Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 41 (9.10.1908)
- Date
- 1908-10-09
- Page
- Seite 3 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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- AU,, den. ansehnlichsten dieser Art zählt. Vor zwei Jahren wurde .', Dr. Silberstein durch Verleihung, des Roten Adlerordens ausgezeichnet. -Möge ihm.die wohlverdiente Muße noch lange beschieden sein. - Wiesbaden, 2. Oktober. Dem Beispiele der meisten Gemeinden im ehemaligen Herzogtum Nassau folgend, hat nunmehr auch die Gemeinde Oberlahnstein die jüdische Lehrerstelle in die Nuhegehaltskasse der Kommunalbeamten des Regierungsbezirks Wiesbaden eingekauft. Diese erfreuliche Tatsache ist auch von. den Gemeinden Herborn und Langenschw albach zu berichten. — An den Landeshauptmann in Wiesbaden wurde der bedeutsame Antrag gestelltallen Lehrern, die in Gemeinden angestellt waren, welche der Ruhegehaltskasse der Kommunalbeamtendes Regierungsbezirks Wiesbaden noch nicht angehörten, die in solchen Stellen verbrachten Dienstjahre bei der Pension anzurechneu. Ferner sollen .auch die Jahre in Anrechnung, kommen, die außerhalb Nassaus zugebracht /wurden. ' Zurzeit werden vom Landeshauptmann diesbezügliche Ermittelungen darüber angestellt, wieviel Lehrer hierbei in Betracht kämen. L. Saarbrücken, im Oktober. Am 5. d. M. feierte der Lehrer und Vorbeter Ferdinand Eppstein in Hoppstätten (Fürstentum Birkenfeld) seinen 70. Geburtstag, und am 1. November wird er in den wohlverdienten Ruhestand treten. - Der Großherzog von Oldenburg hat dem Jubilar bereits, in Anerkennung seiner hervorragenden Verdienste um Schule und Gemeinde, das Ehrenkreuz I. Klasse verliehen; denn Eppstein blickt auf eine fast fünfzigjährige Tätigkeit im Schuldienste zurück, wovon er 41 Jahre in Hoppstätten gewirkt hat. Was die Gemeinde an ihrem Lehrer hatte, das beweist die Liebe und Anhänglichkeit, die ihm alt und jung allezeit entgegengebrächt, hat. Nur einmal wurde dieses innige Verhältnis getrübt, als vor einigen Jahren der damalige Rabbiner in seiner Eigenschaft als Schulinspektor allzuscharf den Vorgesetzten hervorzukehren beliebte. Indes, als ein Wechsel - im Laudrabbinat stattfand, kehrte der frühere erfreuliche Zustand bald wieder Zurück, und es ist mit Dank anzuerkennen, daß seitdem das alte freundschaftliche Verhältnis zwischen dem Landesrabbiner und dem bewährten Lehrer wieder ungetrübt besteht. Die Gemeinde hat nicht versäumt, ihrem verdienten Lehrer und Vorbeter auch äußerlich ihre Anerkennung und Dankbarkeit zum Ausdruck zu bringen. Auch die einstigen Schüler werden sich an der Feier ihres verehrten Lehrers hervorragend beteiligt. Der .Landeslehrerverein von Birkenfeld, dessen erster Vorsitzender der Jubilar ist, hat mit Rücksicht auf den Versöhnungstag, der aus den 5. Oktober fällt, beschlossen, die Feier auf den 7. Oktober zu verlegen. Aber auch der Bezirk Trier-Birkenfeld des Vereins israelitischer Lehrer von Rheinland und Westfalen wird es sich nicht nehmen lassen, seinen verehrten Vorsitzenden an diesem. Tage zu begrüßen. Wir, die Lehrer dieses kleinen Bezirks, empfinden es als eine Herzenspflichtj dem bewahrten Freunde unsere Liebe-und Verehrung an diesem Tage ganz besonders zu zollen. Wir wollen dankbar-sein, für die wahrhaft erhebenden Stunden, die wir auf allen Konferenzen, die der Jubilar leitete, genossen haben. Durch seine klaren und treffenden Ausführungen zu. den Beratungsgegenständen, durch sein stets sachliches Urteil, vor .allem aber durch seine jugendfrische Begeisterung hat er in Lehrerkreisen geradezu vorbildlich gewirkt. Herr Eppstein wird, wie eingangs schon bemerkt, am 1. November in den Ruhestand treten, aber er wird, wie wir ihn beurteilen, nicht gänzlich ruhensondern überall da mithelfen, wo es gilt, für die Interessen der Schule wie der Lehrer zu arbeiten. Sein Haus wird auch fernerhin Kunde geben von all der Liebe und Verehrung, die er sich durch feine Persönlichkeit in seinem arbeitsreichen Leben erworben hat. Denn es werden sich immer dort einfinden treue Freunde, dankbare Schüler, Amtsgenossen und alle die, denen stets sein Haus, Herz und Hand offen war. Möge ihm an der Seite seiner verehrten, echten Lehrersgattin ein reichgesegneter. Lebensabend beschieden sein, ad multos annos!. ----- Lahr, 6. Oktober. Ueber einen sehr interessanten Prozeß berichtet das Stuttgarter „Neue Tageblatt" von hier: - Im hiesigen 169. Infanterie-Regiment. diente ein Einjähriger namens Dreysus, ein nicht gerade körperlich, schwacher, gebildeter junger Mann von guter Herkunft; er allein rückte weder.bei der ersten, noch bei der zweiten Beförderung vor. . Im Städtchen hänselte man ihn ein wenig. Der Einjährige nahm es sich zu Herzen, . fühlte sich ...gekränkt/ und wandte /.sich an seinen Onkel? Rentier Joseph Kaufmann iy Frankfurt - a. M. Der Onkel wandte sich daraufhin an die zunächst zuständige Stelle, an den Feldwebel, und fragte ihn, ob vielleicht die Konfession die Ursache sei. Der Feldwebel versprach, mit dem Hauptmann zu sprechen. Nach des Feldwebels Aussage hat nun aber Herr Rentier Kaufmann seine Frage anders formuliert. Er soll/ nämlich gefragt haben, ob der Haß des'Hauptmanns gegen die Juden die tiefere Veranlassung war. Der Hauptmann fühlte sich beleidigt und stellte Strafantrag. Die-Verhandlung fand, am 1. d. M: unter gewaltigem Andrang vor dem hiesigen Schöffengericht statt. Rentier Kaufmann, wurde durch Rechtsanwalt und Reichs-, und Landtagsabgeordneten Dr. Frank verteidigt. Ein vom Hauptmann angestrebter Vergleich kam /richt zustande, Herr Kaufmann wurde. wegen formeller Beleidigung des Hauptmanns — das Gericht nahm die Aussage des Feldwebels als richtig an — zu 50 Mark Geldstrafe verurteilt. Aus der Verhandlung ist ein wichtiges Moment herauszugreifen. DerVerteidiger, Rechtsanwalt Dr. Frank, richtete an den Hauptmann die Frage, ob es wahr sei, daß auf Veranlassung des Kaisers das Kriegsministerium unlängst einen Erlaß herausgegeben habe, wonach die Konfession bei der Beförderung zum Offizier nicht berücksichtigt werden soll. Der Offizier bejahte i>re Frage. Der Erlaß ist demnach tatsächlich herausgegeben worden.. Dann muß. aber auch mit allem Nachdruck darauf hingearbeitet' werden, daß dies nicht bloß auf dem Papier steht, sondern künftig auch praktische Bedeutung, und vor allem Anwendung findet. Dann würden endlich die schreienden Mißstände von der Berücksichtigung der Konfession, die leider auch noch auf anderen Gebieten mitunter ausschlaggebend sind, wenigstens in, diesem Falle aus der Welt geschafft. Nürnberg, 4. Oktober. In Hagenbach bei Forchheim (Oberfranken) besteht eine jüdische Volksschule, die gegenwärtig keinen einzigen Schüler mehr aufweist, und ist auch keine Aussicht vorhanden, daß sich das ändern wird. .Der dortselbst endgültig angestellte Kultusbeamte hat einen beneidend- und .doch wieder höchst bedauernswerten Posten. Der Fall ist um so schwieriger, als der Inhaber noch in den besten Lebensjahren steht, eine reguläre Pensionierung nichtsgut möglich und anderweitige Verwendung nicht leicht denkbar ist, weil es an Stellen fehlt und bei Besetzungen überhaupt den israelitischen .Kultusgemeinden das Präsentatiouswahlrecht eingeräumt ist. Gesterreich-Angarn. □ Wien, 6. Oktober. Viel Unglaubliches und Unwahrscheinliches habe ich. Ihnen im. Laufe der Zeit schon aus unserem schönen Lande der Unwahrscheinlichkeiten berichten müssen, aber was ich heute zu erzählen habe, das setzt doch allem früher Berichteten sicher die Krone auf. Sie wissen, daß unser vortrefflicher Bürgermeister Dr. Lueger die Kühnheit gehabt hat) sich, mitten im sogenannten Judenviertel, nämlich in der Leopoldstadt, als Kandidat für die bevorstehenden Landtagswahlen anfstellen zu lassen. Run. kommt aber das Tollste: Denken Sie. daß es hrer Juden gibt, die für diese Kandidatur nicht nur eintreten. sondern sogar agitieren — und zwar, wie sie angeben, im Interesse der Juden selber! Sollte man das wohl für möglich halten? Ich verschone. Sie mit den Details dieses Wahlkampfes, auch mit den Motiven, die jene Leute für ihr unerhörtes Vorgehen vorschützen; ich begnüge mich bloß mit der Konstatierung der Tatsache an sich, die ohne Zweifel einmal für den Tiefstand des Wiener Judentums in dieser schweren Zeit als charakteristisches Beispiel angeführt werden wird. — Die trostlosen Zustande in Galizien werden durch neue Mitteilungen über, die dort grassierenden Kindertaufen illustriert. In. Bobreck, auf der. Straße nach Oswiziem, befindet sich, eine von der russischen Fürstin Oginska gegründete und geleitete Erziehungsanstalt für uneheliche'Kinder, in welcher Kinder, deren Mütter nach Galizien, zuständig sind, vom Säuglingsalter bis zum 14. Lebensalter erzogen, das heißt verpflegt und unterrichtet werden. Der Anstalt wurden bisher nicht weniger als .62 jüdische Kinder überantwortet, die dort wie die . anderen erzogen werden. Der Landesausschuß zahlt laut einem mit der Anstalt getroffenen Uebereinkommen monatlich 14 Kronen.pro Kind — auch für.'jedes jüdische Kind. Die.jüdischen Kinder erhalten katholi- . schen Religionsunterricht und werden mit dem 14. Lebensjahre dem