Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 39 (25.9.1908)
- Date
- 1908-09-25
- Page
- Seite 464 (sequence 10)
- Language
- German
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KV UM fe: Quellehrnweist, hatübersehen, daß man schon im Persischen und indischen Glauben ohne Sohn als Stammeserhalter, der den Toten mit Grabesspenden versorgt, sich des Fortlebens verlustig ansah. Babylonien. und Aegypten haben bereits für alle diese Anschauungen und Sitten die Grundlagen geschaffen oder übernommen. Ueberblicken wir so das ganze System jüdischer Bräuche, . wie sie im Laufe der Jahrhunderte sich entwickelten und anhäusten, so finden wir in ihnen den Ausdruck religiöser Empfindungen, wie sie die verschiedenen Lebensereignisse eingeben. Wohl erscheinen uns bei unserem Fortschritt an Bildung, an Aufklärung und an Feingefühl und ästhetischem Geschmack viele dieser Zeremonien bloß als Schalen, aus denen der Kern längst gewichen ist; allein wir dürfen nicht vergessen, daß ohne die schützenden Blätter und Hülsen nichts am Baum oder im. Boden gedeiht und wächst. Abstrakte Wahrheiten und . Sittenlehren befriedigen das religiöseBedürfnis jedes Menschen nicht. Er bedarf der Zeremonien, die ihn die Nähe und Heiligkeit des Göttlichen empfinden lassen. Während nun das mosaische Gesetz das Heiligtum mit seiner Priesterschaft in den Vordergrund stellte, und das Volksleben kaum in Betracht zog, sehen wir dagegen das pharisäische und rabbinische Judentum neue Zeremonien schaffen oder die alten neu gestalten, so daß sie den Juden eindrucksvoll an seine priesterliche Heiligkeit erinnern. Und diese Fülle von Observanzen werden ihm nicht zur Last sondern zu immer neuer Lust, weil sie ihn gleichsam wie Schutzengel auf allen Wegen und Stegen umgeben. Ganz anders als sein christlicher Mitbruder, den die Furcht vor Satans Macht in die Arme blinden Kirchenglaubens treibt, weiß er sich gegen alles Nebel geschützt, weil;fein ganzer Lebensgang von frommen Uebungen begleitet ist, die ihm Gottes Gunst sichern. ' Nun aber entsteht für uns Moderne, deren ganzes Denken und Empfinden ein anderes geworden ist, die Frage: .Können die Zeremonien des traditionellen Judentums in unserem Leben dieselbe Stellung einnehmen? Sie haben unstreitig für den Juden von ehedem Großes geleistet, indem sie ihn mit soldatischer Disziplin zum treuen Festhalten am väterlichen Erbe erzogen und ihm jene Opferfähigkeit Und Selbsthingabe einprägten, die alles daran setzt, die ererbte Wahrheit gegen eine Welt voll Haß und Unduldsamkeit zu verteidigen. Allein es kann nicht in Abrede gestellt werden, daß sie aufgehört haben, den Gedanken der priesterlichen Heiligkeit zu versinnbildlichen und statt dessen bloßes äußerliches „eingeübtes Menschenwerk" geworden sind. Das rabbinische Zeremonialwesen ist vielen gerade so unerträglich geworden, wie das priesterliche Opfergepränge den großen Propheten unerträglich war. Wir dürfen unsere Augen der Tatsache nicht verschließen, daß wie unsere gesamte Weltanschauung eine andere geworden, so mußten auch unsere religiösen Ansichten sich notgedrungen ändern. Sollen daher unsere Zeremonien einen positiven Wert, eine innere Bedeutung haben, so müssen sie entweder unmittelbar oder sinnbildlich Gedanken und Empfindungen ausdrücken, die unser religiöses Bewußtsein ansprechen und unser Gemütsleben erheben, bereichern und heiligen. Jener heute so beliebte Romantizismus, der an altertümlichen Bräuchen Gefallen findet, weil sie das ausgelebte Alte oder das fremde Orientalische malerisch darstellen, ist ui ch t Religion, die vor allem eine leben d i g e Wahrheit, die Stimme des lebendigen Gottes sein muß. Qjf Verlöhmmgstgg. Eine wahre Geschichte von Eva Feinstein. ' . I. , Vrau lfta Stein lehnt mit höchst ungnädiger Miene, aber \J in überaus graziöser Stellung an der tuchbehangenen Wand des dunkel gehaltenen Boudoirs, das zu dem fast verblüffend Hellen Blond der jungen Frau in reizvollstem Kontraste steht. Wieder schweifen ihre kalten -blauen Augen geradeaus zum Kristallspiegel hinüber, um weiter irrend auf einer Männergestalt zu hasten, die zurückgelehnt, müdein einem Sessel ruht. Ihr rücksichtslos forschender Blick zwingt den Mann förmlich, sich zu erheben. Nun steht er da, nervös an den Sesseltroddeln zerrend. Wie -abwesend tauchen seine dunklen, kneiferbeschatteten Augen, in das dämmerige Geflimmer des Spätsommertages hinein-' Er ist nur mittelgroß gebaut, aber die eine bewußte Persön lichkeit aussprechende Haltung läßt ihn größer erscheinen. Der einfache Joppenanzug hebt seine schlanke Stattlichkeit hervor- Die tief gebräunten Züge seines Gesichts betont ein dichter schwarzer Schnurrbart. Ein intelligentes, markantes Gesicht, dem die leichtgebogene Nase etwas Fremdartiges gibt. Und umkost von verglimmenden Sonnenstrahlen, die sich müde durch halbgeschlossene Vorhänge hineinstehlen, in diesem kosigen Raunen stehen sie sich gegenüber — Amtsrichter Max Stein und seine Frau Asta — schweigend, kalt, unbewegt. Da tönt ein Wort durch die bangende Stille: „Max!" Eine helle, fast scharfe Frauenstimme. „Du wünschest?" „Du sragst noch! — Ein für allemal, ich geh' nicht allein zur Soiree heute abend, Du mußt mich begleiten. Eine Frau, die ohne ihren Gatten erscheint, wirkt in unseren Kreisen einfach lächerlich." „Quäle mich nicht, Asta." „Pah, ich soll wohl Rücksichten nehmen und Du? Das ist in unseren Kreisen-" „Unsere Kreise —" blitzschnell hat er sich gewandt, und dann dicht vor ihr stehend, fast keuchend, „was meinst Du damit?" Ein puppenhaft starres Lächeln tritt auf ihre Züge: „Lieber, wie Du Dich ereiferst, ich dachte nichts dabei, en eff et! Aber als gute Gattin muß ich Dir noch sagen, wenn Du daheim bleibst, nun, ich werde mich nicht langweilen. Dafür sorgt schon in erster Linie Graf Born. Wenn Du jetzt noch vorziehst —" „Auch Dich daheim zu halten — ja, Asta, in meinem Kopfe hämmert es, ich kann in dieser Verfassung nicht unter grell glühende Kronleuchter. Man wird uns nicht vermissen. Wir beide bleiben hier, wir wollen versuchen, an einst, zu denken." Seine Stimme bebt. Er will nach ihrer Hand greifen. Aber Asta ist einen Schritt zurückgewichen. Katzenhaft funkeln ihre Augen. Dann kommt es gelassen, schneidend von ihren Lippen: „In den vier Jahren unserer Ehe müßtest Du mich so weit kennen gelernt-haben, um zu wissen, daß ich für solche Sentimentalitäten nicht viel übrig habe. Entweder Du begleitest mich, oder ich gehe eben allein. Du hast die Konsequenzen, zu tragen." „Konsequenzen? Du beliebst in Rätseln zu sprechen." i'