Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-10-16 · Heft 42 (16.10.1908) · p. Seite 498

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 42 (16.10.1908)
Date
1908-10-16
Page
Seite 498 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3228798-3228841--64983-3277072
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Allein, unser vorzügliches Streben muß., dahin gerichtet sein, die jüdische Religion alseinen wirksamen Faktor im Leben der Menschheit erscheinen zu lassen. Sie muß das allgemein Menschliche, die großen Praktischen Aufgaben und Ziele des Lebens betonen, den Menschen für den Dienst der Menschheit erziehen. Danach allein wird der Wert und das Wesen der Religion heute geschätzt. Darf das Judentum vor dem Forum der Menschheit im Vergleich zu anderen Neligionssystemen geringschätzig befunden werden? War es das Judentum doch, das von Anfang an den sittlichen Maßstab an die Religion anlegte. Seine Propheten waren es, die im Namen des Gottes der Menschheit ihre niederschmetternden Verdammungsurteile gegen die priesterliche Kultusreligion schleuderten und Redlichkeit, Liebe und soziale Gerechtigkeit als die wahre Gottesforderung erklärten. Dieser erhabenen Anschauung des prophetischen Judentums schreitet unverkennbar die heutige Welt mehr und mehr zu. Geben nun unsere Zeremonien von dieser höheren Religionswahrheit klare Kunde? Ich kann nicht glanbeu, daß mit dem bloßen Umgestalten des Sukkah- und Lulab- oder Schosarsymbols und dergleichen Versuchen dem ästhetischen Geschmack der Zeit Rechnung zu tragen, das Werk der Reform vollbracht ist. Die Reform muß, voll des religiösen Genius des Judentums, schöpferisch verfahren und in kühnem Selbstvertrauen Neues, Positives und machtvoll ins Leben Eingreifendes schaffen. Es genügt durchaus nicht, Symbole zu .haben, die die glorreichen Erinnerungen der Vergangenheit uns zum Bewußtsein führen. Wir bedürfen solcher, die die großen Hoffnungen, Ziele und Ideale der Zukunft uns vor Augen halten und so uns an unsere gegenwärtigen Aufgaben gemahnen. So muß das Fest der Erlösung den Gedanken der Erlösung einer unterdrückten Menschheit sowohl wie des bedrückten Juden uns vor die Seele führen und dem göttlichen Plan einer Freiheit Ausdruck leihen, die allen Klassen und Rassen Licht und Leben spendet. So sollte jedes unserer Feste, das Fest der Offenbarung, das sich an alle Völker der Erde wendet und in Ruth die Proselytin feiert, wie das Hüttenfest, das dereinst für die siebzigerlei Nationen siebzig Opfertiere als Friedensgruß für die Gesamtmenschheit darbot, aus der Enge nationaler Selbstbeschauung zum weiten Ausblick einer weltumspannenden Menschheitsreligion mit ihren erhabenen praktischen Zielen emporleiten. Und sollten die hohen Neujahrs- und Sühnfesttage die seit zwei Jahrtausenden die Religion echten Menschentums und weitherziger Menschheitshoffnung in der Liturgie zum Ausdruck bringen, nicht einmal wirklich in großen,- eindringlichen Formen das Werk der Verbrüderung und Versöhnung der Menschenklassen und-Rassen — in Anknüpfung an die Jomkippur Haphtarah, das 58. Kapitel aus «lesaijab, und an die an den Jomkippur sich anschließende Jubeljahr-Jdee der Ausgleichung aller sozialen Verhältnisse (Leviticus 25, 9 f.) — versinnbildlichen und in greifbarer Gestalt verkörpern? In allen Festen kann und soll in Anlehnung an biblische und rabbinische Aussprüche das Allgemein- Menschliche und Sittlich-Hohe mehr in den Vordergrund treten. Wie viel strahlender erscheint das makkabäische Licht er fest, wenn es in dem großen nationalen Sieg der hasmonäischen Helden zugleich den Triumph der jüdischen Wahrheit über die den heidnische Lüge, der Gewissensfreiheit über die religiöse Unduldsamkeit feiert und so die weltgeschichtliche Bedeutung des Kampfes beleuchtet! Man sagt uns, daß bei solcher starken Betonung unserer Weltmission wir unserer jüdischen Eigenart verlustig gehen, die doch gerade durch unsere besonderen und charakteristisch orientalischen Observanzen erhalten worden.. Allein,7 es heißt; sich einer großen Illusion hingeben, will man glauben, daß der abendländische Jude sein bürgerliches Leben je anders gestalten werde als seine Umgebung. Und würde er es tun, er würde sich bloß der einzigartigen Gelegenheit berauben, die unsere Zeit bietet, um die prophetische Hoffnung zu. verwirklichen, daß Israel zum „Lichte der Nationen" werde und daß „alle Völker der Erde durch es gesegnet werden". Lernen wir nur erst das Judentum als eine stets fortschreitende Religion begreifen, und wir werden erkennen, daß es nur einer angemessenen Atmosphäre der Freiheit und des geistig-sittlichen Aufschwungs bedarf, um seine innere Kraft zu entfalten und sein ureigenstes Wesen zur Geltung zu bringen; und da werden denn auch seine symbolischen Formen entsprechende Anregungskraft und Bedeutung für Geist und Gemüt besitzen müssen. Fürchte man ja nicht, daß der Jude sein Selbstbewußtsein als Jude einbüße, wenn er, vom Gedanken an seine erhabene Weltmission getragen, den höchsten Zielen der Menschheit zustrebt. Gerade um ihn mit der Größe seiner Aufgabe und Verantwortlichkeit als gotterkorener Priester der Menschenfamilie zu erfüllen, bedurfte er von jeher der Zeremonialübungen. Und er bedarf solcher Formen, die diesen seinen Weltbernf versinnbildlichen, um so mehr, als weder das abrahamitische Bundeszeichen, noch das Verbot der Mischehe und dergleichen Satzungen die Idee der Priesterwürde Israels verständlich darstellen. Ich bin kein Prophet, noch eines Propheten Sohn; allein, ich sehe den Tag ausgehen, an dem der erweiterte Gesichtskreis und das nach allen Richtungen hin bereicherte Leben der Neuzeit, an dem Juda einen so hervorragenden Anteil nimmt, auch religiöse Uebungen und Symbole Hervorrufen wird, die dem Juden als Lehrer und Vorbild der Menschheit praktische Lehren der Liebe, der Gerechtigkeit und des Friedens in ihrer großen universalen Bedeutung darbieten. Wo Pessimisten nichts als'Abnahme und Verfall erblicken, sehe ich den Prozeß der Umgestaltung der zu einer Verjüngung des Judentums und einer steten Erweiterung des Kreises seiner Wirksamkeit und seines Einflusses auf die gesamte Menschheit hinsührt. Die Gegner des Zeremonialgesetzes haben sich auf den talmudischen Ausspruch berufen: „Die Zeremonialgesetze werden in der zukünftigen Welt ihre Geltung verloren haben", Niddah 61b. Das ist ein Irrtum. Der Ausspruch bezieht sich auf das Leben nach dem Tode, wo alles Streben und Schaffen sein Ende .erreicht hat. Solange der Mensch die Hütte von Ton bewohnt, bedarf er der „Gedenkzeichen", die ihn an seine Pflicht und seine Bestimmung mahnen. Zeremonien bilden die Poesie der Religion; sie schmücken das Leben mit der Schönheit eines Heiligkeitsideals. Das Bedürfnis derselben hat gerade das Judentum um so mehr empfunden, als es allezeit mit ängstlicher Scheu Bilder und Zeichen für die Gottheit selbst verschmähte. Unmerktich jedoch nehmen die alten Zeremonien im Laufe der Zeit neue Gestalt an oder sie finden in neuen ihren Ersatz, während einzelne zu charakteristischen Merkmalen des Judentums geworden, deren Aufrechterhaltung zum Schutze desselben notwendig befunden wird. Daß ein Gesetz oder eine Observanz — sagt Morris Joseph in seinem „Judaism as Life and Creed“ — das jüdische Sonderwesen, die Abgeschlossenheit des Juden aufrechtzuerhalten strebt, ist an und für sich kein genügender Grund für deren Beibehaltung. Um deren Fortbestand zu rechtfertigen, gilt es zu zeigen, daß 'dieselben einen sittlich-religiösen Zweck erfüllen, daß ihre geistige, gemütanregende Lebenskraft nicht erschöpft ist. Bloße Absonderung ist kein zu erstrebendes Ideal. Sie kann höchstens das Mittel sein zu einem höheren Zweck, und dieser

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.