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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-10-09 · Heft 41 (9.10.1908) · p. Seite 483

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 41 (9.10.1908)
Date
1908-10-09
Page
Seite 483 (sequence 5)
Language
German
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ein wütender Ausfall gegen die in der Schweiz studierenden Russen. Zum Schluß wird eine, „latente Opposition" gegen die Juden zugeständen und von der Möglichkeit gesprochen, diese zu vertiefen und zu verschärfen. Glücklicherweise denken nicht alle Schweizer so wie das Jnterlakener. Weltblatt, das im übrigen selbst zugesteht, die geringe Zahl der Juden in der Schweiz (15000) könne dort keine ausschlaggebende Rolle spielen. Und trotzdem? ■Hebet ein neues Hochschulgesetz in Rußland wird der „N. I. K." aus Petersburg von ihrem dortigen Korrespondenten geschrieben: „In der letzten Session der Duma war, wie noch erinnerlich ist, ein Gesetzentwurf, betreffend die Behandlung der Juden bei der Ausnahme in die Hochschulen, eingebracht worden, den über 60 Abgeordnete unterschrieben hatten. Der Entwurf wollte alle bestehenden Beschränkungen radikal abschaffen und allen Studenten ohne jede Unterscheidung nach Nationalität und Konfession den Zutritt zu den Hochschulen einzig und allein auf Grund der Befähigungszeugnisse gewähren. Die Abgeordneten, die den Entwurf eingebracht hatten, rekrutieren sich aus den Sozialdemokraten, der Arbeitsgruppe (Trudowiki), den Kadetten, der Partei der friedlichen Erneuerung und aus einzelnen links stehenden Oktobristen. Der Premierminister Stolypin hat nun die Kopie dieses Entwurfes an alle Minister und Departements-Direktoren gelangen lassen und sie zur Meinungsäußerung über das Gesetzprojekt aufgefordert. Noch vor Eröffnung der neuen Session der gesetzgebenden Körperschaften. Duma und Reichsrat. soll der Entwurf dann vom Ministerrat geprüft werden." Dieses Vorgehen des Ministerpräsidenten steht in einem . etwas merkwürdigen Gegensatz . zu den * jüngsten reaktionären Taten des Unterrichtsministers Schwarz. / * Wegen einer Kritik an der Tätigkeit dieses Kultusministers haben einige russische Preßorgane mit harten Geldstrafen büßen müssen. Es ist deshalb erklärlich, daß die russische Presse sogar die Erwähnung des Namens Schwarz unterläßt. Dagegen berichtet ein deutsches Blatt, die „K. H. Z." über das Verhalten des Ministers gegenüber der neugegründeten Akademie der jüdischen Wissenschaft. Seit Schließung der sogenannten jüdischen Rabbinerschule in Wilna gab es in Rußland keine von der Regierung anerkannte jüdische Hochschule, an der Rabbiner ihre Ausbildung genießen konnten. Und so kam es vor, daß die hervorragendsten Rabbiner sich russisch nicht verständigen konnten. Sie waren deshalb von der Negierung auch nicht als Rabbiner anerkannt. Diesen Rabbinern standen auf Veranlassung der Administration Männer gegenüber, die mit dem Judentum weniger gemein hatten, dafür aber die Landessprache beherrschten. Offiziell galten sie als die eigentlichen Rabbiner. Alle offiziellen Akte wurden von ihnen unterzeichnet. Meistens waren es Leute, die den Gemeinden verhaßt waren und häufig nur selbstsüchtige Interessen verfolgten. Diese Lage änderte sich ein wenig, als eine große Anzahl von jüdischen Jüngern aus Rußland Ausbildung in den jüdisch-deutschen Seminaren erhielt. Diese Jünger, die ausgerüstet mit reichen talmudischen und weltlichen Kenntnissen zurückkamen, wurden sowohl von der Regierung als auch von der jüdischen Gesellschaft als Seelsorger anerkannt. Sie stellten sich in den Dienst der Oeffentlichkeit und leisteten besonders der Judenschaft große Dienste. Urtier den russischen Juden begann man sich lebhaft mit der Gründung einer jüdischen Hochschule nach dem Typus deutscher Seminare zu beschäftigen. Viele derartige Vorschläge erlitten aber bei der Regierung vollkommenes Fiasko. Das Jahr 1905, das eine Umwertung aller Werte hervorzurufen schien, bereitete auch einen günstigen Boden für die. Gründung einer jüdischen Akademie. Dank dem unermüdlichen Eifer des bekannten Gelehrten Baron David Ginzburg wurde von dem damaligen Kultusminister Kaufmann daS Projekt der Gründung einer jüdischen Akademie genehmigt. Diese Akademie, an deren Spitze Baron Ginsburg. Kalischer, Wladimir Askinasi und sechs tüchtige .Lehrkräfte stehen, funktioniert gegenwärtig. , ,Aber nun entstand eine heikle Frage. Das Schülerkontingent, welches die Zahl 30 nicht überschreiten darf, rekrutiert sich, meistenteils aus Jüngern aus der Provinz, die in Petersburg kein Wohnrecht haben. Was tun? Die Akademie hat sich deshalb an den Premierminister mit dem Gesuch gewandt, diesen Schülern während ihrer Studienzeit das Wohnrecht einzuräumen. Premierminister Stolypin übergab das Gesuch zur Begutachtung dem Kultusminister Schwarz. Schwarz machte nun folgende Randbemerkung: „Im Interesse der Regierung ist eine jüdische Akademie überhaupt nicht erwünscht, da sie nur zur Stärkung des jüdischen nationalen Selbstbewußtseins dienen kann." — Diese Randbemerkung ist charakteristisch. Stolypin bekundete mehr Einsicht. Er genehmigte das Gesuch der jüdischen Akademie, und allen 30 Schülern ist das Wohnrecht in Petersburg gestattet worden. Ohltsnthrapie und Skprslrntsn?. Von S. Bloch. ^Ln der Presse, die die Interessen des Judentums und der Judenheit wahrnimmt, wird in der letzten Zeit anläßlich der Berliner Versammlung viel gesprochen von der Verschmelzung aller jüdischen philanthropischen Organisationen Europas und Amerikas. Die Idee einer solchen Fusion der Wohltätigkeitsvereine kann nicht mehr den Reiz der Neuheit für sich in Anspruch nehmen. Wie mir im Jahre 1906 der leider zu früh verstorbene Charles Hallgarten erzählte, wurde sie schon zu jener Zeit in gewissen Kreisen ventiliert. Auch auf der Brüsseler Konferenz stand diese Frage auf der Tagesordnung. Schließlich kommt es bei einer Idee nicht auf die Anciennität an, sondern hauptsächlich aus die Durchführbarkeit und noch mehr auf den praktischen Wert derselben. Ist nun eine Verschmelzung der jüdischen philanthropischen Organisationen — es kommen dabei hauptsächlich in Betracht die lewisb Colonisation Association, die Alliance Israelite Universelle; der Hilfsverein der Deutschen Juden,sowie die amerikanische Charities und Aid-Societies — wirklich' wünschens- und erstrebenswert? Vieles spricht für, noch mehr gegen eine derartige Verschmelzung. Verfolgen mehrere Gesellschaften einen und denselben Zweck, so ist es in manchen Beziehungen wohl angebracht, daß sie viribus nnitis arbeiten. Dabei wird erstens viel gespart, an Energie sowie an Administrationskosten, aber nur insofern, als die entsprechenden Gesellschaften an einem Platze oder wenigstens in einem Reiche sich befinden. Der so vereinigte Wohltätigkeitsverband kann, dank den vereinigten Kapitalien, großzügiger und intensiver arbeiten. Der große Verband, in dem die einzelnen, kleineren Vereine aufgehen, kann vielleicht zu einer großen Macht werden. Die Außenwelt wird wohl eher damit rechnen, als mit den einzelnen kleinen Vereinskräften, die sie wegen ihrer Unansehnlichkeit bis jetzt ignoriert. Auch im politischen Leben sehen wir ähnliche Vorkommnisse. Das vereinigte Groß-Deutschland flößt den Mächten mehr Respekt und Angst ein, als das vor 1871 in so und so viele kleine Staaten zersplitterte. Ferner ist noch in Betracht zu ziehen, daß bei Verschmelzung der Wohltätigkeitsvereine der große alljüdische Verband systematisch arbeiten, sein ganzes Schaffen in einen Punkt konzentrieren und nicht mehr die Judennot nach den verschiedensten Erdteilen verpflanzen wird, nach Argentinien, Kanada, Palästina- Vereinigte Staaten von Amerika, Jtoland, das allerdings noch nicht entdeckt ist, aber sicher entdeckt werden wird und entdeckt werden muß.

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