Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 40 (2.10.1908)
- Date
- 1908-10-02
- Page
- Seite 472 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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ihr innerer Wert, ein menschlich Notwendiges, das in ihnenpulsierte (obgleich auch das oft vorkommt), — sonderst inanchmal lediglich der religiöse Konservatismus, der zäh die, Formen bewahrt, auch wenn der Inhalt vergossen und vergessen ist. Aber auch sie erfahren einen Bedeutungswandel, und der Grund für diesen ist wie Lei den genialen Worten die Veränderung des Zeitgeistes. Da man) demnach an der Geschichte solcher Sätze wie auch der religiösen Institutionen. fast die Geistesgeschichte der Menschen ablesen kann, so wird es stets zu den anziehendsten Betrachtungen gehören, einen solchen Bedeutungswandel zu verfolgen. Auch der Festtag, vor dem die Judenheit jetzt steht, der wie kein anderer zum Wahrzeichen des Judentums geworden ist, der mehr als alle Kongresse und Verbandstage der eigentliche Judentag stets war und nach menschlicher Voraussicht bleiben wird, der mitten im Hader der Parteien dasteht wie ein roeber de bronce, auch er ist so unwandelbar nur scheinbar und äußerlich. In Wahrheit verändert er sich mit jedem Geschlecht, sowohl in der Art seiner Feier wie auch seinem Charakter nach. Seine größte Veränderung aber hat er erfahren nach der Zerstörung des zweiten Temstels (zur Zeit des ersten Tempels ist der Versöhnungstag überhaupt nicht gefeiert worden, wie aus dem Schweigender Propheten und aus den Schilderungen des salomonischen Tempelweihfestes deutlich hervorgeht). Während' des jüdischen Stäatslebens wurzelte er in dem nationalen Kultus. Was die Tage vor dem Mazzotseste für das Privathäus, das war er für das Gotteshaus.- an ihm wurde das Heiligtum gereinigt und entsühnt von allen wissentlichen und unwissentlichen sündhaften Berührungen und Mißgriffen beim Opfer. Diese Sühne und neueWeihe desTempels und des an ihm fungierenden Priesterstandes, wie sie zuerst Ezechiel für sein „Neues Jerusalem" in ähnlicher Weise vorschreibt, wurde sicher-sehr bald mit einem Fasten des ganzen Volkes verbunden zur Unterstützung jener Weihe, die ja dem Nationalheiligtume galt. Die Sühne des Heiligtums mit ihrem Zwecke, die Opfer des Volkes wider Gott wohlgefällig zu'machen, verwandelte sich dann in den Gedanken'der Späteren in eine Entsühnung des Volkes selbst. Und so ward der Jomkippur zum Tage der Sündenvergebung überhaupt. Doch sollte (nach^ dem Wortlaut von Lev. 16, 33) der Sühneakt nicht die Vergehen des einzelnen, sondern die des Gesamtvolkes ausheben; und sicher hat die Mischnah recht, wenn sie das Bibelwort: „Von allen Sünden vor Gott seid ihr nun rein" so deutet, daß nur die religiösen und besonders die kultischen Sünden, nicht aber moralische und juristische Vergehen durch den Versöhnungstäg aufgehoben werden. Jedenfalls aber stand der Kultusakt im Mittelpunkte der Feier — wie sehr, läßt sich daraus ermessen, daß er, bis zum heutigen Tage, selbst in den reformierten Gottesdiensten nicht nur erwähnt und ausführlich geschildert, sondern auch nachgeahmt wird, so weit es tunlich ist, nämlich durch die . wiederholten Kniebeugungen während ber Abodä. Dieser kultische und nationale Charakter des Versöhnungstages mußte sich naturgemäß mit der Zerstörung des Tempels vollständig ändern. Wunder genug, daß die Feier überhaupt bestehen blieb! Doch dafür sorgte nicht nur das biblische Gebot, sondern mehr noch der Begriff der Sündenvergebung. Dieser bildet die Brücke zu der neuen Auffassung des Jomhippur. In allem übrigen mußte sein Wesen sich gerade in . sein Gegenteil verwandeln. Denn wie nach der. Zerstörung des erstell Tempels die Dogmen der Propheten (die Universalität und Moralität Gottes) so setzten sich nach der Zerstörung des zweiten Tempels ihre praktischen Forderungen endlich durch: Verinnerlichung des Gottesdienstes und Heiligung des täglichen Lebens. Der kultische Charakter des Versöhnungstages mußte infolgedessen nun einer subjektivistischen Auffassung Platz,machen) nni> der Hauptlag. der nationalen, wurde zur Blüte der. Persönlichkeitsreligion. Aus dem Sühnetag wird ein Bußtag, von dem der Misckmahlehrer sagt, er habe gar keine sühnende Kraft, wenn nicht Neue und. Umkehr ihn begleiten. Das Gehot des Fastens wird nun nach dem hebräischen Wortlaut ümgedeutet: „Ihr sollt eure Seele quälen", die Seele mehr noch als den Leib. Und wie früher nur der Hohepriester, sokleidet sich nun jeder einzelne in weißes Linnen; denn die Seele ist ihr eigener Fürsprecher bei Gott geworden. Aus dem Sühnopfer wird, entsprechend dem Bibelwort, das Opfer des zerknirschten Gemüts, und statt daß das Volksopfer Gottes Verzeihung herabzieht, steigt , nun jeder einzelne Fromme hinauf und söhnt sich selber aus mit seinem Gotte, mit - den ewigen Gesetzen, die das Menschenleben'regieren. Dadurch ist es nun aber auch gekommen, daß der Versöhnungstag seine überragende Stellung sich erhalten hat. Die Wallfahrtsfeste waren — in viel älterer Zeit — den um-. gekehrten Weg gegangen. Sie waren ursprünglich private Erntefeste und sind erst allmählich durch die ungefähre Gleichzeitigkeit der Feier bei allen Landbewohnern zu Volksfesten erweitert, um dann in den Städten , zu Erinnernngsfesten, der Nationalgeschichte abzublassen. Dadurch wurde Platz für das' Steigen des Versöhnungstages. Das Gemüt verlangt nach intimer Verbindung unt Gott; der Tag, an dem ihm das gelingt, wird ihm zum Feste. Die theoretisch gewordenen Wall-, fahrtsfeste hatten diese Kraft nur noch . in geringerem Grade als der Versöhnungstag. Denn dieser schuf die unmittelbare Verbindung der Seele mit Gott'in mustergültiger Weise. Das Sündenbewußtsein ist ja nicht nur nach der Paradiesgeschichte, sondern nach der Erfahrung aller Menschen bis zu den Neligionsphilosophen des 19. Jahrhunderts der beste Prediger Gottes. Indem'der Versöhnungstag die Sehnsucht nach der Vereinigung mit Gott verstärkt, schafft, er diese Vereinigung selbst; denn wonach man sich sehnt, das trägt man als Ideal schön in sich. Dadurch aber mußte seine Wertung ins Unendliche wachsen. Also nicht bloß, weil er später entstanden ist, stieg der Versöhnungstäg in der Schätzung des Volkes über die anderen Feste. Weil diese dem Bedürfnis persönlicher Religiosität nicht mehr genügten, darum ist er entstanden! Die Freude in Gott , wegen des nationalen Glücks mußte in den Zeiten des zweiten Tempels und später zurücktreten hinter dem tiefen Sehnen nach dem Höchsten, nach Erfüllung der messianischen Hoffnungen und dem Frieden der Einzelseele in Gott. In den beiden Gattungen unserer Feste* kommt der große Zwiespalt aller monotheistischen Religionen zum Ausdruck, ihre pantheistische und ihre ethische Seite, das Gefühl, im Einklang mit Gott zu stehen, von ihm geschaffen zu sein, und. die Sehnsucht nach ihm, dem. Unerreichbaren: Im Golus mußte der Tag das Uebergewicht erringen, der die Sehnsucht nach Erlösung singt. Damit ist denn auch die Behauptung einiger zurückgewiesen, das Christentum sei die einzige wahre „Erlösungsreligion". Der Versöhnungstag wird stets der Beweis dafür sein, daß dem Judentum diese Seite aller Religion an Intensität gleichfalls im Vordergründe steht, wenn sie auch nicht zu solchen Einseitigkeiten in ihm geführt hat, wie gerade im Christentum. DerGrund, warum dem Judentum auch der Versöhnungstäg in dieser Beziehung nicht zugute gerechnet wird, ist ein scheinbar vollkommen richtiger: Auch der Versöhnungstag ist doch im letzten Gründe ein .nationales Fest geblieben! Ja, er scheint . geradezu das Ideal eines Nätionalsestes zu sein; denn bei welchem Volke, wirdirgendein Tag unt so allgemeiner Beteiligung aller Kreise der Bevölkerung, gefeiert wie er?