Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 40 (2.10.1908)
- Date
- 1908-10-02
- Page
- Seite 470 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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DE.MW WWW Verwirrung unserer Tage begeistert auszurusen: „Ein Jude bin ich, und den Gott des Himmels und der Erde fürchte ich!" Ich bin ein Kind jenes Volkes, das der Menschheit eine n Gott - und eine Moral gegeben, das dem Notschrei des Armen und Enterbten zuerst Worten geliehen, das die - ersten Keime einer sozialen Weltordnung gelegt hat, das jahrtausende hindurch mit Göttern und Menschen gekämpft und gerungen und Sieger geblieben ist; das von allen Völkern der alten Welt allein übrig geblieben ist, um den Sieg der monotheistischen Idee zu verkünden; dessen Weg durch die Jahrtausende über Blut und Völker, über Throne und Tränen, durch Inquisitionen und Scheiterhaufen, über Länder und Meere, durch Not und Pein, durch Elend und Haß einer ganzen Welt gegangen, und das doch heute nach allen diesen Leiden und Fährnissen noch besteht und alljährlich in seinen Gotteshäusern mit Begeisterung den Ruf des Propheten wiederholt: „Ein Jude bin, und den Gott des Himmels und der Erde fürchte ich!" Ach, besäßen sie diesen Stolz, unsere Modernen, die sich so viel zu gute tun auf ihre Bildung und Erkenntnis, ach, wüßten sie, zu schätzen, was es heißt, ein Jude zu sein! Wenn doch die Bücher unserer Vergangenheit vor ihnen aufgeschlagen lägen und sie darin zu lesen verstünden, wenigstens einmal im Jahre, am Versöhnungstage, wenn die Blutzeugen unserer Geschichte mit ihrem unvergleichlichen Weh und beispiellosem Jammer im Geiste auferstehen und hintreten mit der Frage: Wie habt ihr das Erbe verwaltet, um deffentwillen wir das Leben mutig hingegeben haben? Sie haben gerungen und. gekämpft, daß sie das Gotteserbe ihren Nachkommen überlassen. Aber wie stehen ihre Nachkommen diesem Erbe klein und erbärmlich gegenüber! Sie keuchten unter schwerem Joch, den Nacken beugten die lästigen Fesseln, aber das Wort des Herrn hielten sie fest, sie glaubten es müsse, es werde, sich bewähren — und es hat sich bewährt. Und die Fahne des Judentums hielten sie hoch, weit sie glaubten und wußten, daß diese Fahne dermaleinst zum Siege führen würde — und sie wird zum Siege führen!; ■ Dem Volke gehören wir an, und dieses Volkes und dieser Geschichte schämen sich heute so viele. Selbst solche, die gern an eine harmonische Zukunft der Menschheit denken, und die doch in dem Buche Jona das Ideal jener allgemeinen Menschenliebe ohne Unterschied des Stammes, des Volkes und des Glaubens finden sollten, die selbst unserer Zeit noch als unerreichbares Ideal gilt. Ach, wenn doch der Ruf des Propheten an diesem Versöhnungstage in die Herzen aller Männer und Frauen unserer Gemeinschaft dringen möchte, und in ihnen die Ehrfurcht vor dem alten Bekenntnis, die Liebe zu ihrer Gemeinschaft, die Treue zu ihrem Glauben, den Stolz ans ihre Vergangenheit, die Hoffnung auf ihre Zukunft von neuem wecken und befestigen wollte! Das wäre der Sabbat der. Sabbate, wenn ganz Israel in dieser neuen Zeit, in Frieden und Begeisterung sich in den Ausruf vereinigen würde: „Ein Jude bin ich, und den Gott des Himmels und der Erde fürchte ich!" Dir Mache. Berlin, 29. September, ie Enquete, die der Deutsch-israelitische Gemeindebund veranstaltete, und die für den größten Teil des preußischen Staates wenigstens annähernd ausreichendes Material herbeischafft, hat i bewiesen, daß der staatliche Unterstützungsfonds für jüd i schen R eli g io ns u nte rricht von 40000 Mark nicht eiümal ganz in Anspruch genommen werden wird/ solange die von dem Kultusministerium aufgestellte Bedingung £ie§{ Vorhandenseins von mindestens zwölf Kindern in. jeder Volks-: oder Religionsschule neben dem Erfordernis der Mittellosigkeit k:- der betreffenden jüdischen Gemeinde aufrecht erhalten wird. Wie wir hören, hat das von dem Kultusministerium ge- - sammelte amtliche Material das gleiche Resultat ergeben. Es v, ist 'indes, wie uns von zuverlässiger Seite mitgeteilt wird, Hoffnung vorhanden, daß das Ministerium, in Anbetracht der besonders ungünstigen Lage der kleinen jüdischen Gemeinden und in Uebereinstimmung mit den von Vertretern fast aller Parteien — auch des Zentrums und der Freikonservatipen — im Abgeordnetenhause ausgesprochenen Ansichten, sich, zur Herabsetzung der Mindestzahl jüdischer Schüler als Bedingung für Erteilung staatlicher Unterstützung verstehen wird. Es ist' das auch unbedingt erforderlich, da gerade diejenigen Ge- \ meinden, die weniger als zwölf Schüler stellen können, die am meisten hilfsbedürftigen sind. Wie wir bereits in der letzten Nummer mitgeteilt, fand in der vorigen Woche hier eine Konferenz behufs Bildung einer Kolonisations-Organisation statt. Wir erhalten darüber den nachfolgenden offiziellen Bericht: Auf Veranlassung eines Komitees, das sich aus den Herren Siegmund Bergel-Berlin, Justizrat Dr. Eugen Fuchs-Berlin, Justizrat Dr. Maximilian Horwitz-Berlin, Dr. Hirsch Hildesheimer-Berlin, Dr. Alfred Nossig-Berlin, Dr. med. Edmund Kohn-Wien, Kaiserlicher Rat Leopold Sachs-Wien, ^Dr. med. Schnabl-Wien, K. K. Baurat Wilhelm Stiaßnv-Wien, Dr. Bela Taussig-Wien zusammen setzte, fand bereits am 29. März d. I. unter dem Vorsitze von Justizrat Dr. Maximilian Horwitz eine vertrauliche Konferenz jüdischer . Notabelnaus verschiedenen Ländern statt. Diese Versammlung nahm zunächst folgende von Justizrat Dr. Eugen Fuchs-Berlin beantragte Resolution an: „Die Versammlung erachtet die Begründung einer Gesamtorgani sation für erforderlich, welche vor allem die jüdischen, auf dem Gebiete der Ansiedlung tätigen Vereinigungen und Kräfte zu gemeinsamer Arbeit zusammen » faßt und setzt zu ihrer Schaffung ein vorbereitendes Komitee ein." Ferner votierte die Versammlung einstimmig nachstehende, von den Herren Justizrat Dr. Edmund Lachmann-Berlin, Pros. Dr. Ludwig .. Stein-Bern, Dr. Paul Nathan-Berlin, Moritz Marburg-Hamburg, : Justizrat Dr. Blau-Frankfurt a. M. eingebrachte und von Dr. Bela Taussig-Wien amendierte Resolution: „Die Versammlung, die von Glaubensgenossen aus einer Reihe von Ländern besucht war, erachtet eine fortlaufende Verständigung zwecks gemeinsamer Aktion auch in der Kolonisationsfrage bei entsprechendem Anlaß zwischen den bestehenden Organisationen für notwendig. Zu diesem Zwecke ist von den bestehenden Organisationen ein Ausschuß zu bilden, der nach Bedürfnis Zusammentritt. Das vorbereitende Komitee wird beauftragt, in diesem Sinne die Verhandlungen mit den großen Organisationen zu führen. Der Vorsitzende der heutigen Versammlung, Justizrat Dr. Maximilian Horwitz, wird ersucht, dieselben zu leiten." In Durchführung des ihm erteilten Auftrages hat sich das vor- - bereitende Komitee einerseits mit Fachmännern auf dem Gebiete des Kolonisationswerkes, sowie mit den leitenden Persönlichkeiten der großen jüdischen Organisationen hinsichtlich des Tätigkeitskreises der zu gründenden Kolonisationsgesellschaft ins Einvernehmen gesetzt, anderseits ein Memorandum in Sachen der ständigen Kooperation der jüdischen Organisationen an sämtliche in Betracht kommenden Körperschaften verschickt. Nachdem die vorbereitenden- Studien genügend weit gediehen waren und eine Reihe von Körperschaften deni A