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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-10-09 · Heft 41 (9.10.1908) · p. Seite 491

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 41 (9.10.1908)
Date
1908-10-09
Page
Seite 491 (sequence 13)
Language
German
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rlgesei^neten'^erfönli^feiten^faßen, bie itt iöilb;'unb vor mir stehen, so klar und deutlich für alle Zeiten! Mir ist, - als sollte ich in einem.Garten die schönsten Blumen zu einem > Strauße vereinigen, einem Strauße von berauschendem Duft, den ich darbieten darf einem Kreise, der für diese Lebensblüten volles Verständnis hat, nun sich diese Schubfächer auftun sollen und ich aus ihrem Inhalt erzählen will; mir ist aber auch, als ergösse sich nicht nur ein Füllhorn, - sondern ein Strom von Güte damit über mich! „Und manche teure Schatten steigen aus!" Rosegger sagt in einem seiner letzten Bücher, daß, wenn wir das fünfzigste Jahr überschritten, unser Herz meistens ein großer Friedhof wird, denn dann , haben wir schon viel mehr unserer Lieben unter der Erde als darüber. Viele sind schon hinüber gegangen in jenes unbekannte Land „von wannen noch niemand wisderkehrte", deren Andenken in mir in Segen fortlebt, viele aber leben, wirken und schaffen in Rüstigkeit und Frische, im Dienste des Mahren, Guten-und Schönen. Diese Briefblätter und Bilder von Persönlichkeiten, Männern und Frauen, die zu den Trägern des deutschen und jüdischen Geistes- und Kulturlebens, zu den Vorkämpferinnen und Führerinnen der deutschen und jüdischen Frauenbewegung zählen, gehören zu meinen unvergänglichen, köstlichen Besitztümern, zu den idealen Gütern meines Hauses, zu denen ich so gern in stillen Stunden greise. Es -war in den goldenen Maientagen des Jahres 1883, als der Allgemeine Deutsche Frauenverein in Breslau tagte. Damit waren unvergeßliche Eindrücke für mich, für die gesamte Breslauer Frauenweltwerknüpst. Die altehrwürdige Universität hatte , damals ihre Pforten zum erstenmal geöffnet; damals sah ich . sie zum erstenmal, die Vorkämpferinnen und Veteraninnen der Frauenbewegung, Frau Dr. Henriette Goldschmidt aus Leipzig und Frau Lina Morgenstern aus Berlin, eine Tochter unserer Stadt, ahnungslos, daß ich kaum ein Jahrzehnt später den beiden, bedeutenden Frauen näher treten sollte, daß es mir dereinst vergönnt fein würde, sie an ihren Fest- und Ehrentagen in Wort und Schrift feiern. zu dürfen. . Eine Jüdin, die aber schon längst die kühle Erde deckt, Frau Emilie Bach, die Direktorin der Kunststickereischule an Wien, trug damals unter all den glänzenden. Rednerinnen mit einem Vortrage zum Lobe der Nadel den Sieg davon. Ein Billet mit dem klangvollen Namen Dr. Anton Ree, Hamburg: „Ich bin anläßlich des Frauentages mit meiner Frau in Breslau und werde mich sehr freuen, die junge Verwandte meiner seligen Jette um 9 Uhr in Riegners Hotel zu begrüßen. Ich wäre sehr -gern zu Ihnen gekommen, verehrte Frau, aber seit Jahren muß ich den Droschkenkutscher und mich ernähren, und ich hoffe. Sie werden einem alten Manne gern ein paar Treppen ersparen" ließ mich beflügelten Schrittes diesem Rufe folgen. Und dm saß ich denn neben dem berühmten Hamburger Pädagogen, dem Volksvertreter von 1848, dem späteren Reichstagsabgeordneten des geeinten Deutschlands, dem Freunde Gabriel Rießers und Berthold Auerbachs, Hand in Hand, Erinnerungen tauschend. Ein kleiner Herr, etwas lahm, mit interessanten geistvollen Zügen von unverkennbar jüdischem Typus, jugendlich, lebhaft leuchtenden Augen, so steht Anton Ree vor mir. Wie es ihn freute und rührte, daß ich seiner, „seligen Jette" und der einzigen, lieblichen Töchter Meta, die glücklich in Leeds verheiratet, in der Blüte ihres Lebens nach wenigen Jahren der Mutter in die Ewigkeit gefolgt war, ein so warmes Gedenken bewahrte! Mutter und Tochter waren eng verknüpft mit einer meiner erhebendsten Kindheitserinnerungen, die unauslöschlich in mir fortlebt, der - Einweihung des „Salomon und Joseph. Wollheimschen Kranken- und Siechenhauses". in meiner Heimat Lissa, Provinz Posen, am 5. September 1859. Unter der großen Anzahl von Verwandten der Stifter, die jener unvergeßlichen Feier beiwohnten, befand sich auch deren wie meines Vaters Cousine,. Frau Dr. Henriette Ree aus Hamburg, mit ihrer jungen Tochter. Seitdem sind fast fünfzig Jahre dahingerauscht. Von dem großen und glänzenden Kreise, der damals das stille Lissa so eigenartig belebte, sind die meisten längst zum ewigen Frieden eingegangen, aber gar vieler wird für ewige-Zeiten in dem Wollheimschen Stifte gedacht werden, so auch meiner Großeltern väterlicherseits. Anton Ree hatte später die Erzieherin seiner Tochter, die treue Freundin seines Hauses, eine Engländerin geheiratet, die ihm seinen Lebensabend verschönte' und sich in der Frauenbewegung lebhaft betätigte. Ich habe Dr. Anton Ree nicht wiedergesehen, bewahre ihm jedoch bis zur Stunde ein ehrendes Gedenken.— Der Hochsommer desselben Jahres brachte eine unvergeßliche Badebekanntschaft an der gesegneten Heilquelle von Teplitz. Eine ungemein sympathische, vornehme Frauenerscheinung mit milden, edlen Zügen, die noch Spuren von durchgeistigster .Schönheit trugen und eine wahrhaft schöne Seele wiederspiegelten, aber auch in vielen seinen, kleinen Fältchen von schmerzlichen Erlebnissen und Erfahrungen sprachen, das seine, blasse Antlitz von schlichtem, gebleichtem Scheitel - umrahmt, hellblauen Augen, die. sich im Weinen geübt hatten und die seelenvollste Güte ausstrahlten, in einfacher, schwarzer oder grauer Toilette, vom Scheitel bis zur Sohle Aristokratin in der schönsten Bedeutung, deren Mund nur Worte der Liebe fand, ein Organ, die wahre Musik, so steht die edle Greisin, die mir, meinem Manne und Kinde in jenem Sommer im täglichen Verkehr so. unendlich viel gab, vor meinem geistigen Auge, ein Bild harmonischer Weiblichkeit im Wesen, Denken, Tun und Handeln von höchster Bildung! Nicht eine flüchtige Badebekanntschaft nur, wir sind eine Reihe von Jahren in . regem Briesverkehr geblieben, und als die geliebten, segenspendenden jHände, von Gichtschmerzen verkrümmt, die Feder nicht mehr zu führen vermochten, traten ihre Tochter und Schwiegertochter^ für sie ein. Frau Emilie Bernstein, gesegneten Andenkens, wird mn meinem Lebenshorizont als hell leuchtender Stern glänzen,Iso lang ich atme! Es ist eine besondere Gunst des Schicksals, solchen auserwählten Persönlichkeiten zu begegnen, wie sie nur selten auf Erden wandeln. Ju Brody geboren, in Odessa in glücklichster Ehe verheiratet, war sie nach dem Tode ihres Gatten nach Berlin übersiedelt, wo ihr ältester Sohn, Professor Dr. jur. Karl Bernstein, an der Universität wirkte, damals zu Anfang der achtziger Jahre eifrig tätig bei der Auswanderungsorganisation der russischen Juden. Seit einer Reihe von Jahren war Frau Bernstein schon die. Zierde der Teplitzer. Badegesellschaft. Die Gräfin Beust, die alljährlich mit ihr im „Neubad" in Schönau wohnte, machte ihr stets den ersten Besuch, oft sah man sie am Arme des Geheimrats Seiche zum Konzert im Kurgarten, wo das Badepubliküm buchstäblich Spalier vor ihr bildete und sich tief verneigte; sie genoß unbegrenzte, wohlverdiente Verehrung. Wohltun war ihr Lebensetement; verstand sie schon allen, die das Glück hatten, ihr näher zu treten, durch Wort und Blick wohlzutun, jso spendete sie mit liebevollem Herzen und' hilfsbereiter offener Hand reiche Gaben. Insbesondere galtihre Fürsorge den Bedürftigen, die.in h Die jüngst in Berlin verstorbene Frau Professor Felieic Bernstein.

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