Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 40 (2.10.1908)
- Date
- 1908-10-02
- Page
- Seite 479 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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. für dessen Annahme nicht stimmen." Das Merkwürdige'ist nun, daß der durch Majoritätsbeschluß Abgelehnte ganz ruhig . auf seinem Posten blieb. Als seine Zeit abgelaufen war, suchte Windecker (Februar 1827) um die Erlaubnis nach, auf - seine und seiner Freunde Kosten (also nicht aus Gemeindemitteln) einen solchen zweiten Vorsänger zu engagieren. Der ihm quartaliter gewährleistete Betrag betrug, man höre und staune, 7 Gulden 43 Kreuzer. Dieser Antrag wurde genehmigt. Dem Erwählten, Moritz Marx Hirsch aus Karlsruhe, wurde der Aufenthalt auf ein Jahr gestattetfreilich unter cher Bedingung, daß er seine Existenzmittel Nachweisen könne, denn jene Riesensumme von 7 Gulden erschien trotz der angehängten 43 Kreuzer der Behörde nicht „als hinreichend", was man ja wohl begreifen kann. VrrMhnungstag. Eine wahre Geschichte von Eva Feinstein-Münster i. W. II. TI uf dem foriim romanum fühlte er plötzlich seine Hände H' ersaßt. Der alte Justizrat Müller, der Verwalter seines Vermögens, freute sich unendlich, einen so guten Bekannten zu entdecken. Nicht minder entzückt schien sein Mündel, Asta von Wegner, eine Generalswaise, die ihren Vormund auf all seinen Reisen zu begleiten pflegte. Die .blonde Schöne, für die seinerzeit alle Primanerherzen geschlagen bis auf eines, das fürein dunkles Mädel erglühte, nahm den kurz vor dem Referendar stehenden reichen Erben vollkommen in Anspruch. Man unternahm Ausflüge. Täglich, ja stündlich waren die drei beisammen. Asta von Wegner, die über den jüdischen Gymnasiasten schnöde hinweg geblickt — wie ihm das jäh klar wurde — warf alle Netze nach solch guter Partie aus. Den alten Rat wußte sie zu bearbeiten; er drängte langsam und vorsichtig Max Stein weiter auf dem schlüpfrigen Wege, den ihm Professoren und Kommilitonen gewiesen, den er schwankend betreten. Seiner Eitelkeit schmeichelte es, die Zuneigung der stolzen Asta errungen zu haben. Er hielt diesen Rausch für Liebe, ihre kalte Berechnung für ernste, allumfassende Neigung. Und an einem sonnüb erglühten Tage war er jenen Weg gegangen, von wannen keine Wiederkehr. — Keine Wiederkehr? Astas Glaube war nun der seine, sollte der seine sein. Wenige Stunden später waren sie verlobt. , Ob jene schwarzen Augen geweint, als blitzschnell die Nachricht gekommen: Max Stein, Asta von Wegner — und dann — 'das Andere? Er hatte es nie erfahren. In seiner Heimatsstadt, in die er mit seiner jungen Gattin zurückkehrte, war er für die Gemeinde, war die Gemeinde für ihn gestorben. Dem reichen Referendar Stein und seiner, einer der ersten- Familien der engeren Heimat entstammenden Frau, öffneten sich die. besten Zirkel. der Stadt. Ein Gesellschaftswogen umfing sie. Nach dem glänzend beständenen AssefforexaMen war er blitzschnell befördert worden; ein halbes Jahr war er nun Amtsrichter — teuflische Ironie des Schicksals, immer in der gleichen Stadt, in der Stadt seiner Väter, die nicht mehr seine Väter waren, die er verleugnet hat. Die vier Jahre seiner stolzen Ehe -—eine traurige Kette von Enttäuschungen! Der heutige Abend hatte ihm unwieder- > dringlich den letzten Glauben an Asta genommen. Ihre Worte aber den Grafen Born, diesen faden Gecken — eine Eifersuchtsregung haben sie nicht in ihm geweckt, nur-ein . heißes Glücksgefühl über das, was er grollend sein'Schicksal. genannt — hätte eine solche Frau die Erzieherin seiner Kinder sein dürfen? Und er dankte es jener unendlichen, unfaßbaren Macht, die er, wie lange nicht mehr, betend angerufen, daß sie kinderlos geblieben. Nun sitzen die Juden in ihren matterleuchteten Räumen und beten, beten für die Ihren, für sich selbsto — daß er morgen nicht hinstürmen darf und mitbeten darf — Gott!! Schmäh Jisroel — halt! er darf nicht, er ist ausgestoßen — er hat keinen Anteil mehr an irdischem Glück — durch eigene Schuld! Das Leben hier ein qualvolles Lächeln — das Leben dort, ah, wie zieht es heran, grau in grau, schwarz in schwarz; wenn er nun so sterben könnte, jetzt: ob dann jene schwarzen Augen wohl weinen würden, ob sie dann in der Seelenfeier auch seinen Namen,- den einst geliebten, jetzt ach so tief gehaßten, durch den Tod versöhnten Namen stammeln würde? Die Sonne schien. — Nach einer qualvoll durchgrübelten Nacht, die ihn in. seinem Schreibzimmer gesunden, wußte er es: Er müßte wieder zurück zu seiner Ehre, die er leichtsinnig verspielt — nicht in den Augen der Gesellschaft, die ihm huldigte, aber in den seinen und noch in zwei anderen. Und in diesen vier Augen wollte er noch einmal ehrlich dastehen — ein ganzer Mann, der alles „setzt an seine Ehre" — auch sein Leben. Heute war Jom Kipur. Er fühlte' sich so ganz losgelöst von allem. Bevor er heute beim Ausgange dieses großen Tages den dunklen Weg gehen würde, hatte er nur noch einem Wesen Rechenschaft zu geben. Und das sollte geschehn. . . . Und als er nun noch in früher Morgenstunde vor dem altersgrauen Rabbinerhause stand, zu dem er halb wie im Traum gegangen, durchzuckte es ihn — wenn er Hannah nicht fand? Wenn sie gleich all den Anderen in der Synagoge weilte, wenn sie überhaupt längst einem Gatten gefolgt, oder — wenn sie ihn von sich stieße! — Nein, dies letzte konnte nicht sein, sie, so edel, so gut. Ah, wenn sie vielleicht einen Ausweg wüßte, daß er nicht frevelnd selbst zu zerstören brauchte, was einst schon von unsichtbarer Hand zerstört werden würde. Konnte er nicht zurückkehren zu dem Glauben seiner Väter? Ach, wenn — wenn — Asta mochte sein Geld nehmen, alles, alles, er wollte fliehen in eine Einöde mit endlich wiedererlangter Daseinsberechtigung und — — die, um die sich seine Gedanken soeben spinnen wollten, stand plötzlich vor ihm im Rahmen'der schweren Eichentür, die sie ihm geöffnet. Daß er den Klingelzug berührt — er wußte es selber kaum. „Herr Amtsrichter, Sie hier? Sie wollten-" „Zu Ihnen, gnädiges Fräulein." „So kommen Sie." Er folgte der schlanken Gestalt im schwarzen Tuchkleide durch den breiten, dämmrigen Flur in das geräumige Studierzimmer mit den schweren Folianten, den altmodischen, nachgedunkelten Möbeln. — Alles heute so wie einst — alles? Nun standen sie sich wortlos gegenüber. Das Mädchen, das totblasse, faßte sich zuerst. „Sie wollten gewiß Papa sprechen, aber er ist nicht daheim. Ich wollte auch eben zum Tempel, wir feiern nämlich heute den Versöhnnngstag. „Jom Lipur", mechanisch hatten es seine Lippen geflüstert. „Ja, und ich mochte nicht gleich mitgehen heute morgen; ich habe mir das so angewöhnt seit einigen Jahren", sie