Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 39 (25.9.1908)
- Date
- 1908-09-25
- Page
- Seite 2 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3228798-3228838--64924-3277010- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Berliner, gestorben. Derselbe begründete hier in/ den sechziger Jahren ein kleines Bankgeschäft, das er durch seine Tüchtigkeit stetig höher brachte. Während seiner geschäftlichen Tätigkeit legte.-Samson in seinem fürstlichen Heim am Königsplatz eine imposante Gemäldegalerie und Sammlung von Antiquitäten -an, wozu ihn sein Vermögen und seine Kunstkennerschaft befähigten. Außerdem besuchte er, um auch in anderen Matexien sein Wissen zu vervollständigen, und nachdem ihn größere Reisen in fremde Länder und Weltteile geführt hatten, noch in späteren Jahren die Universität; besonders hatte es ihm die medizinische Wissenschaft angetan. Ende 1896 liquidierte seine hiesige Firma, da der Verstorbene die Wirkungen des damaligen Börsengesetzes für das Bankgeschäft richtig voraüssah. In diese Zeit fällt seine Uebersiedlung nach Brüssel, wo er seinen Kunstneigungen in stiller Zurückgezogenheit leben konnte. In welch hochherziger Weise der angehende Siebziger noch vor seinem Tode besonders der Kunst und Wissenschaft gedachte, zeigen die in seinem Testament gerade für diese Zwecke bestimmten Summen. Seine Universalerbin ist die Universität Berlin, die mehrere Millionen erbt, und der testamentarisch die Verpflichtung auferlegt ist, 500 000 Mark an die Akademie der Wissenschaften in München auszuzahlen. s. Berlin, 16. September. Ein Verband der antisemitischen Vereine Groß-Berlins ist soeben ins Leben gerufen worden. Die treibende Kraft bei dieser, neuesten „nationalen". Gründung war der Alt-Herrenverband des Vereins deutscher Studenten. Der Verband ist bereits mit einer Festlichkeit an die Oeffentlichkeit getreten. Die Entrepreneure geben vor, über den bisherigen Erfolg freudig überrascht zu sein, da bereits 17 Vereine sich dem Verbände angeschlossen haben. Man braucht nur die Namen dieser Vereine zu-nennen, und man weiß Bescheid. Da finden wir den Freien Vaterländischen Bund des Herrn von Mosch, den Deutschbund, den Deutschnationalen Handlungsgehilfen-Verband, den Alldeutschen Verband, den deutschnationalen Kolonialbund, den Tiroler (!) Volksbund, den Bund der Vaterländischen Arbeitervereine, dem Vaterländischen Arbeiterverband Groß-Berlin, - den Alldeutschen Sprach- und Schriftverein, den alldeutschen Turnverein, den deutschvölkischen Turnverein, den Alt-Herren-Verband des Vereins Deutscher Studenten und einige farblose Sprachvereine. Kp. Ans der Provinz Posen, im September. Kaufmann Hermann Ziegel in Wreschen ist zum Ratsherrn daselbst neugewählt worden. — Dampfmühlenbesitzer Borchardt in Pinne ist im Alter von 75 Jahren gestorben. Derselbe hatte dort mehrere städtische Ehrenämter inne und stand auch im Verwaltungsleben der dortigen Shnagogengemeinde seit einer Reihe von Jahren. — Die städtischen Körperschaften in Ostrowo haben den Stadtverordnetenvorsteher Justizrat Voß zum Kreistagsabgeordneten gewählt. — Für die am 5. Oktober in Ostrowo beginnende Schwurgerichtsperiode sind die Herren Rittergutsbesitzer Emil Mendel so hn-Gutow, Kaufmann Leo Rothstein-Ostrowo, Ziegeleibesitzer Simon Gründer g-Olszyna und Kaufmann Louis Wilhelm aus Krotoschin als Geschworene ausgelost worden. — Die Verwaltung der Synagogengemeinde in Ostrowo hat den Kantor Schmuckler in Borek zum zweiten Kultusbeamten gewählt. — Kaufmann Schehe in Lobsens ist zum Stadtrat daselbst neugewählt worden. — Die jüdische Gemeinde in Powidz ist nunmehr, da nur noch eine Familie dort wohnt, aufgelöst und der Gemeinde Witkowo zugeteilt worden. Vor drei Jahren ist auch die Gemeinde Mieltschin der in Witkowo zugeteilt worden. — In Schotten ist ein verdienstreiches Mitglied des dortigen Synägogenvorstandes, Kaufmann Hermann Salomon. gestorben. © Breslau, 11. September. Am Grabe des berühmten Augenarztes Professor Hermann Cohn auf dem israelitischen Friedhof an der Lohestraße fand heute vormittag eine Erinnerungsfeier statt, die ungeachtet des nassen Wetters einen stimmungsschönen und weihevollen Verlauf nahm. Das von Freunden und Verehrern des Verewigten gestiftete Grabdenkmal wurde der Familie übergeben. Unter den zahlreichen Persönlichkeiten, die sich am Grabe versammelt hatten, befanden sich außer den nächsten Angehörigen des Verewigten viele Mitglieder der hiesigen Aerzteschaft und des Lehrkörpers der Universität, sowie Abordnungen des Vorstandes der Shnagogengemeinde und der "israelitischen' Aegräbnisgesellschaft. 'Von der/Friedhofs- Verwaltung war ein reizvolles Arrangement aus Topfgewächsen Mndl Blütenschmuck hergerichtet worden. Nachdem die Feier durch Gesang eröffnet worden war, nahm der Schöpfer des Denkmals, k. k. Baurat Stiaßny aus Wien, das Wort'zu einer Ansprache, in der er unten anderem betonte, daß die Farbe.des Marmors und die.Fornien des Denkmals an das Land uralter Kultur, an Aegypten, und dessen wunderbare Märchenwelt gemahnen sollten, die Hermann Cohn in jungen Jahren wie eine Heimat..geliebt habe, und von der er noch im späteren Leben entzücktgewesen. Der Sohn des gefeierten Toten,. Dr. Emil Ludwig, übernahm das Denkmal im Namen der Familie . und insbesondere der Enkel, und gelobte, daß es allezeit in treuester Hut gehalten werden solle. Geh. Sanitätsrat Dr. Körner widmete dem Heimgegangenen Freunde einige Worte, in denen er schilderte,, wie Hermann Cohn Freundschaft zu geben, zu halten und zü pflegen wußte. Dr. Heilborn legte im Aufträge der Breslauer Augenärzte' einen Kranz „für den berühmten Kollegen" am Grabe nieder. Mit einem Mendelssohnfchen Psalm wurde die kurze Feier durch den Sängerchor würdig geschlossen. — Das Monument ist ein Kunstwerk von edler Schönheit. An eine hohe und breite Märmorfläche, die von einem prächtigen, mit ehernen Symbolen des Friedens und der Unsterblichkeit geschmückten Stirnsims gekrönt ist, gliedert sich nach vorn ein kleiner Säulenbau, dessen hoheitsvoller Ernst freundlich gemildert wird durch einen wunderhübschen Blumenbalkon, der sich . unten über dem Sockel erhebt. Durch seine seltsam wirkenden ägyptischen Formen und seine Schönheit wird das Denkmal die Aufmerksamkeit aller kunstsinnigen Besucher jenes Friedhofes erregen. Schlicht und trefflich wird die Bedeutung des Geh. Medizinalrats Professor Dr. Hermann Cohn, der heute vor zwei Jahren starb, auf dunklem Marmorgrunde in leuchtender Schrift mit den Worten dargetan: „Augenkrankheiten zu verhüten, betrachtete er als seine Lebensaufgabe." n. Hannover, im September. Es gibt viele Glaubensgenossen in Deutschland, die ihre jungen Söhne gern, der Landwirtschaft zusühren möchten, wenn sie die passende Gelegenheit dafür finden könnten. Viele wagen diesen Schritt nicht, weil sie keine geeignete Lehrstelle auszumitteln vermögen. Sind doch die antisemitischen Vorurteile in der agrarischen Bevölkerung besonders stark. Die Alexander und Fanny Simonfche Stiftung in Hannover kennt eine Anzahl landwirtschaftlicher Betriebe, insbesondere in Süddeutschland, wo jüdische junge Leute gut untergebracht werden und Tüchtiges lernen können. Handelt es sich um junge Leute, die zur Landwirtschaft besonders befähigt sind, so ist die Stiftung auch in der Lage, einen Zuschuß zur Ausbildung beitragen zu können. Von. dem Ankauf eines eigenen Lehrgutes hat die Stiftung zunächst abgesehen, einmal, weil landwirtschaftliche individuelle Berufserziehung immer besser ist als Anstaltserziehung — anders wie bei der Gärtnerei — und dann, weil es nur für solche, die später in der Lage sind, sich ein eigenes großes Gut zuzulegen oder zu pachten, Zweck hat, in einem landwirtschaftlichen Großbetriebe ausgebildet zu werden. Ein kleinerer, gutgeleiteter Betrieb verdient in jedem-Falle den Vorzug, weil hier der junge Mann besser alle Arbeiten kennen lernt und leichter dazu kommt, mit eigener Verantwortung in jedem Augenblick selbständig handeln zu können. — Ist erst ein tüchtiger Stamm junger ausgebildeter Landwirte vorhanden, so ist die Stiftung leicht in der Lage, allen, die dazu geeignet sind, zur Selbständigmachung unter aussichtsreichen Verhältnissen zu verhelfen. — Bewerbungen von solchen jungen Leuten, die sich nur darum zur Landwirtschaft melden, weil sie für einen anderen Beruf nichts taugen, sind zwecklos. Da die Stiftung sich bis zu einem gewissen Grade für den Erfolg der Ausbildung mit verantwortlich fühlt, können nur körperlich taugliche und geistig gut entwickelte Petenten mit einwandsfreien Führungszeugnissen berücksichtigt werden. Erwünscht ist der Nachweis einiger Mittel für die Gegenwart oder die Zukunft. Alle Anfragen werden umgehend erledigt, durch das Bureau der Alexander und Fanny Simonschen Stiftung, Hannover, Hansahaus, Aegidientorplatz. h. Güttingen, 20 September. Am 11. d. M. wurde hier der. neugewählte Rabbiner Dr. S. Behrens aus Breslau feierlich eingeführt. Vom Vorstand der Gemeinde geleitet, betrat der Rabbiner <