Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 39 (25.9.1908)
- Date
- 1908-09-25
- Page
- Seite 468 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Literarische Mitteilungen. , — I. Meinhold: Die Weisheit Israels i.n Spruch, Sage und Dichtung. Gr. 8° VIII und 348 S. Leipzig 1908. Verlag von Quelle & Meyer. Das Buch hält mehrmals sein Titel verspricht. Man versteht unter der sogenannten Chochmaliteratur im engeren Sinne gewöhnlich nur die -biblischen Bücher „Sprüche Salomos", „Hiob" und „Koheleth" und von den apokrhphischen Schriften hauptsächlich „Sirach". Das Buch ist aber eine ganze Geschichte der religiösen Entwicklung.. Es ist weniger für den Fachmann bestimmt — obwohl es auch ihm manche Anregung bieten wird —, als vielmehr „für die große Zahl aller religiös, insonderheit aber aller religionsgeschichtlich Interessierten.". Es will die gebildeten Laien, soweit sie Sinn und Verständnis für die Entwicklung der religiösen Ideen haben, in die Gottes- und Weltanschauung der israelitischen Weisheitschriften im weitesten Sinne einführen. — Der Stoff ist von zwei Gesichtspunkten aus behandelt. Im ersten Teile des Buches gibt der Verfasser eine Darstellung der Ideen der israelitischen Weisheitschriften, im zweiten Teile ein Bild ihrer Entwicklung. Die Darstellung derJdeen bietet viel Schönes; an einzelnen Stellen zeigt sie hohen dichterischen Schwung. Ich führe als Beispiel die prachtvolle Schilderung der Weltschöpfung aus Grund .des biblischen Schöpfungsberichts an: „Willst du wissen, wie die Welt entstand? So sieh nur, wie sie in diesem Jahr wieder entsteht, wo der Winter mit seinem ewigen Naß und Dunkel dem neuen Licht, dem neuen Leben weicht. Ja, denke nur an den Verlauf eines einzigen Frühjahrsmorgens. Zunächst noch herrscht die Nacht. Sie hat ihren dunklen Mantel über die schlafende Welt gedeckt. Es ist alles eine unklare chaotische Masse (das Chaos). Nun dämmert der Morgen herauf. Die Sonne ist zwar noch nicht da, doch wird's schon.Helle: «Es ward licht!" Das Auge sieht jetzt des Himmels festes Gewölbe, das Gott in seiner Güte jeden Morgen neu wölbt; dort unten scheidet man schon Meer und Festland. Nun tritt das farbenreiche Bild der Flora vor das Auge. Da steigt der Sonnenball empor, und mit ihm kommt Leben und Bewegung. Im Wasser regt sich's und zappelt. Die Vögel ziehen durch die Lüste. Endlich erheben sich auch die Tiere, zuletzt tritt der Mensch auf, um sich des Tageslichtes zu freuen. So schafft Gott heute die Welt, so hat er sie auch erstmalig geschaffen. Doch nein — wir haben ja keinen Schöpfungsmorgen, sondern eine Schöpfungswoche! Gewiß, aber diese Einordnung in eine Woche ist nicht das Ursprüngliche. Erst später '.sind die acht Schöpfungsakte in den Rahmen einer Woche gespannt, so daß an dem dritten und sechsten Tage je zwei Werke erfolgten, nur damit am siebenten Tage völlige Ruhe eintreten konnte." (Seite 49 s.) Aber Meinhold ist evangelischer Theologieprofessor, und als solcher kann er sich nicht ganz von den Vorurteilen gegenüber dem israelitischen Schrifttum freimachen. Im allgemeinen bekundet er zwar eine anerkennenswerte Objektivität in der Beurteilung der religiösen Ideen Israels, doch darf uns das nicht hindern, manche seiner Ausführungen im ersten Teil als unrichtig zurückzuweisen. Seite 131 bemerkt er zu dem schönen Satze Lev. 19, 17 s.; „Es wäre unrecht, dem etwas abbrechen, sich darüber nicht freuen zu wollen. Tatsächlich hat die Religion der alten "vorchristlichen Welt sich nirgends sonst zu dieser Tiefe hindurchgearbeitet- Es ist doch etwas Großes, wie hier auf die Wurzel alles guten. Tuns auf ein reines liebevolles Herz zurückgegriffen wird. Nur schade, daß dies Wort, diese Erkenntnis sich nicht durchgesetzt hat. Die jüdische Weisheit hat sich zu diesem Standpunkt nicht erheben, ihn nicht festhalten können. Da ist's immer die Tat und nicht die ihr zugrunde liegende Gesinnung, die in Frage kommt." Diese Behauptung ist nicht richtig. Wenn es in Ex. 23,9 heißt„Einen Fremdling sollt ihr nicht hart behandeln; ihr wißt ja, wie dem Fremden zumute ist, weil ihr selbst Fremdlinge gewesen seid in Aegypten", so setzt dieses Wort einen Adel der Gesinnung voraus, der kaum übertroffen werden kann: Der Israelit soll sich in die Seelenstimmung dessen vertiefen, der ihm fremd ist, damit er ihn gerecht und liebevoll behandle. Wenn es ferner im zehnten Gebote heißt: „Du sollst dich nicht gelüsten lassen!" und.wenn endlich der Psälmist betet: „Ein reines Herz erschaffe in mir, o Gott, und einen festen Geist erneuere in mir!" so - ist damit doch wohl unzweideutig zum Ausdruck gebracht, daß die Tat nur sittlichen Wert hat, wenn sie aus reiner G-e- ' x sinnu.ng fließt.. Unrichtig ist auch die Bemerkung;Meinh-lds-r^^ „Was von der Gesinnung, dem Tun den Volksgenossen gegenüber, gilt noch durchaus nicht so einfach in bezug auf den Nichtisraeliten, wenn man es auch so unter der Hand als selbstverständlich der gebildeten Welt beibringen möchte." (Seite 131.) Meinhold sucht diese seine Auffassung in einer Anmerkung Seite 323 damit zu begründen, daß er zu dem herrlichen Satze Lev. 19,34: „Du -sollst den Fremdling lieben wie dich selbst!" nach Venzinger ausführt: „Überdies . - Gebot beschränkt sich doch auf den in Israel weilenden Volks- oder Stammesfremden, der im Gebiet eines Stanlnres oder Volkes sich an.gesied.elt und die Stellung eines Schutzbefohlenen erhalten hat, nicht aber auf die Heiden überhaupt." Gewiß bezog sich das Wort zunächst auf den in Israel wohnenden Fremden, weil die Israeliten nur mit diesemin Berührung kamen. Aber der Gedanke verliert dadurch nichts von seinem universellen Charakter. Jeder Unbefangene wird zugeben müssen: eine Religion, die gebietet: „Liebe den Fremdling, der bei Dir weilt, wie Dich selbst!" und die dieses Gebot mit dem Hinweis begründet: „Du weißt, wie dem Fremden zumute ist!" — eine solche Religion darf den Anspruch erheben, umfassende Menschenliebe gelehrt zu haben (vergleiche auch die'Bücher Jona . und Ruth). — Müssen wir also den Ausführungen Meinholds, soweit sie der jüdischen Religion den universellen Charakter absprechen, entgegentreten, . so können wir seinen übrigen Darlegungen nur volle Anerkennung zollen. Besonders der zweite Teil seines Buches, der „die Entstehung und Entwicklung der Weisheit Israels" schildert, bietet des Interessanten außerordentlich viel. Das bedeutendste Kapitel ist das über'„die Weisheit des Prophetismus." In dem Abschnitt: „Prophetische Regungen in vorprophetischer Zeit" führt er aus: „Gerade in den Sagen, die uns bald noch ganz altes . . ., bald schon ein wenig Israelitisiertes, bald vom früheren Geist der.Jahve-Religion Getragenes, ganz Vergeistigtes in buntem Wechsel nebeneinander vorführen, sehen wir, wie es in der Volksseele Israels gerungen, gewogt, gekämpft hat, und wie es da wirklich vorwärts ging. Hier ist der Boden, aus dem so große Männer wie Amos, Hosea, Jesaia erstehen konnten. Man hat wohl gemeint, bis dahin sei Israels Religion von der Moabs, Edoms, Ammons nicht verschieden gewesen . . . Aber wenn es wahr ist — beweisen läßt es sich nicht — daß auch diese Völker wie Israel jedes für sich nur einen Gott anerkannt und verehrt hätten, so wäre hier zunächst nur eine formale Ähnlichkeit zu behaupten. Es ist denn doch die Hauptsache, wie man sich diesen Gott denkt und verehrt, und da ist das, was unjs die Sagen Israels bieten, an religiösem Gehalt, an Innerlichkeit und Tiefe dem Meisten, was wir sonst der Art aus dem Altertum haben, weit überlegen." (Seite 218 ff.) Außerordentlich interessant sind die Kapitel, die den „Einfluß der Propheten" und „das Eingreifen des Ieremia" schildern. Geradezu . wuchtig wird die Darstellung, wo sie den Kampf Jeremias gegen die Verfasser des Deuteronomiums beschreibt. Meinhold tritt hier mit seiner Auffassung der herrschenden Anschauung entgegen, als ob Ieremia den Autoren des Deuteronomiums mindestens nahegestanden habe. In diesem Teil des Buches wird auch der Fachmann viel Anregung finden. Alles in allem: das Buch ist trotz der getadelten Einseitigkeiten eine tüchtige und gründliche Arbeit, die besonders den gebildeten Laien in formvollendeter Darstellung in die israelitische Weisheitsliteratur einsührt. Die äußere Ausstattung ist geschmackvofl, der Preis mäßig. Dr. 6. B. Srrichtigung. In dem Repräsentanten-Bericht Nr. 38 muß berichtigt werden, daß nicht Herr Willibald Loewenthal, sondern Herr Löwenberg beantragt hat, die Vorlage betreffend Subvention für den Luisenstädtischen Brüderverein an die Kommission zurückzuverweisen. Druck und Verlag von Rudols M^sse in Berlin. Verantwortlich Kr die Redaktion: Max Mauchwitz in Berlin.