Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-10-02 · Heft 40 (2.10.1908) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 40 (2.10.1908)
Date
1908-10-02
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3228798-3228839--64934-3277021
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Berlin, 2. Oktober 1908. 72. Jahrgang. Nr. 40. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. A b o n n e in e n ts - Pr c i s:,durch Buchliändel oder Post (in Berlin u. Vororten durch unsere verlriebsstcllen) bezogen vierleljührlich 5 IN. Redakteur: Gustav Rarpeles. Begründet von ricrbbiner Dr- Ludwig Phrlippson. VeilSM-LriieMoll: Berlin, Jerusalemer Str. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Lxpedinon sind an die Adresse: Verlag der „Allgcni. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Siraße $6/49, zu richten. Verlag von Rudolf Nlosse, Berlin. Lin Jude bin ich! Berlin, 1. Oktober, s ist psychologisch leicht Verständlich, daß jeder einzelne aus. der reichen Liturgie des Versöhnungstages irgendein Wort oder einen Vers herausfindet, der ihm besonders nahe geht. Der so dasteht, als wäre er eigens für ihn hingestellt, und der ihm auch im Sinne bleibt, wenn er das Gotteshaus verlassen hat. Die ganze Gemeinde Israels aber, groß und klein, alt und jung, arm und reich, hoch und niedrig müßte es wie ein Blitzstrahl tief ins Herz hinein treffen, wenn sie den neunten Vers in dem Buche des Propheten Jona, das die große Weisheit unserer Alten am Versöhnungstage vorlesen läßt, wiederholen hört: „Ein Jude bin ich, und den Gott des Himmels und der Erde fürchte ich!" Wie ist doch gleich die Situation, in der dieser Ruf zum erstenmal ertönt? ' Der Herr hatte den Propheten Jona, den Sohn Amithais, nach, der großen Stadt Ninive, deren Verderbtheit bekannt war, geschickt, uw ' sie zur Buße zü bekehren. Aber. Jona machte sich auf und floh vor dem Herrn nach Tar.siS. Auf dem Meere entstand ein Sturm, der das Schiff zu zerbrechen drohte. Da gerieten die Schiffer in Furcht und schrien ein jeder zu seinem Gotte. Der Schiffshauptmann trat, zu Jona und sprach zu ihm: „Rufe doch auch Deinen Gott an, vielleicht gedenkt dieser Gott unserer, daß wir nicht untergehen." Die Schiffslente aber beschuldigten den Jona, daß durch seine Schuld ihnen dieses Unheil widerfahren. Sie stellten ihn zur Rede und fragten ihn: „Was ist Dein Gewerbe? Woher kommst Du? Wo ist Deine Heimat und von welchem Volke stammst Du?" Er aber hatte auf alle diese vier Fragen-in dieser großen Stunde der Gefahr nur eine Antworh die ihres tiefen Eindrucks auf die Mannschaft jenes Schiffes nicht verfehlte: „Ich bin ein Hebräer, und den Gott des Himmels, verehre ich, der das Meer und das Festland geschaffen hat!" Welch eine wunderbare Erzählung, welch eine eindringliche Lehre für jede Zeit, insbesondere aber für die unsrige! In der Stunde der Not bekennt sich der Prophet als Jude (das Wort Hebräer weist auf die Entstehungszeit des Buches in die Periode der ersten Affyrer-Herrschaft) und preist seinen Gott, dem er in einem Augenblick der Verwirrung entfliehen zu können glaubte. Brauchen wir das Gegenbild zu zeichnen, wie es unsere Zeit darbietet? Gerade in der Stunde der Not verleugnen viele heutzutage das Judentum mit einer Emphase ohne Gleichen! Dem begeisterten Ausruf Jonas „Ein Jude bin ich" steht das moderne „Sich nicht zu erkennen geben" in schroffster Weise , gegenüber. Wie dünn ist heute die Schar der Männer gesät die in der Stunde der Gefahr begeistert ausrufen würden: „Ein Jude bin ich und den Gott des Himmels und der Erde fürchte ich", besonders wenn es böser Wille ist, der uns zu kränken meint, wenn er uns an das mahnt, was wir sein ' sollen und leider nicht sind. Wie viele gibt es, die in einem solchen Augenblick kaum die Selbstüberwindung haben, mit rühmenswertem Freimut ihren Glauben zu bekennen! Wie viele schämen sich dessen, wie viele sind verlegen und weichen feige einer solchen Frage aus! Und wie glücklich sind sie, wenn sie glauben, daß sie nicht als Juden erkannt werden; mit welchem Eifer gehen sie dann ihren eigenen Glaubensgenossen aus dem Wege, damit sie nur ja um . Himmels willen nicht erkannt werden. Sie schämen sich des Bekenntnisses, diese Gecken und Toren, diese Modenarren und eitlen, putzsüchtigen Frauen. Im Grunde genommen haben sie ja eigentlich recht, im Gefühl ... ihres moralischen Unrechts, ihrer sittlichen Ohnmacht, im Bewußtsein ihrer Unfähigkeit und Unwürdigkeit, um eines großen Gedankens, um einer tiefen Ueberzeugung willen die mancherlei Kämpfe und Mühen zu bestehen, die wenig Ehren und Titel einbringen, die uns jedoch von Anbeginn unserer Geschichte bis auf den^ heutigen Tag als eine große Weltmission zugedacht gewesen. In dieses Nichts durchbohrendem Gefühle verleugnen sie den Namen, den sie in Ehren nicht zu führen vermögen, schänden sie das Gedächtnis ihrer Eltern und Ahnen im Grabe, der Ahnen, die für die Heiligung des göttlichen Namens mit jenem Feuerruf des Propheten: „Ein. . . Jude bin ich, und den Gott des Himmels und der Erde fürchte ' ich" freudig gefaßt den Scheiterhaufen bestiegen, haben. Sie sehen die Abtrünnigen und Feigen, die da schachern und markten mit den höchsten Gütern des Erdenlebens, sie sehen, diese in Ehren, Aemtern und Würden — und sie beneiden sie. Und dann wieder die Schär derer, die sich über alle Religion erhaben dünken, die sich nicht nur schämen, Jude zu sein und zu heißen, sondern.die sich schämen, religiös und gottesfürchtig überhaupt zu sein.. Sich selbst genug, sehen sie mitleidig aus die Schwachen herab, die einer solchen Stütze,, wie sie die Religion bietet, bedürfen, um durch das Leben zu kommen. Viele Wandlungen hat die Geschichte Israels im Laufe der Jahrtausende durchgemacht, aber niemals hat sich jene Erbärmlichkeit und Feigheit, jene Verstocktheit und jener lächerliche Stolz häufiger und in höherem Grade gezeigt als jetzt in Israel. Und doch sollte es gerade heute, gerade in dem Stadium der religiösen Entwicklung, in dem sich die Menschen gegen-- 1 wärtig befinden, unser höchster Stolz, unsere größte Ehre sein, ss -uns als Juden zu bekennen und, inmitten der allgemeinen''

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.