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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-10-09 · Heft 41 (9.10.1908) · page 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 41 (9.10.1908)
Date
1908-10-09
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Ser«», 9. Oktober >908. 72. Hakrxsnx. Nr. 41, Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnemen ts-Preis: durch Buchhandel oder Post (in Berlin u. Vororten durch unsere verlriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 UI. Redakteur: Gustav Rarpeles. Begründet von Rabbiner D»- Ludwig Philixpson. Veilg§8-Lxi>eMoi>: Berlin, Jerusalemer Str. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgeni. Zeitung des Judentums", Berlin 8W., Jerusalemer Straße <*6/4:9, zu richten. Verlag von Rudolf Alosse, Berlin. Krue Jdrslr. Zum Sukkoth-Feste. Berlin, 8. Oktober, n weiser Erkenntnis des Menschenherzens reiht das israelitische Gesetz an den Tag der Versöhnung das Fest der Freude an. Denn daß das Sukkoth-Fest ein Fest der reinen Freude, das lehren die Vorschriften und Symbole desselben in, klarer Weise. Sie lehren aber auch, daß die Freude nicht beim einzelnen und im einzelnen stehen bleibt, sondern daß sie als ein erwärmendes Feuer auf andere übergeht und weit und breit sich ausdehnt. Bei einem Blick in die Fülle des Herbstsegens muß sich ans der Natur der deinen Freude heraus aber auch die allumfassende Liebe gestalten. Und gerade dem Gedanken dieser Liebe gehört das Fest mit den schönen Symbolen, die unsere Alten vor allem auf den Gedanken der Humanität und der Menschenliebe deuten. Ein solcher Gedanke muß in unserer Zeit besonders sympathisch sein, und es ist deshalb mehr als bedauerlich, daß so viele unter uns mit dem Versöhnungstage ihr religiöses Leben abschließen und die großen Gedanken des Laubhüttenfestes nicht auf sich einwirken lassen. Aber gerade weil die Humanitätsidee des Festes in unseren Tagen immer mehr Anhänger findet, muß vor einer Ueberschätzung derselben ernstlich gewarnt werden. Denn viele sind bereit, irr ihr das neue religiöse Ideal an sich zu erkennen und zu verehren. Sie sehen die Humanitätsidee als das höchste alle anderen überragende Verdienst des menschlichen Lebens an. Der Pflichtenkreis der'Menschen ist nach der Meinung vieler lediglich in der Verwirklichung der Humanitätsidee nach allen Richtungen gegeben. Ja, selbst das Verhältnis des Menschen zu Gott finde darin seinen erschöpfenden Ausdruck. Daß der Mensch auch solche Verpflichtungen haben muß, die ein unmittelbares Verhältnis zu Gott ausdrücken, wird kaum noch anerkannt, weil eben die Humanitätsidee alles andere religiöse Leben in sich ausnehmen soll. Gegen diese Ueberzeugung predigt unser Fest, obwohl es die reinste Liebe und die höchste Humanität verkündet. Im Judentum ist die Gottesidee das Erhabenste und Heiligste, und der Kultus derselben in Worten und Werken erscheint als das erste Prinzip der Religion selbst. Dem Gebot: „Liebe deinen Nebenmenschen wie dich selbst", sind die Worte hinzugesügt: „Ich bin der Ewige!" Das soll sagen, daß die Humanitätsidee im Judentum nur dann ihren vollen Wert hat, wenn sie.sich neben der Gottesidee und in ihrer Verwirklichung als Ausfluß derselben gellend macht. Wir dürfen wohl vor Mißdeutung sicher sein, wenn wir hinzufügen, daß die Religion Israels die Humanitätsidee wahrlich nicht stiefmütterlich behandle, sondern sie im vollsten Maße zu würdigen verstehe. Eine Religion, die nicht nur Humanität lehrt, sondern Institutionen schafft, wie Erlaß und Jubeljahr, die Fürsorge für den einzelnen und für die Gesamtheit, für den Menschen, für das Tier und für die Pflanze des Feldes, in welchen die reinste Humanität verwirklicht erscheint, eine Religion, die an ihrem höchsten und heiligsten Feste, am Versöhnungstage, nicht nur den Kultus der Gottesidee für die Religionsgemeinde und für die einzelnen, sondern auch den Kultus der Humanitätsidee durch die Verkündigung der Entlassung aus Knechtsdienst und Armut gebietet; eine Religion, aus deren Grundlagen heraus die Propheten ihre für den Humanismus begeisterten und zu allgemeinen Menschheitsideen begeisternden Worte ertönen ließen — eine solche Religion hat der Humanitätsidee ihren gebührenden Platz in dem Bewußtsein der Menschen auf eine würdige und entsprechende Weise angewiesen. Wie sehr aber auch das Judentum schon vor Jahrtausenden diese im modernen Leben immer mehr sich ausbreitenden Idee gewürdigt hat, so hat es doch für den Kultus der Gottesidee außerhalb derselben vor allem Sorge getragen. Im Judentum lehnen sich religiöse Feier und Festtage an keine Persönlichkeit oder geschichtliche Tatsache, aus welcher die Superiorität der Humanitätsüber die Gottesidee durchschimmerte oder durchklänge. Die ethische Kultur ist ein großes und siegreiches Prinzip des modernen Lebens. Es ist nicht zu viel gesagt, wenn wir behaupten, daß das Judentum diese Idee überhaupt geschaffen hat. Gerade darum aber muß es für den Kultus der Gottesidee, die den Gipfel alles religiösen Lebens bildet, vor allem in die Schranken treten; ja, es muß hierin eine seiner wirksamsten Aufgaben besonders in unserer Zeit erkennen. Darum schließt auch der zweite Jesaias, in dem der prophetische Geist seine höchste Entfaltung erreicht und wahre Triumphe feiert, mit den Worten: „Und es geschieht, je von Neumond zu Neumond und je von Sabbat zu Sabbat wird kommen alles Fleisch, sich vor mir zu beugen, spricht der Ewige". Das heißt nach der tieferen Bedeutung des Wortes: Der Kultus der Gottesidee, welche in der Anbetung eines.höchsten außerweltlichen Wesens ihren reinen Ausdruck findet, darf nie und nimmermehr aus der Menschheit weichen und muß selbst in den Zeiten der ausgebreitetsten und vollsten . Verwirklichung des Humanitätsprinzips unangetastet feststehen. , Die Weltanschauung der Humanitätsidee ist ein Erzeugnis des historischen Christentums, die notwendige Konsequenz einer zu seinem positiven Inhalt gehörenden Grundlage. Wie die . Gottheit aus Liebe zur Menschheit sich ihres ureigenen Selbst entäußert hat, wie sie aus Liebe zur Menschheit in menschlicher Gestalt unter den Menschen einhergewandelt und sich durch jene Tatsache mit der Menschheit so identifiziert hat, daß sie

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