Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 41 (9.10.1908)
- Date
- 1908-10-09
- Page
- Seite 488 (sequence 10)
- Language
- German
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der'Evolution ' bietet ' uns den Schlüssel für'die Wertung alles geschichtlichen Lebens-und Lassens und befähigt uns/ die Vergangenheit so aufzurollen, daß wir' die Fortwirkung ihrer Kräfte und Elemente in der, wie auch immer geänderten, Gegenwart erkennen. Unter der' Oberfläche des Buchstabens und der Form sehen wir dieselben Gese tze der Entwicklu ng im mosaischen und rabbinischen Judentum wirksam, die in unserer Epoche am Auf- und Ausbau des Judentums wirksam sind. Mit dem Unterschiede jedoch, daß auf den früheren Stufen die schöpferische Arbeit die Leistung unbewußt oder intuitiv wirkender Kräfte des jüdischen Volksgenius war, die die Sprache der Religion mit Offenbarung und Inspiration bezeichnet, insofern Gott sich durch auserwählte Werkzeuge und Autoritäten kundgibt, während in unserem Zeitalter der Verstandesbildung der religiöse Fortschritt den Eingebungen unseres klar erkannten religiösem Bewußtseins und Bedürfnisses gemäß erfolgt. Und da gibt uns denn die Erkenntnis der Tatsache, daß sowohl der Mosaismus wie der Pharisäismus Formen religiöser Praxis vielfach von der Umgebung entlehnt und dem jüdischen Religionsleben angepaßt hat. die Berechtigung an die Hand, dieselbe Methode in der Umgestaltung der Formen des' Judentums der Gegenwart anzuwenden, um seine Kräfte neu zu beleben und zu verjüngen. Natürlich stehen Neuerungen und Reformen gegen die ehrfurchtgebietende Autorität der Vergangenheit im Kampf, und es bedarf einer fortgesetzten Periode stillschweigender Zustimmung, um dieselben als rechtmäßig anerkannte, als integrierende Teile des ganzen Religionsshstems betrachtet zu sehen. Ohne Zweifel galt der salomonische Tempel mit seinem priesterlichen Gepränge sowohl dem Propheten Elias, der ihn offenbar mied, wie noch Hosea, nach 12,10 zu urteilen, als Nachahmung phönizischen Götterdienstes als „Assimilation", während im Priesterkodex des Pentateuchs dieser priesterliche Opferdienst als von Gott vorgeschrieben und vorgezeichnet dargestellt ist. Ganz so wird vieles von dem, das heute von unseren kurzsichtigen Rückschrittsmännern als Verchristlichung des Judentums verschrien wird, also unser Resormtempel mit der Orgel und Frauenstimmen im Chor, mit unseren amerikanischen Familien- ' sitzen und dem Beten mit unbedecktem Haupte, seitens der nächsten Generation, die den früheren Widerspruch nicht mehr kennt, als vollkommen jüdisch anerkannt werden. Jedes Zeitalter schafft , sich eben seine eigenen Autoritäten, wie das ja auch die Rabbiner, in dem bekannten Satz ausgesprochen: „Jephtah gilt in seinem Zeitalter, was Samuel in seinem gilt". Rosch Hasch onah 25b. Das Leben muß immer von neuem die herrschend werdenden Formen und Ideen sich anpasfen, assimilieren und die vollzogene Anpassung sanktionieren, sobald sie ihre belebende Kraft an dem erstarkten religiösen Bewußtsein bewährt hat. Es kann nun keine Frage sein, daß auch unsere Zeit der Zeremonien bedarf. Die Lehre allein, und sei sie noch so erhaben, berührt die Seele nicht in ihrer Tiefe, um sie in innige, persönliche Beziehung zu Gott, dem Urquell aller Heiligkeit und Liebe, zu. bringen. Das ist die Wirkung religiöser Uebuugen. Sie erwecken und vertiefen, wie Lazarus in seiner „Ethik des Judentums" sagt, das Pflichtgefühl in uns. Sie entfalten jene tieferen Seiten des Gemütslebens, die kalte Vernunftsätze niemals erreichen, und lassen uns eine Welt der Heiligkeit ahnen, in die der Verstand nicht dringt. Sie kleiden die religiösen Wahrheiten in eine Form,, die auf das Gemüt des, Kindes wie des gereisten Denkers anziehend, ergreifend und gewinnend einwirken. Der Zweifler, der allen noch so überzeugenden Argumentationen gegenüber kalt bleibt, wird oft zu Tränen gerührt, wenn irgendeine zeremonielle Uebung - längst" innerstes Wesen, sein wahres Denken und Fühlen, ihmwieder zum , Bewußtsein' bringen- Keine' Religion kann sölched^ „Zeichen" entbehren; am allerwenigsten das Judentum mitseiner wundersamen Geschichte vollbrachter Taten und erduldeter Leiden. Zeremonien sind die Erzieher und Mahner ' des Volkes; sie reden für alt und jung/ für den Weisen und den Einfältigen die Sprache des Glaubens, der Hoffnung und der Treue. Wenn die Thorarolle in dem altehrwürdigen Mantel' der Glorie vor. der versammelten Gemeinde emporgehoben wird, dann hallen die Worte: „Dieses ist die Lehre!" in Ohr und Herz von der glorreichen Geschichte tausendjährigen Heldentums und Märtyrermuts, von der welterobernden Botschaft ewiger Wahrheit wieder. So muß jede Zeremonie zu hohem Ziel und edlem Wirken anregen. Sie soll als Mittel dienen zur Heiligung des Lebens und seiner Weihe im Dienste der Pflicht. Jedes Ereignis und jede Erfahrung des Lebens, jeder Wendepunkt im Natur- und Geschichtsleben soll den Sterblichen an den Thron des ewigen Weltenmeisters ketten und die gewöhnlichsten Umstände des Alltagslebens - mit der Würde eines Gottesdienstes schmücken. Das ist die dem jüdischen Zeremonialgesetz zugrunde liegende Idee, und unser von weltlichem Ehrgeiz und gemeiner Gewinn- und Genußsucht in steter Spannung gehaltenes Zeitalter kann am allerwenigsten dieses veredelnden religiösen Erziehungsmittels entraten. Die Frage nur ist, wie weit unsere vererbten religiösen Observanzen diesen Zweck erfüllen? Auch unter den Radikalsten herrscht darüber kein Streit, daß der Sabbat und die Festtage noch immer die kraftvollsten zeremoniellen Institutionen sind, die ihren erziehenden Einfluß auf die Gesamtheit, das Heim und das Individuum ausüben. Sie beleben das schlummernde religiöse Bewußtsein immer von neuem und geben dem Leben eines jeden Rythmus, Schwung und Ernst. Allein, sind denn nun wirklich die mit ihnen verknüpften Bräuche wirkliche „Zeichen" und „Zeugnisse", die die Wahrheiten, die sie zu verkünden haben, versinnbildlichen? Reden sie für die Jugend, die die Schrift doch vor allem ins' Auge fassen lehrt, eine verständliche Sprache? Hier ist für die Reform Anlaß genug, einzugreifen und das alte Zeremonial für das neue Geschlecht anziehend eindrucksvoll und geistanregend zu machen. Wir erkennen heute alle au, daß den häuslichen Religionsübnngen nicht die genügende Aufmerksamkeit geschenkt worden. Die Reform hat die Wichtigkeit sinniger Bräuche für die Weihe und Bereicherung des jüdischen Heims nicht genug betont. Dr. Berkowitz hat mit seinem modernisierten Freitag-Abend-Ritual einen guten Anfang gemacht. Wir sollten eine ähnliche Kiddusch-Zeremonie für jeden'Festtagsabend besitzen, gerade wie - die modernisierte Pessach-Haggadah von neuem bei uns Wurzel saßt. Aber es muß nicht immer die stereotype traditionelle Formel seim Wir sollen den angemessenen Ausdruck für die Ideen finden, die jeder einzelne Festtag verkörpert. Gewiß würde die Wiedereinführung der schönen Sitte der Händeauflegung der Eltern zum Segen der Kinder vor dem Sabbat- und Festesmahl zur Hebung des Familiensinns und der Weihe des Tages viel beitragen. Es gereicht den ResorMrabbinern zur Ehre, daß sie dem Chanukahfest in der Schule wie im Hause neuen Glanz verliehen, gerade in solchen Kreisen, wo das christliche Weihnachtsfest mit feinem Lichterbaum und feinem Reichtum an Gaben für alle sich bei der empfänglichen Jugend einzuschmeicheln und den Stolz auf den jüdischen Glaubensmut zu untergraben drohte. Allein, es muß noch gar viel getan