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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-10-02 · Heft 40 (2.10.1908) · p. Seite 477

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 40 (2.10.1908)
Date
1908-10-02
Page
Seite 477 (sequence 11)
Language
German
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Herz aus über Lazarus, auch in: bert folgenden Briefen;sich "Meinerseits sandte ihm die verschiedenen Gedenkblätter, die ich -hie und da veröffentlichte, auch den Beitrag für das „Jahrbuch": „Wie Lazarus und Steinthal Brüder wurden". „Ihre Arbeit über das Freundespaar war mir bis jetzt unbekannt. Sie verbreitet sich ausführlich über eine Zeit, die mir vom wissenschaftlichen Standpunkt stets' interessant war, weil Lazarus es vermochte, den Hegelianer Steinthal zu Herbart zu führen." — Hin und wieder sprudelt wieder die sarkastische Ader: „Meine Frau ist im „Bettelstirdenten" und ich muß mich vorbereiten auf eine Lektion über die unregelmäßigen Verben im Griechischen. Die Griechen waren ein geniales Volk und darum müssen unsere Gymnasiasten so viel Unregelmäßiges lernen." Noch ein guter Brief ist da von 1904: „Es naht der Tag, an welchem vor Jahresfrist Lazarus Ihnen, seinen Freunden, der von ihm vertretenen Sache, wenn auch im hohen Alter, doch noch viel zu früh entrissen wurde. Ich schreibe, um meinem Schmerz um den Verlust Ausdruck zu geben." Er schließt: „Jetzt glänzt die Sonne mir zur Stube herein. Während dieser Ferientage spaziere ich viel mit meinem nun sieben Jahre alten Söhnchen und lehre es die Bäume des Waldes und die Blumen der Wiese kennen." Der oft kalt und spöttisch erscheinende Mann hatte ein merkwürdig weiches, zartes Gemüt und einen ausgeprägten Familiensinn. Als er Lazarus 1902 in Jnterlaken besuchte, -und aus dessen opferwillige Bitte (blieb mein Mann doch allein zurück, statt, sich der Gesellschaft des werten Besuchers zu erfreuen!) mich auf meinem Aufstieg zum „Harder" begleitete, um die zirka 1400 Meter hoch über uns thronende „Alpenrose" (die stets unsere neugierige Sehnsucht weckte) zu erreichen — da war während des ganzen Aufstieges fast nur von seinem Kinde die Rede. Ich tat Blicke in dies zärtliche Vatergemüt, die mich tief rührten, und ihm schien es ein wahres Labsal, sich auszusprechen. Dennoch — oder war es Täuschung? — schien er mir in den letzten Jahren kälter, fremder zu werden, flüchtiger, zerstreuter. Um so herzlicher freute ich mich, als in diesem September der Aufsatz von Professor Dr. Leicht in den „Mitteilungen des Vereins für die Geschichte Berlins" über Lazarus erschien, der gerade Guggenheim ein ganz besonderes Interesse wegen der darin berührten Universitätsverhältnisse einflößen mußte. Ich schickte ^ihm die Abhandlung mit Widmung zum 15. September. Einige Tage darauf erhielt ich ein winziges Visitenkärtchen, daraus stand: „Leider muß ich Ihnen eine traurige Mitteilung machen. Mein Mann ist am 6. September an einem Herzschlag gestorben. Sie können sich meinen Schrecken denken. Er ging gesund schlafen, um nicht wieder zu erwachen. Mit besten Grüßen Ihre ergebene Frau Professor Guggenheim." -So ganz beiläufig also erfuhr ich von dem Tode dieses Mannes, der uns so nahe gestanden. Doch über allem Zwiespältigen das noch über sein Grab hinaus mich seinetwegen bewegt, bleibt doch der Gesamteindruck bestehen: Guggenheim zählte durch seine reine Gesinnung, seine tapfere Rastlosigkeit und seine innige Liebe zu allem Wahren und Guten zu den besten Männern unserer Zeit. Bei Juden und Christen: Ehre seinem Angedenken! MWM» Mir früher Ksbdiner- und Lantorenwahlen?ultsnde Kamen. Von Professor Dr. Ludwig Geiger. ' \ I. . . . v och heute bildet die Rabbinerwahl eine höchst verantwortliche, wenn auch nicht die verantwortlichste Angelegenheit der Gemeindeverwaltung. Ich habe nun bei der Wahl von vier.Rabbinern mitgewirkt und weiß ein Liedchen davon zu singen. Da ich aber nicht von meinen persönlichen Erlebnissen, als da sind: Anhören von Gastreden, Erwiderung von Briefen und Empfang von Gesuchen der Petenten reden will, sondern von einem längst vergangenen Ereignisse, von einer vor 76 Jahren stattgehabten Rabbinerwahl, so seien zur Einleitung nur einige Bemerkungen über den Modus der Wahl gestattet: In Berlin geht es so zu: Ist die Notwendigkeit für die Wahl eines neuen Rabbiners erkannt -- und wann wäre dies in den letzten Dezennien nicht der Fall gewesen? — so wird durch Beschluß der Gemeindebehörden eine Rabbiner- Wahlkommission eingesetzt, die aus zwei Aeltesten und vier Repräsentanten besteht. Diese wählt die geeigneten Kandidaten aus und übergibt die Liste dem Vorstande. Der Vorstand beruft die Ausgewählten zu Gastpredigten; um diese anzuhören, werden die Mitglieder und Gemeindebehörden eingeladen; nach absolvierter Predigt faßt die Kommission einen Beschluß, den Vorstand und Repräsentanten, sanktionieren, z. B. wenn sich in der Versammlung der letzteren die notwendige Zweidrittelmajorität erzielen läßt. . Ich habe nie ein Hehl daraus gemacht und darf darum auch öffentlich davon reden, daß ich diesen Modus nicht für sachgemäß halte. Selbstverständlich ist er nach dem Gemeindestatut völlig korrekt; juristisch ist nicht das allergeringste an dem Verfahren auszusetzen. Denn die Repräsentanten, die den Vorstand wählen, sind von der ganzen Gemeinde, oft mit sehr großer Majorität berufen; sie haben also den gerechtesten Anspruch darauf, wirklich den Gesamtwillen der Gemeinde zu repräsentieren. So gut sie Millionenanleihen abschließen, Entscheidungen über den Bau von Krankenhäusern, Synagogen, Schulgebäuden treffen, so völlig, und unbestritten haben sie das formale Recht, ganz allein Rabbiner zu berufen. Und doch kann man die Sache von einem anderen Gesichtspunkte auffassen, ja die Art, in der die sonstigen Angelegenheiten der Gemeinde betrieben werden, zwingt zu einer veränderten Auffassung. Die Gemeinde unterhält zum Beispiel zwei Schulen, zehn Religionsschulen, unterstützt viele private Lehranstalten, in denen Religionsunterricht erteilt wird; alles dazu Nötige: Billigung der Unterrichtspläne, Anstellung der Lehrer, Unterhaltung der Schulen usw. wird zwar auch von den Gemeindebehörden beschlossen, aber erst nachdem diese Angelegenheiten von dem Schulvorstand durchberaten sind. Dieser aber besteht keineswegs nur aus Mitgliedern der beiden vorgenannten Körperschaften; vielmehr setzt sich dieser Schulvorstand zusammen aus einem Aeltesten, zwei Repräsentanten, sechs durch die Repräsentanten gewählten Mitgliedern und zwei Rabbinern. Unter diesen sechs Gemeindemitgliedern, die also die Majorität des Schulvorstandes bilden, befinden sich drei praktische Schulmänner, zwei, die an höchsten Anstalten wirken und praktische und theoretisch mit pädagogischen Dingen Bescheid wissen. Ein ähnlicher Fall liegt bei der Bibliothekskommission vor, der

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