Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 42 (16.10.1908)
- Date
- 1908-10-16
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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.< --V. <5^^, , .> .- x < ‘&‘F-*ysv*-“' ~ <**' x. „ 1 " .r-K -* -, ' -*r W«ft '<-„ ^pyV ~ 72. Jahrgang. Nr. 42. Berlin, 16. Oktober 1908. eitung desAudentums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch Buchhandel oder Post (in Berlin u. Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. Redakteur: Gustav Rarxeles. Begründet von Rabbiner Dr> Ludwig Philipxson. Veilg§8-LMMoii: Berlin, Jerusalemer Str. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße HS/49, zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Das Fett drr Thsrakrrude. Berlin, 14. Oktober, n allen Gemeinden der Diaspora herrscht seit länger als einem Jahrtausend der Brauch, den neunten Tag des Sukkotfestes als den Tag der Thorasreude zu feiern. Seitdem sich die Einrichtung eingebürgert hat, in den Synagogen in allwöchentlichen Abschnitten die fünf Bücher Moses im Laufe eines Jahres gänzlich zu verlesen, wurde am Simchat-Thora diese Vorlesung beendet und bald darauf von neuen: begonnen. Das galt in der Judenheit als ein wichtiges und glückliches Ereignisdas freudig begangen wurde. Die shnagogale Poesie schmückte die öffentliche Liturgie mit verschiedenen schönen lyrischen und epischen Gedichten, welche die Bedeutung der Thora, deren hohen Wert und deren Inhalt behandelten. Auch wurde dabei des großen Gesetzlehrers Mose gedacht, seiner Tätigkeit und seiner Verdienste um das jüdische Volk; seines tragischen Schicksals, daß es ihm nicht vergönnt war, sein unsterbliches Lebenswerk bis zum Endziel zu führen; daß er das verheißene Land, in das er das Volk Israel bringen sollte, nur von der Ferne sehen, aber nicht betreten durfte. Die synagogalen Dichter beklagten den großen Lehrer, daß er nach vielen harten Prüfungen, die ihm die Führung Israels auferlegt batte, einmal in einer besonders schweren Stunde die Geduld verlor und deshalb sich die Mißbilligung Gottes zuzog. Die Dichtung brachte durch diese Erinnerungen einen Tropfen bitteren Wehmuts in den Freudenkelch der festlichen Stimmung. Israel sollte sich niemals einer ungetrübten Freude hingeben können; auch die Thorafreude, die im Laufe der Jahrhunderte sehr volkstümlich wurde, durfte nicht in Ausgelassenheit ausarten. Dem Volke wurde vorgehalten, daß ihm die Geschichte einst einen großen Mann geschenkt hatte, durch den es seine Unsterblichkeit erlangte; aber es hat diesen Mann, dessen Geduld unerschöpflich zu sein schien, bitter gekränkt und ihm seine letzten Lebensjahre vergällt. Wir folgen dem Beispiel unserer großen synagogalen Dichter, indem wir das Fest der Thorafreude dazu benutzen, um ernste Betrachtungen über die Zustände in unserer Mitte anzuknüpfen, um einen sorgenden Blick in die Zukunft der Judenheit zu , werfen, um Klage darüber zu führen, daß bei uns durchaus nicht alles zum besten bestellt ist. Es liegt etwas Erhebendes in dem Brauch, die öffentliche Vorlesung der Thora als ein wichtiges Ereignis in den Gemeinden zu feiern. Das beweist, welche Bedeutung das jüdische Volk dem Schrifttum beilegt, , welche hohe Verehrung es den heiligen Büchern entgegenbringt. Wir müssen aber ehrlich bekennen, daß das Fest der Thorafreude in unserer Zeit nicht mehr die volle Berechtigung hat. Bis um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts war die Judenheit in der Tat aufs engste und innigste mit der Thora verknüpft, und natürlich verstand man unter der Bezeichnung Thora nicht bloß die fünf Bücher Moses, sondern alle geistigen Schöpfungen Israels seit seinem Eintritt in die Geschichte bis auf die letzte Zeit. Denn das Judentum hat stets mit aller Entschiedenheit den Gedanken von sich gewiesen, als sei die Thora ein ihm aufgebürdetes Gesetz, das alle Geschlechter einfach zu befolgen hätten. Unter dem Begriff Thora verstand man daher zu allen Zeiten das Lernen, das geistige Schaffen, das Streben nach Wahrheit -und nach Wissen, die Vermehrung der kulturellen Güter. Und deshalb wurde in der Judenheit seit altersher die Lehranstalt höher bewertet als das Bethaus, das Lernen höher als das Beten, das Wissen höher als die gedankenlose Frömmigkeit. Die „Krone der Lehre" galt höher an Wert und Glanz als die Krone des Priestertums und des Königtums. In der Rangordnung der sozialen Klassen stand der gelehrte Findling höher als der unwissende Hohepriester. Es gab nichts im Leben und in der Gesellschaft, wodurch Verdienste um die Thora, das heißt um die Wissenschaft, als erloschen und vernichtet gelten konnten. Bis auf die neueste Zeit gab nicht der Reichtum das Ansehen in der Gemeinde, sondern das Wissen, die Beschäftigung mit der Thora, die Bereicherung unserer geistigen Schätze. Es klingt wie ein Märchen aus alten Zeiten, wenn man an diese idealen Zustände erinnert. Und doch liegen sie nicht allzu weit hinter uns. Aeltere Mitlebende, die das jüdische Gemeindeleben von früher gekannt haben, gedenken jener Tage mit tiefer Wehmut. Hat denn der schaffende Geist im jüdischen Volke gänzlich aufgehört? Sind denn die Männer der Wissenschaft aus unserer Mitte verschwunden? Es wäre durchaus falsch, solches zu behaupten. Denn im Gegenteil, zu keiner Zeit hat das geschichtliche Verständnis unter den Juden solche Verbreitung gesunden wie in der Gegenwart. Die Tatsache an sich, daß unsere Geschichte, das heißt unsere geschichtliche Bedeutung, unsere Entwicklung, unser kulturelles Schaffen gerade in der letzten Zeit nach allen Richtungen bis in die entferntesten und dunkelsten Winkel beleuchtet wurde, diese Tatsache bietet vielen Trost für uns. Obwohl die Juden nicht mehr in nationaler Abgeschlossenheit leben, sondern sich in allen Kulturländern an dem Geistesleben der Völker rege beteiligen, hat die Wissenschaft des Judentums sehr fähige, sehr begabte und kenntnisreiche Pfleger gefunden. Also an der Fähigkeit und an dem guten Willen der jüdischen Gelehrten