Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 42 (16.10.1908)
- Date
- 1908-10-16
- Page
- Seite 500 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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hieb unbarmherzig auf' mich los, das Blut strömte über mein Antlitz, aber er verfolgte mich mit Hieben bis an das Tor und unterbrach seine Amtsführung durch nichts als durch den Ausruf °- ,;Eredj zsidö! Eredj pokolba!“ (Schere -Dich, Du Jude, schere Dich zum Teufel.) Das waren die ersten Spaziergänge eines Lovas-Berenyer Israeliten." Ueber die Entstehungsgeschichte seines Namens Saphir und die Namensänderung der österreichisch-ungarischen Juden unter Kaiser Joseph II. gibt uns der Verfasser einige ebenso lehrreiche wie unterhaltende Daten: „Den Namen Saphir," erzählt er, „hat mein Großvater angenommen, als auf Befehl Kaiser Josephs die Israeliten Namen annehmen mußten. Mein Großvater hieß: Israel Jsreel. Als die Verordnung der Familiennamen ins Werk gesetzt wurde, berief ihn zu diesem Behufs der damalige Stuhlrichter, dem dieses Geschäft oblag, zu sich und fragte ihn, wie er heißen wolle. Mein Großvater wußte es anfangs selbst nicht, doch da er einen Siegelring als Erbstück an seinem Zeigefinger trug, in dem ein Saphir saß, so sagte der Stuhlrichter: „Heißen Sie sich Saphir", und so geschah es." An diese Erzählung von seinem Großvater knüpft Saphir die Wiedergabe der folgenden, kleinen, tragischen Geschichte: „Mein Großvater war ein großer, stattlicher, Ansehen gebietender Mann; noch steht er im Geiste vor mir: schneeweißes Haar und schneeiger Bart gaben ihm ein ehrwürdiges, eine edle Nase und zwei feurige blitzende Augen ein patriarchalisches Aussehen. Er trug einen großen dreikrempigen Hut und einen großen Stock mit silbernem Knopf, so daß er einem früheren französischen Maire nicht ganz unähnlich war. Er lebte früher in Cfor, einem kleinen Ort, ebenfalls jenseit Stuhlweißenburg. Er war reich; Ursache genug, daß ihn die Bauern seines Ortes haßten, denn heute kam Ferenz und hatte kein Geld und lieh sich von ihm Geld auf seine nächste Weinlieferung, morgen kam Jose und ließ sich von ihm Geld auf seine nächste Schafwolle geben, übermorgen kam Miska und ließ sich von ihm Geld auf seine nächste Kornernte geben usw. Wenn aber die Zeit kam, wenn der Wein gekeltert, die Wolle geschoren und das - Korn eingesührt wurde, da wollten Ferenz und Jose und Miska kein Geld bezahlen, aber auch keinen Wein und keine Wolle und kein Korn an den „Zzido" (Jude) geben, sondern dasselbe an andere für bares Geld verkaufen, und dann wurde der „Zzido" geflucht und geschimpft und - verlästert, und so kam es, daß in einer schönen Nacht das Haus meines Großvaters brannte, und niemand durfte löschen. Und Ferenz und Jose und Miska glaubten, das Schuldbuch des „Zzido" wäre auch verbrannt, es war aber nicht. Mein Großvater baute das Haus am Csorer Bach wiederauf, und siehe da, es brannte wieder, zufällig, ganz zufällig, und alle, die löschen sollten, lachten zufällig, ganz zufällig. Und meine Großmutter nahm ihre beiden Kinder auf den Rücken, und mein Großvater nahm etwas Solideres, nämlich einen großen Sack voll Dukaten und Edelsteine und "warf ihn heimlich in einen tiefen verfallenen Brunnen, der in seinem Garten war, und sie ließen Haus und Hof brennen, und sie bekamen in ganz Csor kein Obdach, und sie wanderteN in finsterer Nacht, nur schwach . von der Helle ihres brennenden Hauses begleitet, bis Stuhlweißenburg, und sie pochten ans Tor und jammerten, und die Kinder winselten, und sie erhielten zur Antwort: „Ein Zzido darf in der Nacht nicht in dieser königlichen Freistadt sein." Da ließ mein Großvater sein Weib und seine Kinder in dem Hause eines Fischers vor der Stadt, bei dem er stets seine Fische kaufte, und sagte zu meiner Großmutter: „Ich gehe gen Wien." „Zu wem willst Du gehen in Wien?" „Ich weiß schon, zu wem ich werde gehen in Wien; zu Kaiser Joseph." Und er ging nach Wien und kam zu Kaiser Joseph. Die Persönlichkeit meines Großvaters, war gewinnend und imposant; sein Wesen gerade und offen, und er mußte sich doch Verdienste erworben haben, denn Kaiser Joseph kannte ihn.- Er hatte wohl bei Rekrutierungen. Militärspitalen und Regulierung der sogenannten Toleranzgelder (er war Steuereinnehmer im Komitat) sich Verdienste gesammelt, ich weiß es nicht mehr so genau, aber es genügt, daß er zurückkam und vom Kaiser Joseph die damals kaum glaubliche königliche Auszeichnung bekam, sich in der' königlichen Freistadt.' »njasfig zu machen. Mein Großvater kehrte mitdiesem Gnadenbriesi: Kaiser Josephs zurück, allein jetzt, wo es ihm freistand, da zu wohnen; sagte er: „Ich will nicht da wohnen." Und er zog nach Lovas» Beröny, nachdem er in einer günstigen Nacht seine Dukaten holte und in Lovas-Beröny ein neues. Haus zu gründen begann." Diese kleine Episode aus jener Zeit Kaiser Josephs mag den Geist schildern, der damals noch in Ungarn lebte. Ein lichterer Himmel lacht jetzt über jene sumpfige Gegend, ein milderes Geschlecht blüht auf ihren Fluren, eine humanere, edlere- Gesinnung lebt in den biederen Bewohnern jener ehemaligen Krönungsstadt. Der Bachur Saphir studierte auf der Jeschiwah seines Heimatsortes, und Rabbi Lebisch hieß der Mentor, der seine ersten Schritte in Welt und Wissenschaft leitete. Ueberaus belustigend ist die Charakteristik, die Saphir von der Pädagogischen Begabung dieses Rabbi Lebisch entwirft: „Er besaß einen eigenen Genius zum Unterrichten; dieser Genius bestand aus einem langen Pfeifenrohr, das am Ende mit einem runden Knopf versehen war. So oft mir nun ein Satz aus dem Lesebuch nicht recht einleuchten wollte, zog er das Rohr aus der Pfeife und bewies mir hinter meinem Rücken auf die eindringlichste Weise die Wahrheit und Wichtigkeit meines Satzes. Ich hatte einen Schul- und Pfeifenrohrkollegen, das jüngste Kind der Laune unseres Schuldieners, Sanele geheißen. Er war ein abgerundeter Dummkopf, ein herkulischer Esel. Als Beweis seiner Genialität mag folgender Zug von ihm bestehen: Rabbi Lebisch verstieg sich in seinem Unterricht auch zuweilen in die hohen arithmetischen Subtilitäten, und so bekam der geniale Sanele einmal die Ausgabe: „Wenn 36 Ellen Tuch 45 Gulden kosten, was kosten 14 Ellen?" Mein guter Herr Kollege machte seine Aufgabe nicht, sondern lachte immer heimlich. Als nun der Rabbi fragte: „Hast Du die Aufgabe gemacht?" lachte der geistreiche Sanele schelmisch. „WaS lachst Du?" fragte der Rabbi, und der elektrische Wissenschaftsleiter, das Pfeifenrohr, fauste durch die Luft. „Ach," erwiderte lieblächelnd Sanele und kicherte immerfort, „der Rabbi hat mich nur gefoppt; um 45 Gulden kriegt man keine 36 Ellen Tuch." Allein Sanele schrieb schön, und ich konnte keine Buchstaben machen, ohne daß mein Rabbi ausrief: „Du wirst all Dein Lebtag nicht schreiben und lesen lernen." — Sanele hingegen? machte Buchstaben wie gemalt, und ihm wurde prophezeit, daß er ein großer Mann und Gelehrter werden würde. Und so geschah es auch. Als ich nach 25 Jahren von Lovas-Beröny nach Stuhlweißenburg fahren wollte, entdeckte ich in meinem Kutscher den genialen Sanele. Ich fragte ihn, was er geworden, er sagte: „Lohnkutscher." Er fragte- „Und was ist aus Ihnen geworden?" Ich antwortete-' „Schriftsteller." Fast schien es, als ob er fragen wollte: „Und wer fährt besser?" Unser Rabbinatskandidat bestand im zehnten Jahre ein großes Talmudexamen bei Rabbi Lebisch und zwar glänzend. Zeit seines Lebens empfand er eine schwärmerische, ja abgöttische Liebe für seine Mutter, eine schwache, kränkliche, blasse und leidende Frau, die ihm in der Blüte seines Lebens entrissen wurde. Wie wohltuend die Erinnerung an sie ihn allezeit umschwebte, beweist eine kleine rührende Episode aus seinem Leben. Im Jahre 1831 lag er in München am Nervenfieber totkrank darnieder. In der 20. Nacht seines Leidens hörte er die Zimmertür leise aufgehen, seme Mutter trat herein, so wie sie an jenem Freitag des Talmudexamens vor ihm gestanden: in einem lichtblauen Kleid, in einer bunten, alle Haare verbergende Haube mit zwei breiten Seitenflügeln, in der Hand hatte sie ein blaues Halstuch wie dazumal, sie beugte sich über ihn und band, ihm das blaue Halstuch um den Hals, ihn tröstend und die Hand segnend auf sein Haupt legend, indem sie sagte: „Ich bin versichert, Gott wird Dich 100 Jahre leben lassen."