Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 39 (25.9.1908)
- Date
- 1908-09-25
- Page
- Seite 467 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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ein.Mittel gegen diese epidemische Halbheit? 'Wer rettet uns vor dieser „Unparteilichkeit"? Der geistreiche Samson Raphael - .-'Hirsch sagte einmal: „Auf der Straße gehen die Menschen - rechts oder links, nur die Tiere gehen in der Mitte." Sogar unsere Rabbiner scheinen von der Seuche der . „Unparteilichkeit" befallen zu sein. Der deutsche Rabbiner- 7 .verband will seine Statuten, deren Harmlosigkeit sogar an . Säuglingen erprobt worden ist, noch einmal verdünnen und - verzuckern, um überempfindliche Gemüter zu beruhigen. Mauche Gemüter aber kann man schon darum nicht beruhigen, weil die Unruhe ihr Lebenselement ist. Es ist kein Zeichen von Gesundheit, wenn an einer Sache zu oft herumgedoktert wird. Es ist in jeder Organisation wie im Staate: Lieber eine schlechte Verfassung und eine gute Verwaltung als umgekehrt. Ein guter Vorstand muß auch mit schlechten Statuten gut regieren können. Die ganze Reformwut der Neuzeit scheint sich auf die Statuten geworfen zu haben. Und merkwürdig, diese Reformen geschehen der Orthodoxie zuliebe. Auch im gemütlichen Schwabenländle soll eine neue Kirchenverfassung vorbereitet werden. > Ja, diese Schwaben find doch ein merkwürdiges Völkchen! Sie bekommen Frauen zum 25ten, Aemter zum 30ten, Vernunft zum 40ten Lebensjahre und die Einsicht nie. Auch die „jüdischen Schwaben" sind ganz eigenartig. Sie haben freie Gemeinden und orthodoxe Rabbiner, moderne Anschauungen und verknöcherte Sitten, singende Jungfrauen und eifernde Prediger. Nun haben sie sich eine edle Verfassung ausgedacht, die den besondern Vorzug hat, niemand zu befriedigen. Der Entwurf gleicht dem Judentum; er hat viel mehr Feinde als Freunde. Hierarchie und Bureaukratie streiten sich darin um den Rang, es ist ein alter Zopf mit neuen Bändern geschmückt. Die Orthodoxie ist unzufrieden, weil das obligatorische Ritualbad fehlt, und die Liberalen fürchten das theologische Schwitzbad. Die Hyperorthodoxen betrachten das Ritualbad für wichtiger als die Synagoge — welch ein Reinlichkeitsfanatismus! In Bayern rüstet man sich zum Kampfe für eine neue Kultusverfassung. Vorläufig aber ist man über die ersten Schwierigkeiten bereits hinaus, man hat sich schon über die Mitglieder der Kommission geeinigt. Geht das in diesem Tempo weiter, dann kann das Judenedikt vom Jahre 1813 bald seinen hundertjährigen Geburtstag feiern. Hier scheinen sogar die Orthodoxen einzusehen, daß das Alter allein für die Güte eines Gesetzes nicht entscheidend ist. Ja, sie sind die Eifrigsten im Kampfe für eine neue Verfassung, nur müßte sie natürlich nach ihrem Geschmacke sein. Sie soll vorlauter demokratischer Gesinnung die große Majorität minorisieren können. Der Gedanke ist wenigstens originell und eines Experimentes würdig. Die schon längst totgesagte Majorität aber verspürt noch immer keine,Lust abzudanken. Der innere Kampf dürfte sich also schwierig gestalten. Es ist merkwürdig, wie leicht die Gegensätze sich berühren. Die Orthodoxen suchen und finden ihre Bundesgenossen in den Reihen der Freidenker. Ein Freidenker ist aber nicht immer ein freier Denker. Der bayerischen Regierung wäre wohl ein katholisches Judentum am liebsten. Das wissen die Rabbiner, und sie sind bestrebt, sich ihre priesterliche Macht nicht nehmen zu lassen. In Preußen haben die Rabbiner zu wenig, in Bayern zu viel Macht; wie wäre es, wenn man ausgleichende Gerechtigkeit üben und den bayerischen Rabbinern etwas von ihrer absoluten 'Macht nehmen würde; um sie ihren Kollegen in Preußen zu geben? Das katholische Judentum ist übrigens kein leerer Wahn,-es existiert in den katholischen Ländern Deutschlands. Es gibt Juden, die die Religion als eine Sache des Geistlichen betrachten: Sie-zahlen ihre Steuern und lassen den Rabbiner für sie fromm sein, — "das ist ja sein Metier. Nur so ist es psychologisch zu verstehen, daß freie Gemeinden sich konservative Rabbiner wählen. Sie wissen nicht, daß das Judentum verlangt, der Rabbiner solle mit der Gemeinde fromm sein und nicht für sie. Es kommt sogar vor, daß Juden, die nie jüdisch gelebt haben — jüdisch sterben wollen, und so lassen sie den Rabbiner in letzter Stunde rufen. Unsere Alten haben es nicht getan — sie starben auch so. Wann endlich wird das Judentum die Religion des Lebens werden? Das deutsche Judentum ist ja nun fast überall von der Badereise zurückgekehrt — ob gekrästigt, das muß sich erst zeigen. Die Aerzte zeigen immer an, daß sie von der Reise zurückgekehrt sind, damit — sich ihre Patienten vor ihnen hüten. Unsere Rabbiner sind vorsichtiger, sie sagen nichts. Ob man übrigens hier von Patienten oder Klienten sprechen soll, ist mir nicht klar. Wenn das moderne Judentum krank ist, dann würden ihm die Naturärzte wohl noch die besten Dienste leisten. Im Ghetto war das Judentum trotz aller Bedrängnisse gewiß stärker als in der Freiheit von heute. Güte Luft kann es wohl vertragen, aber keine Zugluft, und — heute zieht es zu sehr von allen Seilen. Uebrigens genießt das Judentum auch heute selten volle Freiheit. Früher wurde es in die engen Gassen, heute wird es in die engen Schablonen und Formen gezwängt. Man hat in den letzten Dezennien den jüdischen Geist immer mehr nach der Synagoge verdrängt und — ist nicht dahingegangen; das war schlau und bequem. Der jüdische Geist aber fühlt, sich da sehr beengt und angeödet, er sehnt sich ins Leben hinaus, um'sich darin zu entfalten. Die jüdischen Literaturvereine wollen dem jüdischen Geiste wenigstens in den Wintermonaten, wenn es sehr kalt ist, eine Zufluchtsstätte schaffen. Sie bilden also eine Art Wärmehalle, — wenn es nur darin immer recht warm zuginge! Eine kalte Wärmehalle ist eine Ironie, eine Verhöhnung der Not. Wir haben im heutigen amerikanisierten Deutschland für alle Artikel eine Hochsaison, nur für die jüdische Literatur nicht. Im Winter ist sie schwach und im Sommer läßt sie nach. Die jüdische Literatur ist das einzige Gebiet innerhalb der Gesamtliteratur, das nicht an Ueberproduktion leidet. Die Nachfrage ist — um national-ökonomisch zu sprechen — allerdings noch geringer als das Angebot. Man nennt uns im Orient das Volk des Buches, und doch haben wir so wenig gute Volksbücher. Lange haben wir damit geprunkt, das Volk erziehen zu wollen; ich glaube, es ist Zeit, daß das Volk anfängt, uns zu erziehen. Es ist ja im Grunde auch bei der Jugend nicht anders; wir glauben sie zu erziehen und werden von ihr erzogen. Das Kommende ist stärker als das Gehende. Ich glaube, wir Juden haben verlernt, jung zu sein, — wir klügeln zu sehr, statt der Natur zu folgen. Im Monat Elul soll man Theschuba tun. Theschuba heißt Rückkehr und Einkehr. Wenn man aber ziellos lebt, dann kennt man die zurückgelegte Strecke gar nicht, wie soll man da umkehren? Wenn man weiß, wie unerfreulich es im inneren Heim ist, dann kehrt man auch nicht gern darin ein. Doch ich merke, ich fange an zu predigen, und die Kunst der Predigt besteht nicht darin, richtig anzufangen, sondern richtig aufzuhören. München, im September.