Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 40 (2.10.1908)
- Date
- 1908-10-02
- Page
- Seite 476 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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§r:; m. W''-- Guggenheim K. F.' Reyer, ^damals Präsident der- Schulkommission; auf Grund seiner ausgezeichneten Zeugnisse und Leistungen erhielt er Anstellung am Gymnasium, dann dauerte es nicht lange und auch der Professortitel stellte sich ein. Zwei Jahre später meldete Guggenheim seine Verlobung mit einem aus Lengnau stammenden begüterten Mädchen. Nach' seiner Verheiratung scheinen sehrlange Briefpausen ein-, .getreten zu sein, wenigstens dem Datum der vorhandenen ' Briefe nach. Wir lebten schon in Meran, als Guggenheim Anfang 1898 für die Sederrede dankt, die wir ihm geschickt hatten. „Die Rede hat mich wieder an die Sederabende zu Berlin und an das Vaterhaus erinnert; jetzt ist auch das dahin und niemand bringt es wieder." Er erwähnt ferner, daß er „mit großem. Interesse" meine autobiographische Erzählung: „Ich suchte Dich" gelesen und daß der „Berner Bund" „das Buch den Frauen aller Konfessionen empfiehlt". Er berichtet ferner über Persönlichkeiten und Ereignisse, aber auch die späteren Briefe — meist zu Gedenktagen geschrieben — fallen, mit den früheren verglichen, durch ihren flüchtigen, fast zusammenhanglosen Stil auf; es flackert eine Unruhe in ihnen und weht eine Unlust durch die Zeilen, die uns zu denken gab. Auf unsere teilnehmenden Fragen erhielten wir gewöhnlich die Antwort: es ginge „alles im alten Geleise" und es gäbe viel Arbeit. Nach Steinth als Tod schreibt er wieder wärmer und zusammenhängender: „Ihnen und Ihrer Frau Gemahlin bezeuge ich meine innige Teilnahme an dem schweren Verlust, der Sie getroffen hat. Ihn ganz zu ermessen, ist nur der imstande, wer wie ich in fast täglichem Verkehrbeobachten konnte, welch inniges Verhältnis in allenBeziehungen zwischen Ihnen und dem Verstorbenen herrschte. Ein Freundschaftsverhältnis gleichgestimmter Seelen, die gerade noch verschieden genug -veranlagt waren, um sich gegenseitig ergänzen zu können, ein solches Verhältnis reiht.sich würdig denen an, von welchen die Geschichte berichtet. Ihnen, geehrter Herr Professor, wünsche ich, daß Sie mit Ergebenheit tragen, was das Los des Sterblichen ist und Sie, verehrte Frau Professor, werden auch in diesen schweren Stunden, dem Gatten zur Seite stehen. Nunmehr Steinthal dahingegangen, möge ein günstiges Geschick uns Lazarus um so länger erhalten." Im Frühling desselben Jahres besuchte er uüs in Meran. Er. schien glücklich, Lazarus wiederzusehen und doch konnte dem stillen Beobachter etwas Befremdendes in seinem Wesen nicht entgehen. . Zuweilen nervös erregt im Gespräch, verstummteer plötzlich und starrte vor sich hin. Als Lazarus eine Frage an ihn richtete, antwortete er nicht und brach dann in Tränen aus. Ich habe nie einen Mann so bitterlich weinen sehen. In seinem nächsten Briefe schreibt er: „Der Tag in Meran war der schönste in diesem Frühling" . . . dann führt er nach einigen Mitteilungen fort: „Aus einer Bemerkung von Ihnen, verehrte Frau Professor, schließe ich, daß Sie glauben, ich sei unglücklich. Des Mannes Glück ist sein Beruf und darin fühle ich mich ganz glücklich. Etwas „problematische Natur" ist ja am Ende des Jahrhunderts jeder Jude, der. nicht Viehhändler, Fabrikant oder Bankier ist. Es läßt sich aber ertragen." „Der Iloscü Haschonoh naht" schreibt er zum 15. September 1901 „er findet mich freilich bei der Ausarbeitung einer Einleitung zu Plato, die ich morgen meinen Aeltesten geben soll, doch ich weiß, in Ihren Augen ist auch das ein gottgefälliges Geschäft. Das neue Jahr Israels ist auch zugleich ein neues Lebensjahr für Sie. Wie ist doch Wohl und Wehe Gesamtisraels immer verknüpft gewesen, mit Ihrem persönlichen Geschick! — Ich boffe, es sei . dieses Jahr ein glückliches, eines, wie es den Wünschen der Frau entspricht, welche mit treuen und sorgsamen Augen über Ihr Befinden wacht. Wenn ich auf das vergangene Jahr zurückblicke, so habe ich Ihnen vor allem dafür zu danken, daß Sie Ihren Fuß wieder auf Schweizer Boden gesetzt und mir vergönnt haben, Sie in Zürich zu sehen. .Und so -hoffeäch noch auf manch künftigesWiedersehen.! — ' Heute sagte mir Herr Dreifuß,! der Sie besucht und äuch! üirKüßtt'acht . gesprochen^ hat, ex habeein. Exemplar Ihrer Ethik nach. Manila . senden müssen." ' . , . /' Guggenheim pflegte schließlich nur noch zu den Geburtstagen meines Mannes zu . schreiben, aber diese versäumte er nie. .. 1902 berichtet er:. „Ich habe lange gezögert fortzugehen und wollte lieber arbeiten. Schließlich nahm aber das Bedürfnis nach Erholung von der schweren Arbeit des Jahres überhand und ich flüchtete, mich, allein in ein einsames Toggenburger. Dörfchen, eine Stunde unter dem Geburtsort Zwinglis, allwo ich drei Wochen verblieb. — Oester werde ich von Leuten, die Sie damals in Küßnacht gesehen, nach Ihnen gefragt, ohne daß ich etwas Bestimmtes wüßte. — Letzte Zeit hätte ich mich nur wenig anstrengen müssen, um UniversiLätsprosessor für Philosophie zu werden. Herr Maier, Nachfolger Khms, ist nämlich Schwiegersohn Sigwarts und bald, darauf Ordinarius in Tübingen geworden. Ich rührte keinen Finger. Aber es trat eine starke Partei in der Fakultät für mich ein. ' Unser Wundtianer M. soll aber gesagt haben, ich sei ja Philologe — und hat es durchgesetzt, daß ein' zweiter Wundtianer, Psychiater - St., Privatdozent in Leipzig, Mediziner und Ex-Theologe, gewählt wird. Meine Freunde vertrösten mich auf das nächste Mal, . .'" Es war das letztemal, daß er zum 15. September gratulieren konnte. Ende des Jahres mahnte ich ihn, diesmal außer der Reihenfolge einmal Nachricht zu geben, womöglich heitere, tröstliche — — und er folgt dem Wink und plaudert scheinbar unbekümmert am Neujahrsmorgen 1903. „Wer so philosophisch mäßig gelebt hat wie Herr Professor, hat ein Anrecht darauf, auch im Alter von schweren Leiden verschont zu bleiben. Zudem hat er jetzt eine ganze Anzahl von Fachgenossen, die eine wunderbare Rüstigkeit im Alter, zeigen: Zeller 'in Stuttgart genügt immer seinen Repräsentationspflichten, und für Kuno Fischer muß man beinah ein neues Auditorium bauen. Wir leben hier in alter Weise; augenblicklich hat meine Frau viel zu schaffen, denn auf die Neujahrstafel kommt eine (koschere!) Gans. — Unser Bubi ist dieser Tage sechs Jahre alt geworden, im Frühling kommt er in die Schule. Er bedauert sehr, noch nichts zu wissen; nur in der Neligionsphilosophie weiß er Bescheid; er kennt drei Religionen: 1. die reformierte, 2. die katholische, 3. die Mamareligion." Weiter berichtet er, daß in der alten Ülricischen Zeitschrift sein Aussatz über Petrus Ramus erscheine, und daß in Zürich noch unedlerte Briese des Ramus liegen, daß er gegen-' wärtig an Marsilius von Padua arbeite, der im 14. Jahrhundert auf Grund des Aristoteles die antike Staatstheorie erneuerte und damit auch die Reformation vorbereitete; er freut sich über den Bericht des Herrn Dr. Karpeles über seinen Besuch (in Mühlbach bei Lazarus), „den ich natürlich mit . größtem Interesse gelesen", erzählt, daß Kocher eine Millionenerbschaft von einem Onkel in Italien gemacht habe, und daß er einen sehr erfreulichen Brief vom Sohn des sel. Bundesrates Welti erhalten, und anderes mehr. Wenige Wochen später, als Juden und Christen gemeinsam ihr Osterfest feierten, war ich Witwe. In kurzen, abgerissenen Sätzen kondolierte er, und es klang wie ein Schmerzensschrei, als er bekennt: „Niemandem verdanke ich so viel wie ihm!" Aber immer noch schreibt er alljährlich zum 15. September. 1903: „Ich kann den Tag nicht Vorbeigehen lassen, ohne ein paar Zeilen nach Meran zu richten. Sie treffen freilich den nicht mehr, welchen ich seit 20 Jahren zum Geburtstagsfeste zu grüßen Pflegten Und nun schüttet er sein