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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-09-25 · Heft 39 (25.9.1908) · p. Seite 466

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 39 (25.9.1908)
Date
1908-09-25
Page
Seite 466 (sequence 12)
Language
German
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ein Telegramm wieder heimgerufen.' Der Vater war, der. Mutter gefolgt. Nun war er einsam geworden. Geschwister hatte er nie besessen, aber Gold und wieder Gold war ihm zugeftrömbin dem überreichen Vatererbe. . Nun wollte er das Leben genießenum zu vergessen, wie allein er war. Und im Rausche, in den liebenswürdige Kommilitonen den schneidigen, reichen Juristen gern eingewiegt, verblaßten mehr und mehr die dunkeln Augen des Mädchens, das beim wehen, letzten Scheiden aus dem Vaterhause ihre reinen Mädchenlippen aus seine heißverlangenden gepreßt, wieder und wieder zitternd die Treuegelöbnisse einsaugend, die an ihr Ohr geklungen. Sie hatte gewartet, gebangt, gehofft — und er — ver° gessen. Ein alter Sang. Vergessen! Jetzt, in dieser Stunde weiß er's, daß er sie nie vergessen. Daß sie ihm dasselbe geblieben, was sie ihm einst gewesen. Und es darf — es kann nie mehr sein! Er, was will er, der Abtrünnige, der seinen Glauben abgeschworen er, der Fesseln trägt, ah, . Asta! Weiter sinnt er — schwer atmend. Wie flüchtig und selten seine Grüße wurden, die von herrlichen Reisen in die Alpen, ans Meer, in Hannah Seeligs - stilles Mädchenstübchen geflattert kommen. Wie bange es zwischen ihren Zeilen klang, wenn sie forschte, warum er so lange zögere, einmal wieder alte, liebe Freunde in der Heimatsstadt zu sehen. Und dann! Was dann gekommen, jagte sich in seinen Gedanken mit fabelhafter Schnelligkeit. Lachende Kommilitonen, ernste, wohlmeinende Professoren hatten bedauernd die Achseln gezuckt, wenn sie mit dem intelligenten jungen Juden über seine Zukunft berieten. „Ein Jammer ifFs, Stein, Sie und ein simpler Rechtsanwalt, wenn Sie nur wollten, Himmel, mit wenig Worten könnten Sie alle hindernden Vorurteile über den Haufen werfen." „Max, Junge, ' wir sehen Dich schon als bierehrlichen Dorf- und Stadtadvokaten, anstatt weiter und weiter zu schreiten — altes Haus — wenn wir die Wahl hätten!" So war es abwechselnd stündlich an sein Ohr geklungen. Er wollte nicht! All' seinen Mannesstolz all' die hehren Erinnerungen an sein Vaterhaus, hatte er zusammengesucht. Aber wie ein Rostfleck fraß es sich immer tiefer in ihn hinein: „Was tut's? Nur zu!" „Gute Geister seiner Jugend zwischen Klippen im Gebüsch", wo waren sie? Er.'sah nicht zurück nach zwei ernsten, efeuumwucherten Hügeln, nicht nach einem pochenden Mädchenherzen fern in der Heimatstadt, das mit gläubiger Zuversicht dem Höchsten aW ihr heimlich Sehnen anvertraute. Er sah nur um sich — da war es leer. Nur sein eigenes Selbst war es, was schrie: „Nein, nein." War es, was schmeichelte: „Ja, ja." Da war er nach Italien geflüchtet, sein seelisches Gleichgewicht in der herrlich ausgleichenden Natur wiederzufinden. MiM Kickles. Von Fabius Schach. mixed Pickles ist keine nahrhafte, aber wohltuende Speise. Sie reizt den träg gewordenen Magen, neue, nährkräftige Speisen aufzunehmen. Sie ist nicht nur „koscher", sondern auch sonst echt jüdisch, denn sie enthält viel Würze und wenig Fettgehalt. Für einen gar zu schwachen Magen freilich ist sie nichts, aber'der jüdische Magen ist'-zwar' nicht so groß wie der der Kirche und kann keine Länder und. Städte verschlingen, aber er ist leidlich gesund.' Die Judenheit hat im Laufe der Geschichte eine lange Hungerkur durchgemacht, und die Hungerkuren sollen ganz vorzügliche Resultäte zeitigen. Ich glaube, auch der jüdische Geist bedarf eines scharfen - Reizmittels, um wieder zur Tätigkeit angeregt zu werden. Er. ist durch all die Kuren, chie ihm seine alten und neuen „Retter" 'verordnet, ein wenig stumpf und gleichgültig geworden. Nun hat ihn die Epi demie des Jndifserentismus ergriffen. Es ist eine gar böse Schlafkrankheit, die nicht in Afrika, sondern mitten in Deutschland herrscht und täglich neue Opfer fordert. Böse Zungen behaupten, diese Schlafkrankheit sei'durch manche Predigt hervorgerufen worden. Das ist natürlich Verleumdung. Eine Predigt, die. schlaflose Nächte kostet, kann doch nicht einschläfernd wirken. Eher glaube ich, daß die „jüdische Politik", die nur im Reiche des Traumes durchführbar ist, diesen Schlaf bewirkt hat. Aber — dem Himmel sei es gedankt — diese Krankheit ist nicht unheilbar. Wie sagt doch der Talmud? „Gott schafft die Arznei noch vor der Krankheit." Nun haben wir alle Arzneimittel in der Hausapotheke bereit, nur ist der Patient so starrsinnig, die Arznei nicht nahmen zu wollen. Dabei schmeckt sie nicht einmal bitter, sie ist oft sogar — geschmacklos. Die neueste homöopathische Arznei der deutschen Judenheit heißt „historisches Judentum". Diese neue Richtung ist natürlich entstanden, um.ein „dringendes Bedürfnis" zu beseitigen. Wir hatten bis jetzt in Deutschland ein. orthodoxes und neologes, ein gesetzestreues und reformfreundliches, ein konservatives und liberales, ein pseudoorthodoxes und hypermodernes, ein zionistisches und assimilatorisches Judentum. Das macht zusammen noch nicht einmal ein Dutzend, was will, das in einer Zeit, wo alles in der Wissenschaft und im Leben sich spezialisiert und individualisiert, sagen? Da tat es not, daß das „historische Judentum" als neue Spielart hinzukam. Nun fehlt nur noch das jüdische Judentum als allerneueste Gründung. Wenn das. so weiter geht, dann haben wir.in Deutschland bald mehr Richtungen als Juden. Man kennt sich schon jetzt kaum in dem Labyrinth der verschiedenen Schattierungen aus, und ich habe mir'vorgenömmen, nächstens einen „Führer durch die jüdische Wüste in Deutschland" zu verfassen. Waren nicht unsere Väter besser daran? Sie kannten nur fromme und neumodische Juden. Aber — die Neumodischen von damals würden Heute als die starrsten Orthodoxe angesehen werden. Wer weiß? 'Vielleicht würde unsere Orthodoxie von Heilte die damaligen Frommen als „Neologe" ansehen. Einstweilen bildet die größte Partei im deutschen Judentum die unparteiische. Diese Juden, deren Zahl Legion ist, stehen nicht über, sondern unter allen Parteien. Sie leben nicht nach dem Schulchan-Aruch, sondern nach den verschiedenen „Generalanzeigern", aus denen viele ihre Weisheit schöpfen. Sie sind halb frei — aus Bequemlichkeit imb chalb religiös — aus Pietät. Wer weiß eine Definition für dieses schöne und so verwirrende Wort? Ich gebe ein zionistisches Königreich darum. Ich glaube, was man nicht definieren kann, das sieht man aus Pietät an. Ja, die halben und die Vierteljuden, das ist die neueste Erscheinung des 20. Jahrhunderts. Das sind Leute, die nicht die Kraft und den Mut finden, Juden zu sein, und sich vor der Taufe fürchten, weil — sie wasserscheu sind. In der Mathematik machen zwei Halbe ein Ganzes, im Leben aber ist mir'ein ganzer Jude lieber als tausend Halbe. Wer weiß

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