeimpft und sorgsam genährt worden. Freilich waren beinahe zwei Drittel der Einwohner Juden, und infolgedessen war es schon etwas schwerer, die Gier nach dem Blute der Israeliten zu erregen. Aber auf der anderen Seite würde ein Pogrom sich auch viel leichter ausführen lassen; das Judenviertel bildete eine ganz für sich abgeschlossene Stadt; man brauchte keine Dvorniks (Türhüter) zu fragen, um sich seiner Opfer zu versichern; man brauchte nur in diesen niedrigen Holzhäusern umherzuwüten, in diesen so armseligen Wohnungen, von denen auch die bescheidenste zweifellos . unerschöpfliche unterirdische Schätze barg. David Amram wurde schnell nach Milovka gesandt, um . dort ein lokales Selbstverteidigungskorps zu gründen. Er führte so viel Pistolen mit sich, als sich in seinem Geigenkasten verpacken ließen; dieser und eine große Rolle mit Noten, die Munition enthielt, waren die hauptsächlichsten Stücke seines Gepäcks. Es war zu Anfang des Winters, der jedoch ungewöhnlich milde auftrat. Die Sonne leuchtete über den weiten Ebenen, und als Davids Zug ihn nach Milovka führte, schwoll sein Herz in dem Gedanken an die der Makkabäer würdigen Taten, die durch die regenerierten jungen Söhne Israels ausgeführt werden sollten. Aber die Reise war lang. Gegen das Ende derselben geriet er in eine Unterhaltung mit einem alten russischen Bauern, der nicht nur in. keiner Weise von der allgemeinen politischen Erregung erfaßt war, sondern sogar bitterlich darüber klagte, daß die gute alte Zeit des Leibeigentums vorüber sei. „Denn damals brauchte man sich keine Sorgen zu machen — man aß und trank. Jetzt ist alles Mühe und Arbeit geworden." „Aber," erinnerte ihn David, „wenn es Euerm Herrn gefiel, wurdet Ihr ausgepeitscht." „Er war ein Edelmann," antwortete der Bauer würdevoll. David versank in tiefes Schweigen. Hatte denn nicht auch der Jude es gelernt, die Rute zu küssen, mit der er gezüchtigt worden? Und das war noch nicht mal die Rute eines Edelmanns! Jeder Muschik, jeder russische Schurke konnte sie schwingen. Aber, Gott sei Dank, die Zeit dieser feigen Judenbrut war vorüber — sie wurde durch die Pogroms vernichtet — das war das einzige gute davon. Auf der Station mietete er eine wacklige Droschke und sagte dem jüdischen Kutscher, er möge ihn zu dem besten Wirtshause des Städtchens führen. Quer über der unbequemen Bank des altmodischen Gefährts sitzend und zärtlich wie ein richtiger Musiker seinen Geigenkasten umfassend, fing er, während der Wagen über die schlechten Wege stolperte, an, mit seinem Führer über die drohenden Judenmassakers zu sprechen. „Bah!" meinte der Kutscher, die Achseln zuckend, „wir sind hier im Golut!" Er sprach resigniert, aber ohne irgendeine Befürchtung auszusprechen; David merkte sofort, daß es nicht so leicht sein würde, die Juden Milovkas aus dem Gefühl der Sicherheit zu erwecken, in dem sie sich wiegten. So wie jeder Mensch den anderen Menschen für sterblich hält, so hielt auch Milovka die Massakers für eine schreckliche Wirklichkeit — die aber wohl nur andere Städte treffen würde. Man ließ sich nicht mehr dadurch in Aufregung bringen; vor Kischineff hatte man sich unglaublich gefürchtet, aber als bald .hier, bald dort Judenmassakers stattfanden, hatte man daran sich

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