Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 41 (9.10.1908)
- Date
- 1908-10-09
- Page
- Seite 482 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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mit ihr eins wurde und, immerfort eins bleibt, so hat sie die Humanitätsidee bis zu jener Höhe erhoben, daß sie ihr .sogar ihr ureigenes Wesen zum Opfer brachte^ Im Judentum dagegen gestaltet sich die Erfüllung des Gebotes der Nächstenliebe zur lautersten Heiligung,.zu einem Schritt zur Gottähnlichkeit, zur Läuterung und Vervollkommnung unseres religiösen Gefühls. Dieses Prinzip der Nächstenliebe ist im Judentum nicht jene ideale Höhe, von welcher aüs alle Unterschiede der Menschen verschwinden, so daß keine Spur, kein Licht und kein Schatten der Wirklichkeit von uns übrig bleibt, sondern es läßt alle realen Verhältnisse des Lebens gelten und erkennt sie als berechtigt an, aber, nur in ihren abgegrenzten Gebieten, über die hinaus sie ihre Arme nicht strecken dürfen, über die hinaus allein unbedingte Nächstenliebe ihre volle Geltung hat. Der Zusatz zu dem Gebot der Nächstenliebe „Ich bin der Ewige" weist zugleich auf die Wurzel des Gebots zu Gott hin, der die Liebe in das Wesen des Menschen gesenkt und die Nächstenliebe ihm zur Bestimmung gemacht, indem er die ^Menschen als Brüder zu einträchtigem Leben geschaffen hat. Außerhalb Gottes hat die Nächstenliebe kein Motiv und keinen Ankergrünv, da dann Nur die Selbstsucht und die Notwendigkeit das Band der Menschen weben. Das Laubhüttenfest lehrt uns: Die Einheit des ganzen Menschengeschlechts, und einen Gott, dessen Kinder wir alle sind. Die. allgemeine Gleichartigkeit, unserer Natur und ihrer Gesetze, die Identität unserer Bestimmung, die Übereinstimmung in unseren Geschicken, in unseren Freuden und Leiden sind die feste Grundlage, auf welcher das Judentum das große Gebäude der Nächstenliebe errichtet hat, unter dessen Dache es die Kinder aller Zonen, aller Völker, aller Glaubensbekenntnisse mit einander vereinigt. Das ist die Lehre des. Sukkoth-Festes. Möchte sie von allen beherzigt werden! Dir Wochr. " Berlin, 6. Oktober. | Inter all? den „Tagen", die in der letzten Zeit inDeutschland abgehalten wurden, hat kaum einer so viel Interesse in Anspruch genommen als der Hochschullehrer- Tag. Die mannigfachen Versuche, die Lehrfreiheit der, 'Universitäten zu beeinträchtigen, ferner die Kämpfe gegen freisinnige Theologen haben die allgemeine Aufmerksamkeit auf viele Mißstände gelenkt, unter denen die deutschen Universitäten gegenwärtig zu leiden haben.. Es war zu erwarten, daß auf dem Hochschullehrertag eine kräftige Opposition sich regen werde. Und diese Erwartung, ist auch nicht getäuscht worden. In mannhafter Weise haben Universitäts- Professoren verschiedener Länder namentlich dagegen Protest eingelegt, daß die Regierungen bei Besetzung der Lehrkanzeln nicht nach dem Vorschlag der Fakultäten, sondern nach ganz -anderen Gesichtspunkten Vorgehen. Nur ein Moment wurda merkwürdigerweise bei dieser sehr eingehenden Debatte — soweit wir es übersehen konnten — auch nicht mit einem Worte gestreift, nämlich die Behandlung der jüdischen Dozenten an den Universitäten Deutschlands und Oesterreichs. Und doch ließe-sich ein ganzes Buch darüber schreiben, ein merkwürdiges, interessantes Buch, das zugleich einen Beitrag zur Kulturgeschichte des Jahrhunderts bilden würde. Diese Leidensgeschichte des jüdischen Dozententums beginnt schon in den dreißiger Jahrendes vorigen Jahrhunderts, wo die besten Kräfte förmlich, ins - Ausland getrieben worden." Sie setzt' sich fort bis. in unsere,' Tage und ist ein trauriges Kapitel der allgemeinen" Universitätsgeschichte, in dem leider nicht nur die Regierungen, die sich fast gegen jede Ernennung eines.jüdischen Prosesiors . zum Ordinarius stemmen, sondern auch die Universitäten selbst, die gar oft eine solche Ernennung, selbst wenn sie die hervorragendsten wissenschaftlichen Kräfte betrifft, zu umgehen , suchen, eine keineswegs beneidenswerte Rolle spielen. .? Es ist sehr schade, daß sich kein. Vertreter des freien Gedankens gefunden hat, der diese Misere des jüdischen Dozententums auf unseren Universitäten zur Sprache gebrachthätte. Um so wehr, als unsere Antisemiten, — die verschämten und die unverschämten — gerade in letzter' Zeit den Spieß umzukehren versucht haben und von einer Ueberhandnahme der jüdischen Akademiker zu sprechen wagen. So hat erst in dieser Woche die „Konservative Korrespondenz", ohne nach den Gründen zu suchen, keck und munter von dem „jüdischen Nachwuchs" gefäselt, der in „ganz ungeheürem Prozentsatz zu der jüdischen Bevölkerungsziffer", die höheren Lehranstalten und die Universitäten bevölkere. Der Angriff verdient sogar niedriger gehängt zu werden, denn er ist charakteristisch für die Anschauungen, die in konservativen Kreisen gegenwärtig wieder herrschen. „In den Berufen der Aerzte (namentlich der Spezialärzte), der Anwälte, der Hochschullehrer spielt das Judentum eine ziffernmäßig viel zu große Rolle. Schon der verewigte v. Kleist-Reetzow hat zu Maßnahmen gegen dieses Vordringen, das dem Staat viel Geld kostet, dringend geraten. Statt diesen Rat zu befolgen, werden dem. Judentum noch immer neue Wege zum Eindringen in akademische Berufe erschlossen. Und dieses Eindringen ist in vielen Fällen gleichbedeutend mit Verdrängen christlicher. Mitbewerber. Schon die Gerechtigkeit also sollte gebieten, die Juden zu akademischen Berufen nur im Verhältnisse der jüdischen Bevölkerungsziffer züzulassen." Gerade solchen mittelalterlichen und törichten Anschauungen gegenüber hätte auf dem Hochschullehrer-Tag ein offenes und freies Wort, das die tatsächlichen Verhältnisse klargelegt hätte, gesprochen werden sollen. Wir bedauern lebhaft, daß dies nicht geschehen ist. * -Gibt es einen Antisemitismus in der Schwerz? Die schweizerischen Blätter, die dies in Abrede stellen wollen,- scheinen es eigentlich zu bestätigen. So z. B. das „Oberländische Volksblatt" in Jnterlaken, das einen Leitartikel: „Die Schweiz auf der Anklagebank der Juden" mit folgenden .. Sätzen einleitet: „Wir in der Schweiz sind uns keineswegs bewußt, in Antisemitismus zu machen.- Aus zwei Gründen nicht: Vorerst haben die Israeliten uns in keiner Weise Anlaß zu solcher Hetze gegeben, wenigstens öffentlich nicht; was etwa in der „Tiefe hohl brauset", ist in dieser Beziehung von keinem Belang. Sodann haben' wir weder in den gesetzgeberischen, noch richterlichen, auch in den kommunalen Behörden nicht, viele Vertreter der semitischen Rasse. Sie genieren uns also in keiner Weise; es will uns so scheinen, unser Volk habe - keine ausgesprochenen Sympathien für sie, aber auch keine Antipathien gegen sie. Uebrigens stehen sie unter der allgemeinen Norm:' „Jeder » Bürger ist gleich vor dem Gesetz" sei er Reformierter, Katholik oder Jude. Darum haben wir nirgends von antisemitischen. Vorstößen gelesen, die von irgendeinem Belang wären. Alle Israeliten können sich innerhalb der gegebenen Schranken so gut ihres Lebens und Handels freuen, wie wir andere nicht-jüdische Bürger auch. Bisher haben wir auch keine Klagen seitens in der Schweiz wohnender Juden über Intoleranz von unserer Seite gehört." - ' Das ist alles sehr schön. Unmittelbar, darauf, folgt aber eine Motivierung des Schächt-Verbots. mit der „christlichen Humanität, die wir auch der armen Kreatur schulden", und: