Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 42 (16.10.1908)
- Date
- 1908-10-16
- Page
- Seite 497 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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' sollen herbeigezogen werden, wenn es gilt, die Männer zu Mwählen/ diewürdig sind, an der Spitze unserer Vertretungen s zu stehen. Damit wird gewiß neues Leben dem erstarrten < Körper , des Judentums zugeführt werden. Unsere jüdischen Zeitungen haben auf diesem Boden eine ' große Ausgabe zu erfüllen: sie sollen belehren und aufklären. . Wir wollen niemand zurückweisen, der bereit ist, für unsere arg bedrängte Sache zu kämpfen und zu wirken. Man soll . von seinen Feinden lernen. Wie ist die christlich-soziale Partei groß und allmächtig geworden? Durch ihre Devise: Alles für das Volk und durch das Volk. Durch diese Parole hat sich Lueger emporgeschwungen, während sein einstiger Rivale Schönerer, der sich in den Ideen eines beschränkten Nationalismus verbohrte, kläglich scheiterte.' Wenn es demnach, nach diesen Tagen der Ruhe und der Einkehr, zu unruhigeren Wahltagen kommen wird, überhöre man nicht die Stimme derjenigen, die verlangen: Man möge das Judentum aus neuen und besseren Grundlagen äüfbauen. Und in diesem Streben zeige sich volle Einigkeit. Weg mit dem verrosteten Klassen- und Kastengeist. Ueberall sehen wir in unserem Vaterlande festes Zusammenschließen der Parteien. Und, was anderwärts möglich ist, sollte bei uns unmöglich sein? Das können wir nicht glauben. Bieten wir nicht unseren Neidern und hämischen Hassern das Schauspiel der Zerfahrenheit und Uneinigkeit, der gegenseitigen Verkleinerung und Verleumdung. Den Luxus dürfen wir uns wahrlich nicht gestatten in dieser wirklich sehr ernsten Zeit. Diese Erwägungen mögen uns in diesen heiligen Tagen beschäftigen, und ihre Resultate zum Heile des Judentums sich ergeben. Wir möchten nicht gern wieder Berichte von jüdischen Versammlungen lesen, wie sie die jüdischen Blätter der Residenz jüngst gebracht haben. „Sie sollen alle bilden eine Vereinigung", dies Wort unseres uralten Gebetes, ist es nicht zunächst für uns geschrieben? Oder behelfen wir uns noch immer mit schönen Worten, denen unschöne Taten entsprechen? Jung und alt, reich und arm, vornehm und gering mögen Zusammenarbeiten, um unserem Judentum zum Siege zu verhelfen und alle Leiden, an denen es krankt, zu heilen, So hoffen wir denn, daß dieses neue Jahr doch vielleicht uns die Einsicht bringen wird, wie sehr die Selbstzerfleischung uns schadet, wie es notwendig ist, die disparaten Elemente zu sammeln und sie zu einigen zum Kampfe für unsere große Sache, zum Kampfe für die Macht und Größe des Judentums. Jwri. Arber den Arlprung und die Ledrutung der Lerrmomen im Judentum. Von Rektor Dr. K. Köhler in Cincinnati. VI. ir müssen bedenken, daß wir uns in einem großen Uebergangsstadium befinden. Die Zeit blinder Unterwerfung unter das Joch der Autorität ist vorüber. Ehedem war der Gedanke, daß Gott es geboten, für die Beobachtung maß- gebend, heute muß der innere Wert der Zeremonie ihre Verbindlichkeit erweisen. Die Religion muß vor allem ein der Seele innewohnendes Verlangen nach dem himmlischen Vater bekunden. Vollends sind solche Zeremonien, die, morgenländischen Anschauungen gemäß, -dem Weibe eine untergeordnete Stellung anweisen, kaum mehr am Platz. Das-Reformjudentum bestand von Anfang an auf der Ebenbürtigkeit des. Weibes mit dem Manne und erblickt in dem tieferen Gemütsleben desselben, in dem das Reich höherer Ahnungen und Empfindungen einen reineren Widerhall findet, den mächtigsten Faktor religiöser Erziehung und Veredlung. Demgemäß sollten alle häuslichen Religionsübungen, statt des fremdartigen orientalischen Charakters, durchweg den Stempel abendländischen Denkens und Empfindens tragen und in heimatlichen Lauten erklingen. In Verbindung damit mag hier noch eine Bemerkung über die, auch in Nesormgerneinden noch vielfach beibehalteneu Varmizwah-Feier gestattet sein. Außer Acht gelassen ist hier ganz und gar, daß das Ausrufen des dreizehnjährigen Knaben zur Thora nichts anderes ist als ein Ueberbleibsel des im Reformgottesdienst abgeschafften Aufrufens der Gemeindemitglieder zur Thora. Es würde zu weit führen, die ursprüngliche Bedeutung der zur Thoraverlesung am Sabbat aufgerufenen sieben Männer hier darzulegen. Es hängt das mit der noch wenig ausgehellten Geschichte der Synagoge überhaupt zusammen. Genug, im entwickelten synagogalen Leben erhob jedes Gemeindemitglied sein Anrecht auf die Thora, und wurde demgemäß der Reihe nach zur Verlesung eines Abschnittes aufgerusen, bis die Abnahme hebräischen Wissens eine Stellvertretung nötig machte. Das Aufrufen des in den Verband der Gesetzespflichtigen einzureihenden Knaben bedeutete also seine Aufnahme in die Zähl der Thorabeflissenen Gemeindemitglieder. Das alles ist nun zu einer inhaltslosen Form in unserer Zeit geworden. Ist aber einmal die morgenländifche Ansicht von der Ueberlegenheit des Mannes über das Weib auf dem Gebiete der Religion aufgegeben, so muß ein einheitlicher Akt der Weihe für die Jugend beider Geschlechter unbedingt an die Stelle, des Barmizwah-Aufrufens treten. Diese Erwägung führte zur Einführung der eindrucksvollen Konsirmationsfeier. Als passender und feierlicher Abschluß des mehrjährigen Religionsunterrichts übt dieselbe unstreitig einen bleibenden mächtigen Einfluß auf die jüdische Jugend aus. Sie hat aber auch unleugbar dem Schabuothfest als jährliche Erneuerung des Sinaibundes neuen Glanz und Zauber verliehen, zumal gerade dieses Fest des zur Belebung so wichtigen Symbols entbehrte. Allerdings muß darauf gesehen werden, daß die Feier eine wahrhafte Herzenshingabe der Jugend sei und nicht in leeren Pomp und Tand ausarte. Noch ein anderer Zug in unserem heutigen Religionsleben sei hier berührt. Im selben Maße als unsere Zeitrichtung es verschmäht, der Vergangenheit blindlings zu folgen, weil sie sich der großen Kluft bewußt ist, die unser Denken von dem unserer Vorfahren trennt, fühlt sie den tiefen Drang, dem Gefühl der Pietät gegen die Dahingegangenen Rechnung zu tragen. So wird denn auch aus das Kaddisch-Sagen und ähnliche Zeichen der Verehrung größeres Gewicht gelegt als ehedem. Freilich kann solche sentimentale Anwallung wahre Religiosität niemals ersetzen. Trotzdem zeigt sich auch hier ein hellerer Punkt, der Beachtung verdient. Der gewöhnliche Wiederauferstehungsglaube, der zu vielerlei abergläubischen Bräuchen Anlaß gab, ist dem höheren Unsterblichkeitsglauben gewichen, der nun stärkeren Widerhall im Gottesdienst finden muß. Dies hat denn auch der sogenannten Totenfeier, richtiger Toten-Gedenkseier, einen besonders weihevollen Charakter 'in unserem Gottesdienst verliehen, und besonders dem Versöhn u ng s ta g, an dem das Pietätsgesühl des Juden am stärksten sich geltend macht, neue Impulse für die erkalteten Gemüter gegebene