Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 39 (25.9.1908)
- Date
- 1908-09-25
- Page
- Seite 463 (sequence 9)
- Language
- German
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: :A^ibÜsMen^Zeit/nicht aus dem Auge' verlieren. Es sind immer AM einzelnen vom Gottesgeist Erfüllten, die die neuen Ideen in die 'lebenskräftige Form einverleiben. In der hier behandelten Epoche. sind es,, wie Abraham Geiger' mit klarem Forscherblick erkannt hat, die pHartsäischen, oder, etwas weiter zurück, die chasidäischen Brüderschasten, die, im .Bestreben, die Israel am Sinai zugesicherte Priesterheiligkeit für ihre Versammlungen zu reklamieren, ihren Sabbat--und Festtagsmahlen durch die Kiddusch- und Habdalah-Zeremonien neue Weihe verliehen, die häusliche Feier des Peßach von den erhebenden Klängen des Hallel und der Haggadah wiederhallen ließen, das Fest der Erstlinge des Feldes in einen Erinnerungstag an den Sinäibund umwandelteu und den Herbstmonat zu einem weihevollen Zeitpunkt religiös-sittlicher Erneuerung des ganzen' Jahreslebens für den Juden allmählich erhoben. Auch das tägliche Mahl empfing durch Segenssprüche und vorbereitende Waschungen priesterliche Weihe. Und so wurde jeder Sinnengenuß, jeder Freudenanlaß aus der Sphäre profaner Genußsucht und gemeiner Nutznießung in das Reich idealer Zwecke des Gedankens der Lebensheiligkeit emporgehoben, und allen gesellschaftlichen Ereignissen, wie Hochzeiten und Leichenbegängnissen oder der Einweihung der Jünglinge in das Studium Und der Ausübung des Gesetzes, der Barmizwah-Feier, der Stempel besonderer religiöser Weihe aufgedrückt! (Ausführlicher ist all das in meinen diesbezüglichen Artikeln in der : Jewish Eneyclopedia behandelt.) Allmählich trat ein neuer Faktor religiösen Lebens herzu und erschloß für die Einführung anmutender Observanzen eine neue Sphäre. Das Weib kam in seiner Würde als Begründer und Wächter der Häuslichkeit in den pharisäischen Kreisen mehr und mehr zur Geltung, und die allzu große Strenge der mosaischen Reinheitsvorschriften, wie die ängstliche Scheu des chasidäischen Asketen muß den Geboten des gesunden Menschenverstandes und der feineren Lebensart, wie den Rücksichten auf die häusliche Wohlfahrt weichen. Nunmehr würde.das jü dische Heim mit neuen Zeremonien geschmückt und bereichert, die dem Weib einen hervorragenden Platz im religiösen Leben an- - weisen. Das Anzünden der Sabbatlampe, die Zubereitung des Sabbatbrotes und des Sabbatwie Festtagtisches und dergleichen verleihen der Häuslichkeit neuen Glanz und Zauber der Weihe. So wird denn, ehe sich der Jude aus der Reihe der Nationen zurückzieht, um, statt der politischen, eine religiöse Körperschaft in der Weltgeschichte zu bilden, sein Leben von der Wiege bis zum Grabe zu einer Kette von frommen Hebungen, die ihn zum Gottgeweihten, zum Nasiräer unter den Völkern stempeln. Allerdings ward dadurch auch der Eindruck hervorgerufen und im selben Maße, als Zweck undUrsprung all dieser Bräuche in Vergessenheit geraten, auch bestärkt, daß Abschluß und Auszeichnung des Juden von der nichtjüdischen Welt die einzige Absicht aller dieser Bräuche sei. Und es kam wirklich dahin, daß man jedwede nichtjüdische Sitte, sei sie noch so unschuldig, als ohukkath ha Goj, als heidnische, zu götzendienerischen Lastern verleitende Satzung (Eevitieus 3,18) verpönte. Allein das Judentum konnte sich den Wirkungen des Gesetzes der Assimilation zu keiner Zeit entziehen, und unbewußt nahm es Sitten und Bräuche heidnischen Ursprungs und abergläubischen Charakters in allen Ländern und zu allen Zeiten auf. So sei zum Beispiel aus, den, von den Geonim mißbilligten, Brauch des Kapporoth-Schlagens am Vorabend des Sühntages hingewiesen, ' eine Art stellvertretenden Sühn-, opfers, wie das bei den Mohammedanern in. Palästina , noch heute für- Gefährlichkranke gebracht: wird, ein Hahn für den Knallen und eine Henne für ein Mädchen, ein Pidjon ha Neidsch — siehe Curtiß a. a. O., S. 28 und 233. Desgleichen zeigen die an Hochzeit, Geburt Und Tod geknüpften Bräuche eine seltsame-Mischung morgen- und abendländischer Sitten. Der Wein und das Festmahl mit seinen Segenssprüchen, das bereits das Buch Tobit 8, 5 kennt, haben die Stelle des ehemaligen blutigen Opserbündniffes, wie Clay Trumbell in seinem;,The Blood Covenant“ nachgewiesen, ein-. genommen, während der Ring — ob syrischen oder römischen Ursprungs — erst spät in jüdischen Kreisen Eingang gefunden. Wenigen dürfte es bekannt sein, daß der Brautschleier, derber römischen Heirat den Namen nuptias verlieh, nur ein Ueberreft, der noch heute in Rußland bei Juden wie Christen üblichen Sitte des Haarabschneidens der Braut ist, worüber Lippert, : Kulturgeschichte II, 115 und 155 ff., Ralston, Russian Folk Songs 27 ff., Geigers Wissenschaftliche Zeitschrift Ul, 364 .ff.; IV, 337 ff., zu vergleichen. Das rabbinische Verbot, in Festzeiten Hochzeit zu feiern, hat seine Analogie in der römischen Satzung, die zu Festzeiten keine Hochzeit gestattete, weil der Festfriede Frauenraub — und darauf beruhte ja die älteste Eheform! — ausschloß. Siehe Lippert a. a. O. Seite 99. - Dahingegen entspricht die Sitte, während der Omerzeit nicht zu heiraten, dem altrömischen und englischen, überhaupt wohl altheidnischen Brauch, in dem der Fruchibarkeitsgöttin heiligen Monat Mai keine Hochzeit zu halten. Siehe Lands-, berger in Geigers Zeitschrift 1869, Seite 81 ff. \ Die Berith Milah-Feier kam wohl erst im Gefolge mohammedanischen Beispiels in Gebrauch, ebenso wie der Wachnachtschmaus mit Erbsenkost bei den Mohammedanern sein Vorbild hat. Siehe Klunzinger, Bilder aus Ober- Aegypten, 1877, Seite 181 ff.; Lane, Sitten und Gebräuche der heutigen Aegypter, III, 138, Loew, Lebensalter,. Seite 89. Recht interessant ist, daß die deutsche Göttin Holla der Hollekreisch genannten Feier der Namengebung der Tochter im jüdischen Hause den Namen leihen mußte. Der abendländische Jude empfand eben im Gegensatz zum Orientalen den Mangel einer Feier, wenn ein Töchter lein in den Familienkreis eintrat, und bewillkommte die . altdeutsche Sitte als Ersatz. Siehe Perles in der Graetz-Jubelschrift Seite 24. Das Gefühl der Ebenbürtigkeit des Weibes ist überhaupt erst eine Frucht abendländischer Kultur im jüdischen Religionsleben. Besonders zahlreich sind die von seiner Umgebung entlehnten Trauerbräuche des Juden. Hier führtder Aberglaube, von den Griechen veisidaemoma, „Furcht vor den Dämonen" genannt, das Szepter. Die meisten Trauerbräuche wurzeln in dem Bestreben, den Verstorbenen, der alles, was er hier besaß, mit in seinen jenseitigen Weltbereich nehmen will, zu befriedigen. Aus den ehemaligen Totenopfern erwuchsen allmählich alle jene Trauerformen und Gebete, die auf höherer Stufe zur .Quelle des Trostes und der Befriedigung für die Lebenden geworden sind'. An die Stelle der alten Furcht vor den Toten trat die. edle Pietät, die den überkommenen Bräuchen eine neue Gestalt und einen neuen Sinn verlieh. Nichts wirkt auf den heutigen Juden mit seiner angeborenen Verehrung für seine im Staub schlummernden Vorfahren so mächtig als das Käddifch- Gebet und die Jahrzeitsfeier. Und doch haben beide ihre Wurzel in der Furcht, der Furcht vor dem Höllenfeuer und dem zwölsmonatlichen Purgatorium wie die Furcht vor^dem unglücklichen Tag, der einmal den Tod ins Haus.'gebracht hat. Sie haben sich im jüdischen Gemüt eine bedeutende Stellung errungen, wenngleich ihr Ursprung nicht im Judentum zu suchen ist. - ZunzA wer -"auf die christliche Meffe als k -fk? if -