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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-10-02 · Heft 40 (2.10.1908) · p. Seite 480

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 40 (2.10.1908)
Date
1908-10-02
Page
Seite 480 (sequence 14)
Language
German
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lächelte schmerzlich, „da nehme ich mir immer: evstein paar Morgenstunden zur einsamen Seelenfeier." „Gnädiges Fräulein, eine Frage:. Beten Sie nur für Heimgegangene Seelen oder auch für verlorene?" Schweigen, inillutenlang. Sie schaute wie abwesend durch das geöffnete Fenster: „Heut' ist der große Tag der Wahrheit, ich habe für eine verlorene Seele, gebetet — gestern abend und auch heute." „Hannah!" Er ist vorgestürzt. „Für meine Seele?" Sie nickt automatenhaft. „Hannah! Nun kann ich gehen. Du hast für mich gebetet, leb' wohl! Ich scheide versöhnt, für immer.'" Sie regt sich nicht. Er ist zur Tür gegangen, er hat sie geöffnet, da — mit einem halb unterdrückten Schrei ist sie ihm nachgestürzt: „Max"! ' Was liegt alles in. diesem Wort. Schon hat .er ihre eiskalten Hände erfaßt,.an denen kein Ring blitzt. Mädchenhast, keusch wie einst ruhen sie in seiner Rechten. „Was willst Du tun?" — Wie im Fieber kommt's von ihren. Lippen, sie zerrt an seinen Schultern: „Was?" „Das, wozu mich, mein Sein zwingt, das, gestern abend blutend erwachte aus 'einem schweren Traum zu..einer noch schwereren Wirklichkeit, durch Dein erlösendes Gebet, Hannah! —Darf ich beichten?" Sie nickt. Und nun tönt das an ihr Ohr, was sie geahnt, geahnt — doch nie gewußt. Und ein Verzeihen und ein Verstehen so schön, malt sich in ihren Zügen. Aber weit und entsetzt öffnen sich ihre Augen, da er von dem spricht, was der heutige abend ihm bringen wird. „Nur das nicht", ist's von ihren Lippen gezittert; „Sie dürfen nicht. Erst die Freude, daß Sie unserer gedacht — und nun!" — „Hannah — ich kehre zurück!" Kraftvoll hat er es gerufen. „Ich werfe all diesen falschen Tand von mir, ich werde, was ich war, ich kehre zu den Meinen zurück!" „Und Asta?" sie hat es gemurmelt — weh, zerrissen. „Asta, ja! Gnädiges Fräulein, wollen Sie vergessen, was ich gesagt!" Dann aufstöhnend: „Ich kann ja nicht zurück. Asta, mein Weib, der Tod ist ihr nichts, aber solch ein Leben! Sie würde sich und mich zerschmettern wollen, tät' ich's ihr an! Ich gehöre ja nicht mehr mir selbst an, nur ihr noch, ihr und der Verzweiflung. Sie können mich verstehen, Hannah! Und Sie werden auch kommen, wenn, wenn — Sieallein, weil ich Sie allein geliebt! Hannah, bete für.mich!" Die Tür ist hinter ihm ins Schloß gefallen; der Schrei der blassen Mädchenlippen durfte ihn nicht mehr zurückhalten. Dicht an das Gotteshaus hatte sich Max Stein geschlichen — aus den Lippen stammelnd fiebrig: Schma Jisroel — und die Weisen des Tages aller Tage stahlen sich durch die .Mauern zu dem mit sich Ringenden. Um acht Uhr abends ist er heimgekehrt. Er hat den Tag, den großen, wieder gefeiert mit jener Stunde der Versöhnung. Nun hat er abgeschlossen. Von den zwei Hügeln, efeuumrankt, zu denen er nie mehr gegangen, hatte er Abschied genommen. An Asta denkt er ruhig, klar. Ihr als seiner Gattin bringt er das größte aller Opfer. Ist's ein Wahnsinn von ihm, aber er kann sie nicht bitten: Gib mich frei. Denn, wer weiß, sie mag anders, besser sein als er denkt, dennoch — ein ferneres Zusammenleben ist unmöglich, seit er die Kluft erkannt, die Kluft, die schon seit vier Jahren unbewußt zwischen ihnen gegähnt!. Nach seinem Tode. wie .kalt es ihn läßt, mag sie einem anderen angehören, es wäre charakterlos, ja teuflisch, zu sagen: Geh, nimm alles, aber geh. Durch den großen Salon, der nur durch eine Portiere von Astas Boudoir geschieden, will er in sein Schreibzimmer flüchten, wo er das blanke Teschin geborgen weiß. Der weiche Teppich d'ämpft den fliegenden Schritt-. Da schlagen Stimmen; nur zu bekannte, an sein ' Ohr; er - will nicht hören — was soll's ihm noch, ihm, der nun bald zu denen gezählt wird, die — da trifft ein schwülkosendes Wort sein Ohr: „Asta!" Und nun bleibt ihm-durch die breite, sorglos zurückgeschlagepe Portiere der Anblick der Szenerie drinnen nicht erspart. Nach Fassung ringend lehnt er an der Wand; jedes Wort schlägt mit grausamer Deutlichkeit an sein Ohr. „Und wann wird mein Werben durch zwei länge Jahre hin belohnt, schönste Frau?" „Gras, Sie spielen ja nur mit mir." „Hab' ich den Vorwurf verdient — Asta, Asta, tun Sie nicht so unerfahren; ich schmachte, seufze und dieser lächerliche Judenjunge hat das Glück; hätt' ich Sie doch früher gekannt!" „Und ist's jetzt zu spät?" „Asta, woran denken Sie? Mir schwindelt!" „Denken : Sie von einer geschiedenen Frau ' geringer, Bodo?" „Asta," er bedeckt ihre Hände mit Küssen. „Noch eine solch geschickt entrierte Szene wie gestern abend, und er muß mich freigeben! Aber —wer bürgt mir für Ihr Wort?" „Mein ganzes Selbstund dieser Siegelring." Spielend hat. er das kostbare Erbstück an ihren schlanken Finger gesteckt. „Also mein?", und sie lachte übermütig: „Bald! Ah, wie das klingt — Gräfin Born!" Jom Kipur. In einem kleinen, versteckt lauschig liegenden Städtchen tönen hehre, fromme Weisen aus einem bescheidenen Tempel. Die nur in geringer Zahl hier ansässigen Juden haben sich erst seit einigen Jahren fest aneinander geschloffen, seitdem ein gläubiger, edeldenkender Mann unter ihnen weilt, den sie zu ihrem Führer erwählt. Und dieser, über den ein seltsames Gerücht kursiert — er habe erst nach einem wehen Straucheln den rechten Weg zur Pflicht, zum Glück gefunden — dieser gesuchte Rechtsanwalt Max Stein, dieser in wahrem Sinne des Wortes rechte Anwalt der Armen und Bedrängten, steht mit verklärtem Lächeln heute auf demselben Platze, den, wenn auch in anderen, stolzeren Mauern, seine Urväter schon eingenommen. Sein Blick schweift von den mit heiligen Lettern bedeckten Seiten zum Frauenbalkon, durch dessen Gitter die Augen seines Weibes, Hannah Seeligs Augen, zu ihm niederglänzen, feucht, wehmutsvoll, beglückt.. An ihre Kniee schmiegt sich ein dunkelhaarig winzig Mägdelein, sein Kind —. sein Kind! Jener einzige Schösarton durchbebt Raum und Herzen. Und dieser Klang ist es, der ihm Jahr für Jahr zeigt, was war, was geworden, der ihn läutert von einem Versöhnungstag bis zum anderen. Mersrilchr Mitteilungm. — Dr. M. R aw i.c z, Bezirksrabbiner in Offenburg (Baden), hat soeben im Selbstverlag erscheinen lassen: Der talmudische Traktat „Chulin", welcher von den Regeln des jüdisch-rituellen Schlachtens .handelt, nach der Wiener Ausgabe vom Jahre 1865 ins Deutsche übersetzt und kommentiert. I. Teil. 333 Seiten..— Bei dem höchst aktuellen Interesse, das die Schächtfrage gegenwärtig beansprucht, darf das schön ausgestattete Werk allen Lesern angelegentlich empfohlen werden. Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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