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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-10-16 · Heft 42 (16.10.1908) · p. Seite 496

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 42 (16.10.1908)
Date
1908-10-16
Page
Seite 496 (sequence 4)
Language
German
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U AM W D- Sriek aus Orkterreich. ' Ende September. ^^>ie „ehrfurchtgebietenden" Tage sind wiedergekommen. Es füllen sich die Synagogen, die im maurischen und gotischen Stile gebauten. Verschiedenartig wird der alte Gott der Väter angerufen: konservativ, reformiert und sehr reformiert, nach der alten Weise und nach sehr jungen Weisen, die Chorgesang, gemischter und ungemischter, und Orgelklang uns zu Gehör bringen. Dann folgt die Predigt; sie ist philosophisch, historisch, sozial angehaucht. Von allem und jedem wird geredet, nur nicht von dem, was uns nottut, und das ist und bleibt die Einigkeit. Es ist nicht sehr belustigend zu hören, wie die Judenschaft in unserer Reichshauptstadt, der Domäne Luegers und der Ritter von seiner Tafelrunde — wurde er doch mit König Artus verglichen — in diesen schweren Zeiten zersplittert ist. Da finden sich Alte, Nationale, Junge und Jüngste. Und nun wird kein frischer, und noch weniger fröhlicher Krieg geführt zwischen den Parteien, als wäre dieses Judentum gar nicht von außen bedroht, als kämen nicht allwöchentlich Massenaustritte vor. Diese Fluchterscheinungen werden in den Wiener jüdischen Blättern, diesmal ziemlich einmütig, sehr genau registriert und die Renegaten an den journalistischen Pranger gestellt. Diese Schaustellung der aus! dem Judentum Fliehenden Hai wie jedes Ding zwei Seilen, man kann sie billigen oder auch nicht. Die alten Römer, die doch auch sehr gescheidte Leute waren/fragten: „cui prodest?“ „wem nützt die Sache?", und, wenn auch wir die Frage aufwerfen, wem nützt diese Annagelung der Apostaten? so müssen wir darauf die Antwort geben: Dem Judentum kaum, denn wir hörten noch nichts davon, daß die Uebertritte durch diese Veröffentlichungen in den Blättern sich gemindert hätten. Man wendet eben bei Schwerkranken verschiedene Mittel und Mittelchen an, nützt es nicht, so schadet^ auch nicht. Von diesem Standpunkte aus werden auch wir die Namen auf der Proskriptionsliste der Uebergetretenen mit sehr gemischten Gefühlen lesen und uns eines bedauernden Achselzuckens nicht erwehren, wenn wir sagen: Schon wieder eine stattliche Zahl. Und die stattliche Zahl wird allwöchentlich stattlicher. Da war am Samstag den' 19. September, am Vorabende des ersten Selichoth-Tages, an einem ominösen Datum also, in Wien eine Versammlung, in der es galt, den Präsidenten des zionistischen Aktionskomitees zu empfangen und zu begrüßen. Die Berichte über diese Versammlung, in den Wiener jüdischen Zeitungen nach ihren verschiedenen Richtungen, die sie vertreten, verschieden gefärbt, geben gleichwohl ein erschreckendes Bild von der Zerfahrenheit in der führenden Gemeinde unseres Reiches. Ein Wiener jüdisches Blatt, das allgemein als das Organ der Wiener Kahalpartei, das heißt der herrschenden Partei, bezeichnet wird, schreibt über diese Versammlung, in der die Allerjüngsten losstürmten, eine förmliche Satire. Das ist nach dem alten Worte bekanntlich nicht schwer, schwerer ist es, sich der satirischen Bemerkungen zu enthalten. Wenn nur diese Satire nicht über die heutige Gestaltung unseres Judentums geschrieben würde, der Narr, nach dem alten jüdischen Sprichworts nicht unser wäre. Wie müssen sich unsere Gegner freuen, wenn sie in „jüdische Interessen" vertretenden Zeitungen lesen, wie herrlich weit wir es gebracht, wie Uneinigkeit unsere Reihen zerrüttet, wir selbst nur zerstören, anstatt die Kräfte zu sammeln, um auch auszubauen. Ein trauriges Bild furchtbarer Zerrüttung enthüllte uns diese Versammlung, in welcher Gericht gehalten wurde über Personen und Systeme, die bis jetzt die Stützen unserer jüdischen Gesellschaft waren. Da muß manches faul sein, daß derartige Erscheinungen sich vor'unseren Augen entrollen können-und wir begreifen" ddw. Ansturm jugendlich-begeisterter Kämpfer, dieausrnfen:/,Sy^ kann es nicht weiter/gehen, wenn wir Uicht jeden Halt veW lieren wollen". Die Feiertage werden vorübergehen, die Synagogen mit und ohne Orgel, mit und ohne gemischten oder ungemischten Chorgesang werden, trotz der schönsten; Predigten wieder ihre gähnende Leere aufweisen, es wird die Zeit der Kultuswahlen kommen. Denen wird, in Wien wenigstens, schon jetzt von dem jungen und jüngsten Judentum vorgearbeitet. Man fühlt es instinktiv in diesen Kreisen, daß unsere Vertretung/ nicht immer in den besten Händen ist. Prüfe man sich doch gewissenhaft, ob alles, was im Judentum geschieht oder geschehen' ist, auch dem Judentum frommt. Ob, um ein Beispiel anzuführen, das Judentum nur dazu da ist, damit gewisse, von Ehrgeiz erfüllte Personen, auf dessen Rücken zu Ehren und Würden emporktimmen. Das Judentum ist zunächst allerdings eine kulturelle Vereinigung; sollte aber in unserer Zeit, da; das ganze Leben von politischen und sozialen Erscheinungen durchsetzt ist, nicht auch das Judentum ein politischer und sozialer Faktor sein, führend, im staatlichen und /gesellschaftlichen Leben? Hat das Judentum nicht auch höhere Ausgaben zu erfüllen, als - die ohne Zweifelsehr wichtigen r synagogalen Einrichtungen zu besorgen? Man ist, um nur eines anzuführen/ sicherlich schon der traurigen Erscheinung auf den Grund gegangen oder versuchte es, dies zu tun: Wie sind die Massenübertritte aus dem Judentum zu erklären und wie hilft man ihnen ab? Welche Mittel helfen gegen das Renegatentum? Wie erklären wir die Gründe dieser Erkrankung des Judentums, und wie bringen wir ihr Heilung? Schechitahfragen mögen für unsere Chaffidim von hoher Wichtigkeit sein, für gewisse Gesellschästsschichten mag die Herstellung einer wahrhaft koscheren Selcherei und eines „rituellen Tauchbades" eine nicht abzuweisende Bedeutung besitzen, manche mögen das Heil des Judentums darin erblicken, daß sie es durchaus nicht zugeben wollen, wenn die uralten Gebete mit Harmonium- oder Orgelbegleitung rezitiert oder gesungen werden; der. denkende Jude unserer Zeit wird sich aber sagen müssen, mit der Aufrollung solcher Fragen, ob man am Sabbat mit der „Elektrischen" fahren darf oder nicht, und wer der Wichtigere im Gottesdienste ist, der Rabbiner oder der Kantor, fragen, mit denen sich zwei jüdische Blätter der Residenz im vollen Ernste unter Herbeiziehung des „Schulchan Aruch" und seiner Gloffatoren und Kommentatoren beschäftigten, ist dem Judentum unserer Zeit wenig gedient, und das „cui prodest?" der alten Römer wird .seine Beantwortung finden in einem energischen und straffen: „Nemini prodest". Wir wollen den jugendlichen Ueberschwang-mancher Kreise im Jüdentume, welche, wie man zu sagen pflegt, das Kind. mit dem Bade ausschütten, sicherlich nicht als eine rettende Tat bezeichnen, aber wir wollen ihn auch nicht verurteilen, sondern entschuldigen. Die jugendliche Begeisterung wird uns nicht schaden, aber wir müssen sie eindämmen und vor allem uns fragen: Ist unser Haus wirklich so vortrefflich bestellt, daß' wir an ihm nichts auszubeffern hätten? Mit der Anführung der Uebergetretenen in den Zeitungen allein ist unserer Sache nicht geholfen. Uns tut vor allem Einigkeit not und ein ganz interesseloses Eintreten für unsere große Sache. Die rechten Männer am richtigen Platze, das sei die Devise unserer Wahlaufrufe. Zweierlei wollen wir aus dem politischen Leben der Gegenwart lernen: Stramme Organisation und möglichste Demokratisierung. Die oligarchische Herrschaft im Judentum, als wären die führenden Persönlichkeiten nur gewissen Gesellschaftsschichten zu entnehmenmuß endlich aushören. Alle.

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