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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-10-16 · Heft 42 (16.10.1908) · p. Seite 499

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 42 (16.10.1908)
Date
1908-10-16
Page
Seite 499 (sequence 7)
Language
German
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Zweck muß in der Wirksamkeit des Juden als religiöses Werkzeug der Weltgeschichte liegen.' Verfehlt sie diesen Zweck, so ist' sie unbedingt von Uebel. . - „Zerbrich das Faß, aber laß keinen Tropfen des kostbaren Weines daraus verloren gehen." Damit bezeichnet der Talmud eine oft ans Unmögliche streifende, schwierige'Aufgabe. Ein solches schwieriges Problem hat die Reform zu lösen. Unter dem Einfluß des Zeitenwechsels zerbröckeln und zerfallen die - alten Formen. Wir müssen sehen, daß, während wir zu neuem übergehen, der Geist, das seelenerquickende Aroma des Alten nicht verloren gehe. ->#<- M. G. Saphir. Von Dr. Adolph Kohut. I. och immer bilden die von dem großen österreichischungarischen Humoristen — der vor etwa einem halben Jahrhundert, am 5. September 1858, in Wien gestorben ist — herrührenden oder doch wenigstens ihm zugeschriebenen sogenannten „jüdischen Witze" eine wahre Delikatesse für die, die schlagfertige, pointenreiche Einfälle, lustige, heitere Anekdoten und launige sowie kaustische Bemerkungen lieben. Saphir war gewissermaßen der Vater jener jüdischen Witze, die. einen Spezialartikel in der Literatur dadurch bilden, daß sie eine sarkastische Spitze, gleichsam einen Angelhaken besitzen und weit entfernt davon sind, naiv oder harmlos zu sein. Man kann sie nur mit dem Stachel der Biene vergleichen, der von der Süßigkeit nichts ahnen läßt, dessen Stich vielmehr schmerzt und verwundet. Ein formvollendeter, die Sprache mit Virtuosität handhabender Meister verstand dieser Schriftsteller es jedoch, seine Witze in ein angenehmes und elegantes Gewand zu kleiden, so daß die Mitteilung derselben nur selten das ästhetische Empfinden verletzt. Heutzutage, wo. die Literatur über die jüdischen Witze zur Legion herangewachsen istdürfte es von Interesse fein, einmal jene Bonmots, Calembourgs und Kalauer zusammenzustellen, die nachweislich von dem vor einem halben Jahrhundert gestorbenen Großmeister des Witzes herrühren und den Stempel der Authentizität an der Stirn tragen. Eine solche Sammlung dürfte ja gerade jetzt von doppeltem Interesse sein, weil sie erstens aufs neue den Beweis lieferte, welcher espritvolle scharfsinnige, gleichsam „ausgeruhte" Kopf Saphir war, und weil sie anderseits den vielen, unter dem Namen des Humoristen segelnden Pseudowitzen den Garaus machen würde. Der große Spötter war, wie nur wenige wissen, aber nicht bloß ein witziger Kopf, sondern vielmehr auch ein durchaus gläubiges Gemüt, und nie hat er ein Wort gesprochen, was als eine Mißachtung, geschweige denn Verhöhnung der Religion hätte gedeutet werden können. Vielmehr rührt so manches wunderschöne Wort von ihm her, das allgemeinste Verbreitung verdient. Aus der Fülle seiner Aeußerungen sei nur das folgende Gedicht wiedergegeben: Ter Himmel hört und sieht alles auf der Welt: Er hört das Haar, wenn es vom greisen Haupte fällt. Er hört den Sprung der Rose, die beengt Das grüne Netz der kleinen Knospe sprengt; Er hört des kleinen Weizenhalmes Lied, Wenn es zum erstenmal aus dunkler Erde sieht; ’ Er hört der Lilie inniges Gebet, Wenn sie im Frühling um ihr Silverkleidchen fleht; Er hört das Fleh'n der kahlen Wintererd', Wenn sie den Schnee, ihr wollig Tuch begehrt; Er hört die Schwalbe, die den Flügel senkt Und Regen will, daß sie die Jungen tränkt; Er hört den Taucher, der auf Meeresgrund Ihn anruft aus verschlossnem Glockenmund. Er hört das Herz, das leis' im Schlummer klopft. Er hört die Träne, die still niedertropft, .. . Er hört in tiefster Brust das bös' Gelüst, Er hört, im Busen der Begierde Zwist, Er hört die Reu', das bittende Gebet, Das Sterbenden wie ein Hauch vom Münde weht, Er hört den Engel, der den Fittich regt, Wenn er die Seel' empor zum Himmel trägt. Das alles hört der Himmel! Man glaube also ja nicht, daß Saphir nur ein Witzbold war, dem es vor allem darauf ankam, die Leute zu amüsieren und homerisches Gelächter hervorzurufen; er war vielmehr auch ein vortrefflicher Sittenschild erer. Namentlich die kleinen kulturhistorischen Genrebilder, die er vom ungarischen Judentum in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts entwirft, zeugen von seiner scharfen Beobachtungsgabe, seinem hervorragenden Darstellungstalent und zugleich von seiner innigen Liebe und Sympathie, die er für seine Stammesgenoffen trotz seines Abfalls empfand. Bezeichnend in dieser Beziehung sind seine „Lebende Bilder aus meiner Selbstbiographie", aus denen zugleich ersichtlich ist, daß M. G. Saphir ursprünglich ein Bachur war und Rabbiner werden sollte, aber, aus der Kutte sprang und Schriftsteller wurde. Er schildert diese Metamorphose mit folgenden lustigen Worten: „Ich wurde vom Schicksal zum Juden bestimmt, von meinen Eltern zum Handelsmann, von meiner Erziehung zum Dorfrabbiner, von den Verhältnissen zum armen Teufel, von dem Zufall zu seinem Fangball, und trotz dieser Bestimmungen bin ich jetzt Eigentümer eines mittellosen Jntenditätsratstitel, bürgerlich befugter Redakteur der Stadt Wien und aller umliegenden Ortschaften, lebenslänglicher Prätendent des Titels: „deutscher Humorist", geistreicher Schriftsteller von Gnaden einiger befreundeter Blätter, Hof- und Leibvorleser verschiedener Wohltätigkeitsanstalten, populärer Volkscharakter ohne gefährliche Folgen, Besitzer vieler Anhänger,, die mir nichts ins Knopfloch hängen können, ungelehrtes Mitglied mehrerer gelehrten Gesellschaftsspiele, Lohnkutscheradjunkt des deutschen, im Kote steckenden Thespiskarrens, vulgo Rezensent." Von seiner Vaterstadt, dem ungarischen Dorfe Loväs- Bereny, bezw. den Juden daselbst, entwirft er eine belustigende Skizze, in der es uüter anderem heißt: „Zu meiner Zeit zeichnete sich die Komitatsstadt Stuhlweißenburg, in deren Nähe das Dorf Lovas-Beröny liegt, wo meine Wiege stand, nur dadurch aus, daß sie viel Corduan fabrizierte, und kein Jude über Nacht in ihr bleiben durfte. In meiner Vaterstadt gab es keine dunklen Wälder mit auf-und abwandelnden tiefen Gedanken, zwischen denen der Knabe sein Gemüt nährte und umdüsterte! Da gab es keine Schluchten und wundersam geformte Felsmassen, in denen die Phantasie des Kindes groß und wild wurde; nichts von alledem. In einer sumpfigen Ebene, von keiner lebendigen Partie unterbrochen und schattiert, liegt dieser Ort wie ein Eierfladen auf flacher Schüssel. Und dieser Ort mit seinen Lehmhütten und seinen strohgedeckten Bauernfutteralen hatte dennoch sein abgesondertes Ghetto an dein einen und sein Zigeunerdörfchen am anderen Ende. Die einzige Zierde dieses Dorfes war ein sehr schönes Schloß mit einem schönen ausgedehnten Park, von der einen Seite umgeben von einem tiefen Graben und von der anderen mit einem schweren eisernen Gitter. Ich erinnere mich kaum, das Innere dieses Gartens je betreten zu haben; nur einmal wagte ich mich, ich weiß nicht über den Graben oder durch das Gitter oder durch ein offenstehendes Tor mit kindlicher Neugierde in den Park und staunte die Lauben, die Statuen, die .Bosketts an. Da kam ein Eartenhüter mit einer dicken Peitsche und

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