Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 40 (2.10.1908)
- Date
- 1908-10-02
- Page
- Seite 475 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Hause ^eine Aufnahme und Ansprache, wie sie leider tausende "junger. Männer in der Großstadt entbehren müssen. War . aber sein Gönner in den Ferien in seinem Schönefelder ASommerheim, dann schrieb Guggenheim fleißig dahin: „Daß ich jetzt auch „ethisch* beschäftigt bin. schrieb ich Ihnen gestern. Es. ist in der,Tat ein Genuß, wenn man sich erst etwas hineingearbeitet hat, Kants rigorose Moral zu studieren. So recht eine Ethik für verunglückte Genies wie ich bin. In gewissem Sinne dachten alle wahrhaft großen Ethiker ähnlich: Plato, Spinoza, Kant. Ein großer Gedanke, der sich zu drei verschiedenen Zeiten, unter verschiedenen Verhältnissen, verschieden manifestiert. Allen dreien. ist schließlich das Gute ein Kind des Schmerzes, des freiwilligen oder von den Umständen herbeigeführten Losreißens von der Erdenlust. Der Mensch, der in Gott ist, ist frei nach dem Maße seines: „in Gott sein" nach Plato, Spinoza, Kant. An der Erdenlust entwickelt sich das irdische Leben, Moral ist Leben ohne Absicht auf Lust. Da haben Sie die Ethik eines 27 jährigen. Man könnte mich aus dieses Bekenntnis hin ins Kloster schicken." Mit Vorliebe wendet er sich an die Frau Professorin, die vielfach mütterlich für ihn sorgte. Er plaudert ihr von Bekannten vor von der Schweiz: „Dort, wo sich die Aare um die Felsen des Jura windet, hier Habsburg grüßt, dort Wildegg, Wildenstein. Wie oft lag ich in der Gegend, auf hohem Berge und .träumte eine Geschichts- Philosophie .." Es geht manchmal in seinen Briefen ein wenig sprunghaft und kunterbunt zu. Neben selbstverständlichen Sätzen, wie etwa: „ich liebe die Güte, die sich in positiven Taten äußert, kurz die wache, nicht die schlafende," finden sich Blattseiten voll scharfer, sarkastischer Kritik von Persönlichkeiten, mit denen das vielgestaltige Leben ihn in Berührung brachte; aber auch Gemütstöne werden unwillkürlich laut. Er schließt einen Brief: „Inzwischen betet meine Schwester für mich. Nach einer alten und schönen Sitte soll der fromme Jude, bevor er die hohen Feier- . tage antritt, besonders am Rüsttage zu Neujahr und Jom-Kippur die Gräber der Seinigen aufsuchen, sich zurückversetzen in das Elternhaus und sein Leben prüfen am Grabe derer, die ihm lieb waren. — Keine Pflicht steht dem Schweizer Juden höher. Und so ging auch meine Schwester zur heiligen Stätte und flehte dort die toten Eltern um die Herzensruhe des Bruders an. Ich mußte weinen, als ich las, wie sie das in der schlichten und naiven Weise erzählte." Man fühlt es oft, wie sein Sarkasmus nur sein gar weiches Gemüt verdecken soll. In einem Geburtstagsbrief an Lazarus, den 14. September 1885: „Beim schönsten Wetter schreibe ich diese Zeilen und hoffe, daß auch morgen freundlicher Sonnenschein Ihren Festtag beleuchte. Hat Ihnen doch selbst die Natur für so viel Liebe und Hingebung zu danken!... Ich wollte gern meinen Nominalismus dadurch bekunden, daß es nicht nur schwache Worte wären, womit ich Ihnen für so viel Wohlwollen und so viel Nachsicht meinen Dank darbringe, aber Gott hat mich so arm und hilflos gelassen und doch habe ich gerade in der Armut und in der Hilflosigkeit den absoluten Wert der guten Gesinnung erkannt, wie nur das Reale wohl gebaut und gegründet ist, das sich auf der guten Gesinnung gründet. Und da wollte ich, daß Sie meine nominal als Ausdruck platonischer Ideen hinnehmen, für Hochachtung und Dankbarkeit, die Ihnen mehr zu schulden als vielen anderen ich stolz bin. Es sind jetzt zwei Jahre her. seit ich. mitten unter meinen Platostudien Ihnen zum erstenmale zum Geburtstag gratulierte, und wenn ich die damalige Szenerie — das finsterste Hinterzimmer meiner Wirtin in der Sydelstraße mit dem schönen Bibliothekssaale, wo ich jetzt schreibe, vergleiche, so habe ich schon Anlaß zum Danke genug, und doch ist das bißchen Leben nur die Vorbedingung, nicht aber die Würde der Existenz. Wie vieles verdanke ich Ihnen erst in geistiger y Wohl Titel eines Werkes? Beziehung! zumal ich mehr als andere das Glück hatte, Sie nicht nur lehrensondern auch Ihre Lehre betätigen zu sehen. .Ich habe nunmehr den Entschluß gefaßt, die Universität Berlin zum Beginn des Semesters mit der Ankündigung meiner Privatdozentur zu beglücken; es hängt alles davon ab, ob sie beglückt sein will. Ich nehme nunmehr ernstlich Kant vor und habe seine Ethik wieder gründlich durchstudiert. Ueberhaupt ist meine Perzeptionsneigung seit der letzten literarischen Sünde noch immer viel größer/ als die für Produktion." In Berlin faßte er nicht Fuß. an der Universität, und er wandte sich wieder dorthin, von wo er kam. Ein Brief vom 4. Juni 1886 ist aus Lengnau (Kanton Aargan) datiert: „Unter Tränen habe ich Abschied genommen von meinem Asyl Unter den Linden und bin nach einer beschwerlichen Fahrt in den letzten Maistunden in Brienne angelangt. Am anderen Morgen ging es nach Bern, wo ich aber nur Direktor Kummer sprechen konnte- Am Mittwoch nachmittag meldete ich mich höchst formell bei Professor Schweizer-Sidler, was den Mann beinah geärgert hat. Ich hörte: „Er isch doch früner nit so gsi." Dann aber saßen wir gemütlich beisammen, er wohlerhalten, erzählend vom Sterben und Siechen alter und junger Kollegen. Das ist ein schwerer Schlag für die Wissenschaft in der Schweiz, daß A. Hug an Gehirnverhärtung unrettbar daniederliegt; der Wunsch aller Freunde geht dahin, daß es ihm erspart werden möge, wie sein Vater sechs Jahre blödsinnig zu sein, ehe der Tod Erlösung bringt .... Professor Schweizer und fast alle Philologen der Fakultät würden es sehr gern sehen, wenn mir die akademische Tätigkeit als Philologe eröffnet würde, respektive wenn man mir in Zürich Gelegenheit gäbe, mit meinen Zwergkräften den Riesen Hug als Nachfolger in etwas zu ersetzen. Ueberall würde ich aufs freundlichste ausgenommen. Von meinem früheren Rektor fortwährend begleitet und im Ccrfä „Safran" mit einem durch feine Weine etwas. im Uebermaß gewürzten Mahl regaliert usw." Mehrere Blattseiten behandeln die Schwierigkeiten, die sich ihm dort immerhin in den Weg stellen, auch finanzielle Nöten; ein einziger Monat abwartenden Aufenthalts in Zürich würde ihn von allen Mitteln entblößen. Lazarus soll Rat schaffen . . . Er fährt fort: „Soweit die Zukunft. Von der Vergangenheit zu sprechen, von allem, was geschehen ist, seit ich zuletzt an diesem Tische saß bis auf den heutigen Tag — mag ich nicht, wo mein Gemüt so in 8usxensü ist.-Von der Schanze in Bern aus habe ich in die schöne Welt gesehen und vom lieben Gott erhofft, er möge mir einst gestatten, mit Ihnen zusammen des Anblicks zu genießen. Es wäre, wie die . Bachurim von den Gunstbezeugungen des Herrn Professor Lazarus zu sagen pflegen: „Eine Leuchte für das Leben." Es ist bereits in diesem Blatte geschildert worden, daß Guggenheim in Zürich die Lehrstellung fand, die er erstrebte. Lazarus tat bei jeder Gelegenheit das Seine, um Guggenheims Schicksal zu fördern und zu festigen. Selbst auf der Reise pflegte er Zufall und Gelegenheit solchen guten Zwecken dienstbar zu machen. Als er 1886 im Sommer zur Erholung in Pontrefina weil.te, kehrte er über — Zürich nach Berlin zurück, um dort seinem Schützling nützlich zu sein. Er veranstaltete ein Diner, angeblich um seine Bekannte wiederzusehen, und entsandte Guggenheim als Vertrauensmann und Liebesboten zu allen einflußreichen Freunden. Damit geschah ein wichtiger Schritt zu neuen Bekanntschaften für den jungen _ Gelehrten; er wurde aus diese ungezwungene Weise mit einer Anzahl wichtiger Persönlichkeiten in Beziehung gebracht: Gottfried Keller, Konrad Ferdinand Meyer, Ludwig Tobler, Vogt, Scartazzini usw. Die Unterhaltung war eine höchst animierte, und der Jüngste in diesem Kreise, eben Guggenheim, erwarb sich allseitige Sympathie: „Der junge Mann scheint ja in allen. Sätteln gerecht" brummte Keller gutmütig; am wichtigsten aber von allen Gästen war für