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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-10-16 · Heft 42 (16.10.1908) · p. Seite 494

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 42 (16.10.1908)
Date
1908-10-16
Page
Seite 494 (sequence 2)
Language
German
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unb Uorftijer "auf bcm; J^etiiete ber SBiffeufdgaft be§ SfMbentumS; liegt? es gewiß nicht, daß inder letzten Zeit viele große wiffenschaftliche Pläne unverwirklicht geblieben sind. Dies hat lediglich die Gleichgültigkeit der Gemeinden verschuldet, die Kälte, mit der alle geistigen Unternehmungen hei uns ausgenommen werden.- Ehedem hat es die ärmste Gemeinde der Judenheit sür ihre Ehrenpflicht gehalten, das Thorastudium zu pflegen, die Männer der Wissenschaft und deren Jünger nach Kräften zu unterstützen. Die Gemeinden wetteiferten darin mit den reichen Privaten, Und das Mäzenat blühte in der herrlichsten Weise in der Judenheit. Manches bedeutende und epochemachende Werk ist nur dadurch entstanden, daß irgendein reicher Mann einen begabten Gelehrten vollständig versorgte, ihm eine reiche Büchersammlung anschaffte und die von dem Gelehrten unter solchen glücklichen Verhältnissen publizierten Bücher auf eigene Kosten drucken ließ. Wo ist ein solches Mäzenat, das noch bis vor kurzem bei uns nicht selten war, heutzutage in der Judenheit zü finden? Nach dieser Richtung, in der materiellen Förderung der Wissenschaft des Judentums, tut sogar die wohlhabende westeuropäische Judenheit viel weniger als unsere ärmeren Glaubensgenossen in den slawischen Ländern. Die Klagen über die sorgenerregenden Zustände häufen sich in den letzten Jahren. Damit ist aber nichts getan und nichts gewönnen. Wir leben im Zeitalter der tätigen Organisation,' und auch die Förderung unseres geistigen Lebens bedarf einer solchen. Wir möchten beispielsweise den Vorschlag machen, daß am achten Sükkottage, an dem der Seelenfeier wegen in-allen Synagogen Predigt abgehalten wird, überall des darauf folgenden Festes der Thorafrende gedacht werde. Es -soll nicht nur von den Toten die Rede sein, sondern auch vom Leben, von unserem geistigen Leben.; Die Gemeinden müssen an ihre Pflichten erinnert werden, insbesondere die wohlhabenden, die nicht glauben dürfen, mit der Unterhaltung einer Religionsschule ihre Pflicht gegen das Judentum erfüllt zu haben. Und auch die reichen Glaubensgenossen sollen darüber belehrt werden, daß sich das Judentum nicht lediglich in.der Synagoge und in philantropischen Werken erschöpft. Das Judentum hat noch, eine dritte Grundsäule: die Thora, die .Wissenschaft, die Forschung, das Wachstum unseres Wissens. Die Thora nimmt den ersten Platz im Judentum ein, und wenn sie verdrängt oder beiseite geschoben wird, dann laufen wir Gefahr, alles zu verlieren. Ein Judentum ohne Thora, das heißt ohne Seele, kann auf die Dauer nicht bestehen. Das Fest der Thorafreude wird jetzt nahezu gedankenlos gefeiert, und der größte Feind des Judentums ist die Gedankenlosigkeit. Im Talmud wird der Meinung Ausdruck gegeben, daß selbst der Atheismus dem jüdischen Volke nicht. so viel schaden würde, wie die Gleichgültigkeit gegen die Lehre, daß sich niemand mehr mit ihr beschäftige. Und in der Tat haben die radikalsten, freisinnigen Ideen dem Judentum niemals geschadet, denn unser Judentum kann alles vertragen. Aber von der ' Unwiffenheit, von der Gleichgültigkeit gegen die Wissenschaft des Judentums droht uns die größte Gefahr, vor der Uns alle, prunkvollen Synagogen und alle philantropischen Anstalten nicht schützen können. Wir leben jetzt in einer sehr ernsten Zeit. Abfall vom Judentum und Verrat unserer heiligen Sache sind leider tägliche. Erscheinungen geworden. Eine rechte Freude kann unter uns auch am Simchat-Thora nicht auskommen, da wir um unsere Zukunft bangen. Aber legen.wir nicht die Hände in den Schoß und ergeben wir uns nicht resigniert unserem .Schicksal. Den Widerstand gegen die Zersetzung, die uns droht, können wir nur von dem Punkte aus organisieren. bon ‘ d<E' das. jüdische' Volk .in. den schlimmstenZeitÄ )Kräft" J und Ausdauer geschöpft hat.' Es wäre' falsch, annehmen' zu > wollen, daß in den früheren Zeiten mehr begabte Köpfe' iy der Judenheit vorhandeMgewesen seien; es gab nur mehr Liebe und mehr Opferwilligkeit für die Lehre des Judentums. Es ist eine ernste Mahnung an die Mitlebenden, die Freude an der Thora,- die. Liebe, zu. ihr und die Betätigung dieser Freude" durch Opferwilligkeit und Werktätige Förderung neu zu beleben'. Die Formel der attjüdischen Weisheitslehre lautet: Ohne Brot keine Thora. Schafft die materielle Grundlage sür die Wissenschaft des Judentums, sorgt für ihre Pfleger und ihr werdet eine Wissenschaft haben, gediegen und inhaltreicheine Zierde der Judenheit und ein Bollwerk des Judentums! - Die Woche. Berlin. 14. Oktober, in Kaiserwort soll man nicht drehür noch deuteln, pflegen unsere Konservativen, zu sagen, wenn sie eine Aeußerung des Kaisers für ihre Zwecke verwerten zu können glauben.- Anders aber, wenn ihnen eine Willensmeinung des Kaisers unbequem ist. Im Juli wurde in den antisemitischen „Deutsch- Soz. Blätt." zum Protest gegen den Kaiser aufgefordert, weil von allerhöchster Stelle ein Erlaß an die Kommandostellen -abgegangen sei, wonach bei den Wahlen zum Offizier keine Rücksicht auf die Konfession, des Aspiranten genommen werden dürfe. Anfangs suchten die Konservativen zu bestreiten, daß ein solcher Erlaß überhaupt ergangen sei. Später behaupteten sie, daß der Erlaß nicht von der Religion spreche, also nicht sür jüdische Offiziersaspiranten Geltung habe, weil er nur auf die Konfession Bezug nehme und deshalb nur den Sinn habe, daß bei den Wahlen zum Offizier keine Rücksicht darauf genommen werden dürfe, ob der Offiziersaspirant Katholik oder Protestant ist. Diese künstliche Deutelung hat sich als völlig hinfällig erwiesen. Das 169. Infanterieregiment in Baden hat, wie wir bereits' in der vorigen. Nummer ausführlich berichtet, gegen einen Rentier. Kaufmann in Lahr Beleidigungsklage erhoben, weil dieser einem Hauptmann des Regiments vorgeworfen hatte, daß er einen Einjährigen seines jüdischen Glaubens wegen bei der Beförderung übergangen habe. Vor dem Schöffengericht in.Lahr erklärte der Regimentsoberst v. Randow, daß im Laufe des letzten Jahres eine kaiserliche Kabinettsorder den Regimentern zur Kenntnis gebracht worden sei, in der bestimmt wird, daß bei militärischen Beförderungen keinerlei Unterschied zwischen den Angehörigen der verschiedenen Konfessionen.gemacht werden dürfe. Der Oberst versicherte als Zeuge weiter, er fasse die Order so auf, daß sie sich nicht nur auf die Beförderung von Katholiken und. Protestanten, sondern auch auf die Beförderung von Juden beziehe, und er fühle sich schwer beleidigt durch den Vorwurf, daß er einer allerhöchsten Kabinettsordre zuwider handle. Trotz dieser unzweideutigen Bekundung des Oberst v. Randow behauptet die „Deutsche Tagesztg.", damit sei festgestellt, daß es sich in der Kabinettsorder nur Um die Konfessionen und nicht um die Religionen handele, und daß keine Veranlassung zu der Annahme vorliege, daß das . Kriegsministerium die Begriffe Konfession und Religion miteinander verwechselt oder verwischt habe. Sobald der Reichstag wieder zusammengetreten ist, wird sich Gelegenheit finden, festzustellen, ob dieser Versuch, die Entscheidung des Kaisers in konservativ-antisemitischem Sinne zu deuteln, Berechtigung hat. *

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