Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-09-25 · Heft 39 (25.9.1908) · p. Seite 465

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 39 (25.9.1908)
Date
1908-09-25
Page
Seite 465 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3228798-3228838--64919-3277005
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

MWMZ HWdWMUWßWW Knapp hat. er die- Worte .gefaßt, aber in ihm ist ein Wogen und Wallen.. Ihm ist's, als schaue er in einen .schwindelnden Abgrund, der sich aufgetan zwischen ihm und ihr, der er vor dem Altäre, gelobt hat: Treue bis in den Tod. Und diese schleichend furchtbare Vision kommt ihm nicht heute zum erstenmal, nein, vor Monden schon. Er kämpft dagegen an, er will sich nicht bezwingen lassen. Grinsenden Tatsachen gegenüber aber sinken all' seine künstlich aufgestapelten Argumente in ein wesenloses Nichts zusammen. Warum wühlt es nun schon stundenlang in seinem Kopfe; warum, kann er sich nicht unter die glänzende Menge schleifen lassen, weil, nun, weil ihn jäh ein so unbändiges Weh ersaßt hat, so ein Heimweh nach — nach — . Aber ist es nicht ein Unrecht, das, was ihn aufgerüttelt, trägt nicht vielleicht er die Schuld, wenn ihm dies kalte, blonde Etwas, da, sein Weib, fremd^Und fremder geworden? All' die Bitterkeit zurückdrängend, die sich in ihm aufgetürmt, faßt er nun jäh, wie flehend, beide Hände der, die , ihn vor Minuten noch höhnisch zurückgewiesen. Und schmeichelnd, bittend, kommt's von seinen Lippen: „Laß mich heute nicht allein, Asta, es ist nicht gut, glaub' mir's. Selten ist mir so gewesen wie heute, selten? —nein, noch nie." Und da sie unbeweglich bleibt, rüttelt's ihn wie Fieberschauer: „In Freuden hast Du mit vornehm konventionellem Lächeln mir repräsentierend zur Seite gestanden — nun, da der Schmerz gekommen, sollst Du mir zeigen, daß Du eine Seele hast, eine Seele, nach der ich vier Jahre vergebens gesucht, gefiebert. — Heute abend sollst Du mir ihren großen zwingenden Daseinsbeweis geben." - „Indem ich Dir Gesellschaft leiste. Dir, einem sich lächerlich gerierenden, fieberkranken Idealisten oder, besser gesagt, Egoisten. Uebrigens wirst Du wohl so rücksichtsvoll sein, von meiner Zofe kein längeres Warten zu beanspruchen. Ich empfehle Dir eiskalte Kompressen! Auch Limonadenwasser kühlt vorzüglich. Ja, ja, solch' heiß pulsierendes Blut war mir gänzlich unbekannt — bis vor vier Jahren." „Du bereust!". Er hat es hervorgestoßen. In ihm gellt es: Auch sie, auch sie. „Dein letztes Wort, Asta, bedenke!" ~ „Mein letztes Wort — pah, ich verstehe nicht." Stumpf liegt Amtsrichter Stein im Sessel, das Gesicht auf die grün bezogene Platte des Schreibtisches gepreßt; um ihn wogt matter, sich verflüchtigender Veilchenduft, den die fliederfarbene Toilette seines blonden Weibes verschwenderisch ausgehaucht, das vor Minuten, ihm graziös ein Adieu zuwinkend, hinausgerauscht war, hin zur Soiree — allein. Und er, o, daß er geglaubt, sie sei zurückgeblieben! Ihr Blick — auch ohne Worte hat ihm heute endgültig offenbart, daß sie niemals das besessen, was er bangend verlangt — eine Seele! Ah — so hatte es kommen müssen. Nach außen glänzend — nach innen hohl! Und dies Scheingebilde hatte ihm als Idol vorgeschwebt, um deffentwillen er heiligste Güter gewissenlos geopfert! Heiligste Güter gewissenlos geopfert! — Ah, wer hat ihm diese vier Worte langsam, langsam zugeraunt? Ah — wer? Entsetzt ist er aufgesprungen! — Wer?! Der intensive Dust peinigt ihn; das Fenster 'hat er ausgerissen, seine brennenden Wangen vom Abendhauche kühlen lassen! „Gott, gib mir Klarheit! Gott!" Er zuckt zusammen. Wie lange hat er dies Wort nicht mehr flehend gemurmelt!. Seit jener Stunde nie wieder, da er in anderen, fernen Landen, unter einer andere^, heißeren Sonne jene Worte gesprochen, klar, grell, die ihn bannten für immer von denen, zu deren Mitbruder ihn ein ewiges Naturgesetz gewaltig bestimmte. Und nun wird ihm so schwül, so grenzenlos verlassen zu Mute. Er sucht den elektrischen Knopf. Eine matte Birne flammt auf. Da — er, der sich kühl zu beherrschen wissende Weltmann, er, der junge Amtsrichter, dem eine glänzende Karriere prophezeit wird, er, der da geglaubt, auf seine Persönlichkeit trotzen zu können, sieht jäh, mit weit ausgeriffenen Augen auf den großen Kalender, der dicht vor ihm auf der Platte des Schreibtisches liegt. Und was er da sieht — der 17. September — darunter in winziger Schrift : Rüsttag zum Versöhnungsfeste der Juden. Deshalb, ah, deshalb! — Ein Keuchen ist's. Die Birne ist erloschen. Amtsrichter Stein liegt wieder im Sessel, ineinandergeduckt, die Hände vor's Gesicht geschlagen und will denken und kann doch erst keinen klaren Gedanken fassen. Sein grenzenloses Bangen und — dieser Abend, ein schauriger Akkord! Kolnidre-Abend. Kolnidre! Max Stein, was fliegst Du zusammen? Es ist so — und Du kennst ihn wohl. Und wie er auch kämpft, er kann das Bild, das ihm seine Phantasie vorgaukelt, nicht verbannen — und er will es auch nicht mehr. Wie eine Fata Morgana erst müde, verschleiert, aber immer deutlichere Gestalt annehmend, sieht er sich selbst, das Leben, das er gelebt, von jenem letzten Kolnidre bis zum heutigen. Ein weiter Raum, dicht gedrängt, Menschen an Menschen — und in aller Mienen das gleiche Hoffen, düs gleiche Bangen. Und nun durchschauerts die stillen Hallen der Synagoge seiner Heimatstadt, der Stadt, in der er noch atmet, noch lebt — Kolnidre. Wie zucken sie zusammen, die stolzen Großen, die kleinen Matten, die starken Hoffnungsvollen! Wie pressen sie die Hände an die braunen Gebetpulte, als könnten sie so ihr Herz zersprengen, auf daß es klar, offen, daliege vor dem Höchsten, vor dem sich alle neigen, vor dem Gotte Israels. Auch er hat sich geneigt, der schlanke Student, der fortgezogen an eine badische alma water und nun nach dem ersten Semester zurückgekehrt war zu den hohen Feiertagen, nach Hause. Sein Vater war einsam geworden, seitdem die Mutter heimgegangen, da mußte der Sohn ihn zerstreuen. Frisch, voll sonniger Illusionen, stürmender Ideale war er heimgekehrt, unberührt, wie er gegangen. Und auch sie war dieselbe geblieben, sie, deren keusche dunkle Augen durch das Gitter der Frauensynagoge sehnend gelugt, hin zu ihm, mit dem gemeinsam sie einen Lenztraum geträumt. Ein Blicketauschen — sekundenlang. Dann neigen die erglühten Gesichter sich tief über die mit heiligen Lettern bedeckten Seiten. Wieder sieht er seinen Vater, voll zwingender Andacht, auf dem Platze stehen, den schon seit undenkbaren Zeiten stets ein Stein behauptet hat, dem ersten Vorsteherplatz, und Hanna Seeligs Vater auf dem Rednerpulte, althebräische Weisen jubelnd und klagend, und herzergreifend Judas Vergangenheit und Zukunft in beredten Worten schildernd. Und dann der kommende Tag. Wie er und Hanna sich verstohlen die Hände gedrückt, in jener einzigen Pause, die sich beide kaum gegönnt, um Luft zu schöpfen. Dann das begeisterte Ausharren in heiligen Räumen bis zum Schluß, und das Heimgehen unter den dunkelnden Bäumen der Stadtallee — Hand in Hand. Und dann vor ihrer Haustür nur ein paar gestammelte Worte — Du — bis morgen. Das war sein letzter Jom-Kipur gewesen, den er gefeiert. Der letzte auch für den Vater. Kaum da die badische Universitätsstadt Max Stein wieder ausgenommen, hatte ihn ‘•1 J

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.