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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-10-02 · Heft 40 (2.10.1908) · p. Seite 473

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 40 (2.10.1908)
Date
1908-10-02
Page
Seite 473 (sequence 7)
Language
German
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Haben doch auch seine Gebete zum Subjekt die Gemeinschaft-und nicht das Individuum, vom "sNNL sN -s221 an bis -zum Sündenbekenntnis; selbst die schönsten Bittgebete und bbUM jim sind nur tm Anfang individualistisch, schlagen aber im zweiten Teile um und>bitten für die Gesamtheit.' Trotzdem ist diese Auffassung unrichtig; rtfflJl und die..beiden Haphtharen sprechen zu beredt gegen sie — ganz abgesehen von der Auffassung des Jomkippur in den modernen Predigten. Wie ist aber nun diese Zwiespältigkeit in seinem Wesen zu erklären? 'Ist der nationale Charakter bloß ein atavistischer Rest aus der früheren Epoche? Oder haben die um Goethe wirklich Recht, daß das Judentum eben trotz allem eine ethnische Religion geblieben ist? . Beides nicht, so scheint mir. Gerade die Entwicklung des Versöhnungstages zeigt, daß die alte Volksreligion überwunden ist; Micha, Jeremia und Ezechiel triumphieren über Amos und Jesaja. Der Grund liegt nicht im Wesen der jüdischen Religion, sondern im Wesen der jüdischen Gemeinschaft. Die Gleichheit der persönlichen Schicksale aller Juden, und' die dadurch bedingte Gesamtstimmuug und Geistesrichtung aller, möglichst die gleiche Anteilnahme aller an diesem Persönlichkeitsfeste (wohlverstanden: nicht die gemeinschaftliche Kultur und wie sonst die Worte heißen, mit denen der Nationalismus die geschichtliche Wahrheit verwirrt), die gleiche reliögise Stimmung bei allen einzelnen, sie allein ist die Erklärung dafür, daß der Tag, der die Krone der Persönlichkeitsreligion bildet, zu dem imposanten Volksfest geworden ist, als das alle Welt ihn anstaunt. National ist an ihm nur sein Geltungsbereich, sein Umfang, sein Inhalt ist persönlichste Religiosität; er ist ein nationales Fest, aber kein Nätionatfest (dies zu fein, überläßt er den Wallsahrtsfesten); die Nation feiert ihn, nicht er feiert die Nation. Vor 70 war die Nation Inhalt, Objekt seiner Feier, jetzt ist sie nur noch Form und (doch auch dies nur eum grano salis) Subjekt derselben. Die messianischen Hoffnungen in jfi pDl gründen sich auf ethische, nicht auf nationale oder gar politische Ideale. Und wenn unter uns soviele ihn heutzutage ernsthaft mitfeiern, die sonst alle Fühlung mit Judentum und Religion überhaupt verloren haben, indem sie sprechen:,, Einmal im Jahre will auch ich fühlen oder dokumentieren, daß ich Jude bin", — so meinen sie sicherlich damit nicht: . . daß ich zu der Geburtsgemeinschaft der Juden gehöre," sondern: „. . . daß ich in Wahrheit doch auch ein solches persönliches Verhältnis zum Höchsten habe oder haben möchte, wie es das Judentum verlangt; daß auch in meinem Herzen ein Funke Frömmigkeit glüht, wenn ich ihn auch gewöhnlich nicht durch den Kultus schüre zur Flamme; daß auch üch ein Meusch mit religiösen Bedürfnissen und Sehnsüchten bin, wenn auch der Alltag sie meistens erstickt" — oder trivial ausgedrückt: „Einmal im Jahre will auch ich religiös sein oder wenigstens tun." Wer behauptet, „in Wahrheit" liege dahinter versteckt, sei das treibende Moment dabei das Bedürfnis, die Zugehörigkeit zum Volk sich und andern bewußt zu machen, der gehört zu den'Psychologen des Unbewußten, die das Gras wachsen hören, und stellt offenkundige Tatsachen auf den Kopf, indetwer den Inhalt (das Religiöse) als Form und die Form (das geschichtlich Gewordene, das Nationale) als Inhalt anspricht. So zeigt sich auch am Versöhnungstage, was wir am Anfang allgemein ausgesprochen haben: Auch seine Entwicklung ist symptomatisch für die Entwicklung der Gemeinschaft, die ihn feiert. Und mehr als das lehrt er betreffs Zeines der aktuellsten Probleme unserer Tage: Die Judenheit ist das Volk der Religion. Die Problemstellung: Nation oder Religion ist falsch. Der alte Bileam hat noch immer recht: Wir sind eine Gemeinschaft, die ihre eigenen Wege geht, aus welche die deutschen Worte Volk und Glaubensgemeinschaft beide passen, und, wenn in scharfem Gegensatz zu einander gedacht, doch beide wieder, nicht passen. Unsere Gemeinschaft hat Umfang und Form der Nation; aber ihre Tendenz, ihr geistiger Inhalt ist..die Religion der. Menschheit und Persönlichkeit, der Menschlichkeit. . Der Sabbat der Sabbate ist das vornehntste und vernehmlichste „Zeichen" dafür, daß zwischen Israel und Gott, noch immer ein sonst nicht wiederholtes Verhältnis besieht, nicht das einer besonderen Liebe Gottes zu Israel, aber Israels zu Gott, seinem einzigen Lebensziele. Früher war der Versöhnungstag der Höhepunkt der nationalen Religion,, jetzt des Religionsvolkes ■ .*#<* Ms Ssvrrn. München, im September, ls ersten Gruß zum neuen Jahre sende ich Ihnen heute den folgenden Aufruf, in dem das liberale bayerische Judentum sich zum erstenmale in erfreulicher Weise zu gemeinsamem Wirken zusammengefunden hat. Schon aus den Namen der Unterzeichner ist zu ersehen, daß die besten Männer Bayerns ihre Kraft der. großen Sache widmen wollen. Es ist nicht zu bezweifeln, daß der markige Aufruf, der ohne Phrasen alles sagt, was hier überhaupt zu .sagen ist, freudigen Wiederhall in tausend Herzen gerade in dieser heiligen Festzeit finden und dort die Begeisterung für die Ideale, eines modernen und echten Judentums wieder erwecken wird. Dieser Ausruf hat folgenden Wortlaut: Am 3. Mai d. I. hat eine aus ganz Deutschland zahlreich beschickte Versammlung religiös-liberal gesinnter Israeliten zu Berlin beschlossen, eine Vereinigung für das liberale Judentum: in Deutschland zu begründen. Auch in unserem bayerischen Vaterlande bedarf es eines solch engeren Zusammenschlusses aller derer, die in ihren religiösen Anschauungen auf dem Boden des liberalen Judentums stehen. Wohl ist dies ohnehin schon die überwiegende Mehrzahl unserer Glaubensgenossen im Lande. Trotzdem ist in der letzten Zeit versucht worden, in der Oeffentlichkeit den Anschein zu erwecken, als ob die orthodoxe Lebensanschauung sowohl innerhalb des Judentums die allein be--. rechtigte, wie auch nach dem Landesgesetze die allein zulässige und. maßgebende, sei. Diesem Vorgehen gegenüber sehen sich die bayerischen Israeliten liberaler Richtung ganz besonders gezwungen, auf das Stärkste zu betonen, daß der religiöse Liberalismus im Judentum nicht aus der Neuerungssucht einiger, an Zahl geringer Kreise hervorgegangen ist, daß er vielmehr seine Berechtigung aus dem Wesen und der geschichtlichen Entwicklung des Judentums entnimmt, somit einen vollberechtigten Faktor im Leben der deutschen Juden darstellt und in unserem engeren Vaterland weitaus die Mehrheit der Bekenner des Judentums zu seinen Anhängern zählt. Doch nicht bloß zur öffentlichen-Bekundung dieser Tatsachen, sondern auch im Interesse des inneren religiösen und Gemeindelebens erweist sich der Zusammenschluß aller liberalen Gesinnungsgenossen als notwendig. Dem liberalen Gedanken soll dadurch ein mächtiger Resonanzboden geschaffen, den liberalen Forderungen im Gemeindeleben Nachdruck und Autorität verliehen und-den liberulen Führern der Beweis erbracht werden, daß eine große Gesamtheit hinter ihnen steht. Jede Unduldsamkeit verwerfend und Andersdenkenden die Möglichkeit voller Betätigung-ihrer Anschauungen gewährend;-müssen die liberal denkenden Israeliten Bayerns in Stadt und Land durch einmütiges Zusammenstehen dahin wirken, daß das Gemeindeleben und die gemeindlichen Einrichtungen, auch weiterhin und stärker noch im Sinne des liberalen Judentums ausgebaut werden. Denn

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