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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-10-09 · Heft 41 (9.10.1908) · p. Seite 490

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 41 (9.10.1908)
Date
1908-10-09
Page
Seite 490 (sequence 12)
Language
German
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•- Freilich regte sich" auch hier alsbaldein Widerspruch. -Denn noch bevor die Mahl erfolgte, protestierte' die Gemeinde Hadamar gegen die Anstellung eines Landesrabbiners, .da-ein solcher den einzelnen Gemeinden nur Kosten und keinen Vor-, teil bringe. Fast gleichzeitig mit diesem Proteste meldete - sich am, 10. Juni 1830 beidev herzoglichen- Regierung zu -der projektierten Stelle Lion Ullmann, geboren -1805 zu Sankt Goar, der von 1823 bis 1829 als Vikar beim Oberrabbiner in Darmstadt tätig gewesen und' 1829 die Synagoge in Biebrich eingeweiht hatte. Damals studierte er in Bonn - und gehörte dem Freundeskreise Abraham Geigers an. Trotz des Protestes, der schon erwähnten.Gemeinde wurden nun von der Regierung sämtliche nassauischen Gemeinden-gefragt, ob sie einen Landesrabbiner haben und bezahlen wollten. Die von Katzenellenbogen lehnte jede -Beteiligung an der Aufbringung des Gehaltes ab; drei andere Gemeinden wollten dev Ernennung eines Landesrabbiners nur unter der Bedingung zustimmen, daß er nicht in Wiesbaden wohne; die -im Bezirk Wiesbaden angesessenen Juden und die von Hochheim stimmten für Samuel Salomon. Da, wie aus den eben mitgeteilten Notizen hervorgeht, eine Einigung nicht erzielt werden konnte, .wurde der Plan eines Landesrabbiners zunächst fallen gelassen und der Wiesbadener Gemeinde überlassen, sich selbst einen Rabbiner zu wählen (2. Juni 1831). Dr. Herxheimer, an den man sich zunächst wandte, lehnte -ab; nun richtete man seine Blicke auf einen Ausländer,, den Hessen Dr. Formstecher, der eben in Gießen ein .ausgezeichnetes Doktordiplom erlangt hatte und der durch Dr. I'. Johlsohn in Frankfurt sehr, warm empfohlen wurde. In dieser Empfehlung wurde F. charakterisiert „als ein vom besten Geiste beseelter, sehr achtungswürdiger Mann, der gründliche Kenntnisse mit selten moralisch-religiösen Grundsätzen verbindet und dessen Fleiß, und frommer Lebenswandel alles Lob verdient." - Am 16. Juni 1832 hielt Formstecher in Gegenwart des Landesbischofs und des Stadtamtmannes seine Probepredigt. Am 21. Juni fand eine Gemeindeversammlung statt, die sich in ihrer Majorität für die Annahme eines Predigers erklärte. Unmittelbar darauf, jedoch wandte sich eine Anzahl, und zwar elf Gemeindemitglieder an die Regierung mit der Erklärung, sie hätten ihre Zustimmung zu der Anstellung eines Predigers versagt und bäten daher, das Gesuch der Majorität nur unter der Bedingung zu bewilligen, „daß dieses allein auf Kosten der Nachsuchenden geschehe, den Petenten aber keinerlei Beitragspflicht entstehe." Das vorhandene Protokoll der Sitzung der Gemeindemitglieder am. 21. Juni — wenn nicht etwa diese Sitzung nach der eben erwähnten Gegenerklärung, ja infolge davon stattfand — läßt nun freilich den sogenannten Majoritätsbeschluß in etwas eigentümlichem Lichte erscheinen. Dafür: erklärten sich zehn, zwei gaben ihre Stimmen nur für einen Religionslehrer, also nicht für einen Rabbiner, ab, fünf stimmten dagegen; , von fünf, die nicht erschienen waren, wurde bemerkt: „nicht erschienen, wird erklärt ihre Stimme als dafür." Darauf bekundeten die drei genannten Vorsteher, die unter den Votanten nicht .ausgezeichnet stehen, „daß es ein Bedürfnis ist, einen Rabbiner, Prediger und Neligionstehrer in einer Person anzustellen." Auf diese Erklärung folgt eine eigenhändige Niederschrift von zwei.Mitgliedern, Ludwig Götz und Israel Sabel, die.schon vorher als dafür stimmende aufgezählt worden waren, in der sie ihre Uebereinstimmung mit dem Plane ausdrücklich bekundeten. Man muß gestehen, daß dies eine sehr merkwürdige Wahl ist. Wirklich dafür waren nur 13, dagegen 5; 2 gaben nur bedingt ihr Einverständnis; über die fünf Abwesenden, deren Stimmen als bejahend angenommen wurden, weiß man nichts genaues. Rechnet man sie, was bei einzelnen gewiß zutreffend sein würde, zu den Gegnern, so ergibt sich eine Majoritätvon einer Stimme. Infolgedessen, da eben die Majorität, doch.gar zu gering schien, trug die Regierung Bedenken, den Antrag zubewilligen. Sie vermißte außerdem eine Bestimmung darüber , wie die Besoldung, die: voll dem Vorstand auf 400 Guldenfestgesetzt worden war, aufgebracht.werden sollte; da nach ihrer Meinung die Verneinenden -zu keinem Beitrag herangezogen werden konnten. Dev Vorstand erklärte dagegen: für jedes Kind^ das an dem Unterricht teilnehme, sollten 11 Gulden bezahltwerden, das ergebe eine Summe von 250 Gulden; die an dem Gehalt noch fehlenden 150 Gulden sollten'dagegen auf al le Gemeindemitglieder .repartiert werden. Ueber die starke Minorität setzte sich der Vorstand leicht'hinweg, mit der Bemerkung: die nicht Übereinstimmenden. seien Verwandte des obengenannten Samuel Salomon,- die wegen dieser Familienzusammengehörigkeit gegeneinen anderen Prediger seien. - Es zeugt von dem' außerordentlichen Einfluß, den der allerdings ja von der Regierung selbst eingesetzte Vorstand.aus die . Regierung besaß, daß es ihm gelang, die mancherlei Einwände, die'von der Staatsbehörde erhoben worden waren, zu besiegen, so daß nach langem Hin und Her, am 22. September 1832 die Wahl des Dr. Formstecher gutgeheißen wurde, im Fall er von seiner Landesbehörde die Aufenthaltserlaubnis beibringe. Dieser Beschluß wurde am 6. Oktober der jüdischen Gemeinde mitgeteilt. Ob nun Formstecher diese Erlaubnis nicht erhielt, ob er selbst freiwillig resignierte, oder ob, wie wahrscheinlich, er die ihm in seiner Vaterstadt gebotene Stellung vorzog, läßt sich nach dem vorhandenen Material nicht feststellen. Tatsache ist es nur, daß er sein Amt nicht antrat, daß vielmehr wenige Wochen nach seiner Bestätigung Abraham Geiger zum Rabbiner in Wiesbaden ernannt wurde und seine dortige Wirksamkeit begann. Aber über seine Wahl und seine Bestätigung enthalten die mir vorliegenden Akten nicht das geringste. Lin Kapitel aus den „Memoiren meines Schreibtisches." Von Regina Neisser.. ' jfjoic fünfundzwanzig Jahren. In der kleinen Wohnung in der ich meine Heiligtümer gesammelt habe, in der Bilder, altes Porzellan, der ganze alte Hausrat von der Vergangenheit redet, verkehrt noch ein alter Stamm aus den siebziger und achtziger Jahren, aber viel hat sich verändert. Der Kreis ist zufammengeschmolzen, treue Freunde halten noch fest an der Hüterin der alten Tradition, aber eine jüngere Generation verkehrt auch gern in den kleinen Räumen und lauscht, wenn die alte Frau aus den reichen Schätzen ihrer Erinnerungen erzählt oder mit ernsten und doch noch jugendfrohen Augen hinter ihren Brillengläsern aus vergilbten Briefblättern neben Briefen aus der neuesten Zeit vorliest. . In der kleinen Wohnung steht ein alter Schreibtisch mit zahlreichen Schubfächern, die so viele teure Erinnerungen bergen, an tote und lebende, meinem Hetzen nahestehende Menschen, darunter große Menschen, vollentwickelte Persönlichkeiten, wahrhaft ideale Gestalten, Männer und Frauen gleichermaßen^ Ich lasse - ein stilles Licht über alle diese aus-

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