Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 41 (9.10.1908)
- Date
- 1908-10-09
- Page
- Seite 484 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3228798-3228840--64960-3277048- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Aber die Nachteile einer Verschmelzung stellen die Vorteile derselben in Schattens Die Vereinigung' der verschiedenen philantropischen Organisationen würde sicher einen Rückgang der Beiträge herbeiführen. Die eine alljüdische Genossenschaft würde sicherlich nicht so viel Hilfsmittel herbeischaffen können, wie die vielen selbständig arbeitenden. Da die verschiedenen Hilssvereine doch keine Parteien sind mit prononziert allgemein-politischen oder jüdisch-politischen Programmen, so lassen die meisten Spender ihre Beiträge zur gleichen Zeit verschiedenen Vereinen zukommen. Wer bisher, sagen wir: drei Vereinen mit einem jährlichen Beitrage von je 100 Mark angehörte, der wird kaum dem alljüdischen Vereine den früher von ihn: gespendeten Beitrag von 300 Mark zuwenden, sondern wixd sich sicherlich mit der Hälfte oder noch weniger begnügen. Vermacht jemand mehrere Legate verschiedenen Vereinen, so wird der eine alljüdische Verband kein Legat in der Höhe erzielen, die die andern zusammengenommen ausmachen. Der Hilfstätigkeit des großen alljüdischen Verbandes werden sicherlich nicht die Mittel zur Verfügung stehen wie den einzelnen Vereinen zusammengenommen. Wenn Geschäft und Wohltätigkeit grundverschieden voneinander sind und säst nichts gemein haben, so gibt es doch ein Etwas, das das Geschäft und die Wohltätigkeit — selbstredend jedes auf seine Art — entwickelt und anspornt. Dies ist die Konkurrenz. Wie paradox es auch klingen mag, die Konkurrenz spielt eine große Rolle, und durchaus nicht eine unheilvolle oder gar verderbliche, selbst im Leben der Wohltätigkeit. Jedes Vereinsmitglied wird allmählich und fast unbewußt mit seinem Verein so eng verknüpft, daß das Interesse und das Prestige seines Vereins sein eigenes Interesse, sein eigenes Prestige wird. Er wird stolz auf die Leistungen, seines Vereins und noch stolzer, wenn er sich überzeugt, daß sein Verein einem andern den Rekord abgewonnen hat. Im Rausche des Sieges oder in der Jagd nach der Vorherrschaft seines Vereins ist das Vereinsmitglied bereit, ein größeres Opfer zu bringen. Ich' will es durchaus nicht verallgemeinern, aber man muß sich doch gestehen, daß selbst in der Wohltätigkeit eine große Dosis Sport getrieben wird, ein edler Sport, dem man nur immer mehr und mehr Amateure wünschen soll. Die Konkurrenz, die das einzelne Mitglied zu größeren und häufigeren Spenden aneifert, spornt auch den betreffenden Verein an, den andern Verein zu überflügeln. Wenn wir auch oben behauptet haben, daß in-Wohltätigkeitsvereinen von allgemeiner Politik oder speziell jüdischer nicht die Rede sein kann, so muß man doch einsehen, daß in jedem Verein mehr oder weniger gewisse Gefühle, seien es lokalpatriotische oder religiöse, assimilatorische oder jüdischnationale, zum Vorschein kommen. Der freidenkende Jude wird weniger Zuversicht haben zu dem Vorstande eines alljüdischen Verbandes, in dem die Mehrheit der orthodoxen Richtung angehörte. Noch weniger Vertrauen und eo ipso weniger Beiträge wird der orthodoxe Jude einem alljüdischen Verbände entgegenbringen, an dessen Spitze nicht streng orthodoxe Juden stehen werden. Eine andere und nicht zu unterschätzende Gefahr droht der Wohltätigkeit von der Verschmelzung aller philantropischen Organisationen. Der alljüdische Verband wird und muß nach einem System arbeiten. Das eine gewisse System wird aber allmählich — es ist nur menschlich und vollständig in der Natur der Sache — in eine Schablone ausarten. Da die ganze Macht in dieser Institution sich konzentrieren soll und muß,, und von keiner Seite, von keinem anderen Vereine ähnlichen Charakters ihm Konkurrenz noch Widerstand entgegentreten wird, so wird sich bald in dem alljüdischen Vereine der bureaükratische Geist, der bureaukratische Zopf einhürgern,L und ein bureaukratischer Zopf ist gleichbedeutend mit dem'Entre e ß des Verbandes. . - Man könnte noch viele andere Argumente gegen die V^!i schmelzung der philanthropischen Gesellschaften anführen. Wenn in der Politik und im Geschästsleben unitis viribus besserund• mit mehr Aussicht auf Erfolg gearbeitet wird) so ist dies Prinzip bei der Wohltätigkeit nicht angebracht. Hier heißt es: getrennt marschieren und auch getrennt helfen. ' ' Wenn meines Erachtens eine Verschmelzung der philan- . thropischen Vereine theoretisch undurchführbar und praktisch -j auch nicht wünschenswert ist, so erscheint mir dagegen sehr'; wünschenswert ein periodischer Gedankenaustausch zwischen den . Vertretern der verschiedenen Institutionen, wie alljährliche Zusammenkünfte und Konferenzen. Mit der Idee der Verschmelzung wird noch eine andere Idee in Zusammenhang gebracht: Die Repräsentanz des. Judentums, des jüdischen Volkes. Die Notwendigkeit einer solchen Repräsentanz ist so selbstverständlich, daß es wohl kaum , eines Wortes der Begründung und des Befürwortens bedarf. Zwölf Millionen Juden und — — kein einziger, niemand kann noch darf im Namen des Millionenvolkes sprechen. Zwölf Millionen Stiefkinder, und niemand kann für sich das Recht in Anspruch nehmen, seine Interessen wahrzunehmen. Niemand - kann oder darf als Anwalt dieser zwölf Millionen Verfolgter und Unterdrückter auftreten. Wir dürfen uns auch nicht weißmachen und uns nicht selbst betrügen: Unser ganzes Volk, unsere ganzen zwölf Millionen Juden sind und werden verfolgt, unterdrückt, entrechtet, zurückgesetzt, in einem Lande mehr, in dem anderen weniger; in den meisten Ländern aber sind wir im besten Falle auch nur die Geduldeten. Wir Haben keine Vertreter, die im Namen unseres Volkes sprechen könnten. Niemand, kein einziger Jude hat das Recht, im Namen der jüdischen Gesamtheit gegen die barbarischen Mißhandlungen, denen Millionen unserer Glaubensgenossen ausgesetzt sind, zu protestieren; nirgends, und bei keiner Macht können wir als Vertreter und im Namen des jüdischen Volkes vorstellig werden. Wenn wir uns entrüsten, wenn unser Gewissen sich empört ob der Folter, ob der Massenmorde an unseren Stammesgenoffen, so schreien wir durch die Presse zum Fenster hinaus, und — im besten Falle bekommen wir Mitleidsausdrücke, Kondolenzkarten. Und wir können an niemanden appellieren aus dem einfachen Grunde, weil niemand von unseren zwölf Millionen Juden berechtigt, ist, im Namen der Opfer zu sprechen. Weil wir keine Vorsteher unseres Volkes haben, deshalb werden wir auch zurückgesetzt und drangsaliert, werden die Massen verfolgt und gemordet: Weil wir herrenlos sind. Wir brauchen Volksvertreter, wir müssen eine Repräsentanz des zwölf Millionen Juden-Volkes haben. Eine wahre, echte und wirkliche Repräsentanz, aber keine Pseudo-Repräsentanz. Da wir keine Vorsteher haben, so erdreisten sich so manche, ganz ohne jede Berechtigung dazu, ohne Wissen und Einverständnis des Volkes als seine Vorsteher aufzutreten. Diese. Usurpatoren bringen dem Judentum mehr Schaden als Nutzen, effektiven, und nicht weniger moralischen Schaden. Nun hieß es bei den Unterhandlungen wegen der Verschmelzung der jüdischen philanthropischen Organisationen, daß der Vorstand des neu zu bildenden alljüdischen Wohltätigkeitsverbandes zugleich auch Vorstand der allgemeinen Judenheit ■ sein solle. Ab er ein philanthropisches Institut kann doch unmöglich eine Art von gewissermaßen Regierung oder politischem Volks? kabinettsein. Und die Repräsentation des jüdischen Volkes muß eben und soll ein jüdisches Volkskabinett sein, das,mit den Mächten^