Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 41 (9.10.1908)
- Date
- 1908-10-09
- Page
- Seite 485 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3228798-3228840--64961-3277049- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
, und Regierungen im Naiüen .der-jüdischen Gesamtheit und für : diese.verhandeln und wirken soll. In ein solches Kabinett -MeAhrßn-'Kenner■ - des Volkes und Staatsmänner, nicht aber zufällige oder berufsmäßige Nur-Philanthropen. Ich will durchaus nicht den edlen jüdischen Philantropen zu nahe treten, diä ihr Möglichstes und ihr Bestes für die leidenden Juden Lun, aber man muß doch' selbst gestehen, daß es nicht genügt, Ausschußmitglied eines Wohltätigkeitsvereins zu sein, um auch schon politisch, juridisch und parlamentarisch eine Gesamtheit vertreten zu können. Ferner: Kommt eine Repräsentanz des jüdischen Volkes aus den Vorständen der philanthropischen Vereine zustande, so werden die russischen, österreichischen und rumänischen Juden kaum in diesen Vorstand hineinkommen können. Die Juden Osteuropas, Asiens und Afrikas, die doch drei Viertel der Gesamt-Judenheit ausmachen, werden in der Repräsentanz nicht vertreten sein, weil sie nicht reich genug sind, um in den Wohltätigkeitsvereinen eine ausschlaggebende Rolle spielen und sich an der großzügigen Wohltätigkeit aktiv, beteiligen zu können. Und gerade diese Juden, die Unterdrückten und Verfolgten, die wissen es .doch am besten, was den Juden not tut. Vorsteher des jüdischen Volkes müssen von diesem und nicht von einzelnen Vereinen gewählt werden. Ein Plebiseit, ja ein Plebiscit kann einzig und allein uns die richtigen Vertreter geben. Zu diesem Zwecke muß geschaffen werden: eine jüdische Gesamt Vertretung, die sich alle fünf Jahre versammelt. Der Ausschuß derselben wirkt permanent. Diese Vertretung, deren Mitglieder vor jedesmaliger Einberufung neu gewählt werden, wird alle schwebenden Fragen, die die gesamte Judenheit betreffen sowie die Entwürfe und Vorlagen des Ausschusses behandeln. Sie beruft aus ihrer Mitte eine gewisse Anzahl Mitglieder in den Ausschuß, der seinen Sitz, sagen wir: im Haag, haben soll. Die Mitglieder der Vertretung werden direkt gewählt. 2000 Juden — es werden dementsprechend Wahlkreise gebildet — delegieren einen in dieselbe. Die Kosten der Vertretung sowie des Ausschusses werden gedeckt durch freiwillige Spenden, sowie von einer zu diesem Zwecke zu erhebenden Gemeindesteuer. , Vertreter der Judenheit, die aus dem Volke hervorgehen, von diesem direkt gewählt werden, werden auch im Namen desselben und für dasselbe sprechen können. Solche Vertreter, die von diesem gewählt werden, bilden eine wirkliche Repräsentanz der Judenheit, und diese. Repräsentanz wird sicher mit der Zeit von allen Mächten anerkannt werden. Liniges von drr Stellung der Inden in Layrrn. München im September. H^on der heutigen Lage beziehungsweise dem Stande der Gleichberechtigung der Israeliten im Königreich.Bayern ließe sich jetzt verschiedenes recht Interessantes unter die Lupe nehmen. Dies soll auch demnächst geschehen, sobald mehrere im Gange befindliche Angelegenheiten, die dahin gehören, erledigt sein werden. Im allgemeinen, muß man ja sagen, sind die Verhältnisse der Judenschaft in diesem zweitgrößten Bundesstaat seit, jeher und auch noch heutigentags dermaßen eigenartig, daß man im übrigen Deutschland dafür in der Regel ebensowenig den richtigen Maßstab zufinden weiß, wie für ein Urteil über die innerpolitischen Zustände Bayernsüberhaupt. Die alteingesessene Judenschast der ehemaligen nord- und südbayerischen „Freien Reichsstädte" sowie der 1803 verstaatlichten bischöflichen und der ebenfalls in der. napoleonischen. Aera unter das Szepter der Wittelsbacher gefallenen preußischen; Bezirke Frankens hat sowohl in diesen ihren angestammten Sitzen als bei ihrer Austreibung in die vorher „judenreinen" - Gebiete des eigentlichen. Altbayern — in diesen Wittelsbacher - Stammlanden gab es bis . ins 19. Jahrhundert noch keine Israeliten mit ständiger Wohnerlaubnis — ein im ganzen recht angenehmes und friedliches Dasein geführt. Niemals während, des abgelaüfenen vorigen- Jahrhunderts hat ein bayerisches Ministerium irgendwie judengegnerischen Bestrebungen Vorschub geleistet. Die Emanzipation der Juden nahm, gemäß den Judenedikten von 1817 bis 1819, daher auch einen durchaus normalen Fortgang, und die Uebertragung des 1869er norddeutschen Bundesgesetzes., von der Gleichheit aller Konfessionen im innern Staatsleben auf Bayern beschleunigte nur die schon im Gange befindliche Befreiung der eingeborenen Israeliten von den. Schranken in der Praxis des Staatsbürgerrechts. Man. darf der bayerischen Staatsregierung wegen .etwaiger Zurücksetzung von Juden in dieser Beziehung keinerlei Vorwurf machen. Und wie ist dabei, immer wieder. gehetzt, worden! In der ultramontanen Partei, welche doch schon auf Grund der konfessionellen Bevölkerungsverteilung — von 2/3 Katholiken stark zu 3/4 neigend — wieder und wieder die maßgebende Rolle an sich riß, wirkten immer von neuem judenfeindliche Kräfte, die alle gutenteils durch dauernde Unterdrückung erst' .großgepäppelte Schwächen aufstachen, übertrieben und ausschlachteten. Erst seit vorigem Jahre ist für einen klerikalen Outsider, den aus politischer, Streberei und Herrschsucht vorgeblich demokratisch-bauernbünd? lerischen Reichstags- und Landtagsabgeordneten Dr. Ratzinger, durch Ludwig Fränkels Lebens- und Charakterbild dieses Politikers in der „Allgemeinen Deutschen Biographie" (Band 52) offen sestgestellt worden, daß dieser anmaßende Vorsechter der sogenannten Ehrlich- und Lauterkeit im öffentlichen Leben unter unverdächtigen Pseudonymen historisch verschleierte Pamphlete, die mit judensresserischen Lügen gespickt find, auf den Markt gebracht hat: „Jüdisches Erwerbsleben. Skizzen aus dem sozialen Leben der Gegenwart. Von Dr. Robert Waldhausen." (5. Auflage 1893) und „Das Judentum in Bayern. Skizzen aus der Vergangenheit, und Vorschläge für die Zukunft. Von Dr. Gottfried Wolf." (1897). Die engere ultramontane Partei, wie sie sich in der harmlos „Zentrumsfraktion" benamsten Zentrale verkörpert, hat zwar offiziell ihre Parole „Für Wahrheit, Freiheit und Recht!" gegenüber den israelitischen Mitbürgern wohl nie direkt Lügen gestraft. Aber manche ihrer Mitglieder, sogar maßgebliche Führer, sodann besonders die großen und kleinen ultramontanen Blätter, scheuen sich bis aus den heutigen Tag nicht davor, den latenten Judenhaß im Publikum zu schüren und, wo irgend eine Anknüpfung sich ergibt, frischen Zunder unter die Leute zu .werfen; das größte und bei weitem bestredigierte bayerische Zentrumsblatt, die „Augsburger Postzeitung", schlauerweise nicht offiziös, bietet fast täglich hübsche Beispiele -dafür. Obwohl die mit Abgeordnetenmandaten betraut gewesenen Juden Bayerns, mit Ausnahme des Veteranen Gabriel Löwenstein im vorvorigen und des Rechtsanwalts Süßheim im laufenden Landtage (beide als einer der Nürnberger Kumulativ-Vertretung), der „Liberalen Vereinigung" angehört, und nur aus den Reihen der letzteren eine Abwehr antisemitischer Angriffe erfolgte, so würde man irren mit der Annahme, als ob die liberale Partei Bayerns, die alle „liberalen"