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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-09-25 · Heft 39 (25.9.1908) · p. Seite 462

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 39 (25.9.1908)
Date
1908-09-25
Page
Seite 462 (sequence 8)
Language
German
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Tatsache ist, daß mit dem persischen Reich ein neuer Geist in die Welt einzog, der besonders auch unter den jüdischen Exulanten in Babylonien einen großen Umschwung der Ideen hervorrief. Schon die höhere Gottesanschauung, welche, obgleich sie auf dem Dualismus von Gutem und Bösem beruhte, doch dem Leben einen sittlichen Zweck verlieh, erheischte im Parsismus eine reinere Form der Gottesverehrung. Der Sonnenaus- und Niedergang, der ab- und zunehmende Mond, all die Naturerscheinungen, die den Kampf des Lichts mit der Finsternis, des Lebens mit dein Tode immer von neuem verkörperten, wurden mit feierlichen Anrusungsformen und Gebeten vorzugsweise begrüßt und das blutige Opfer mehr und mehr verdrängt. An Stelle des sinnlich rohen und lüsternen babylonischen Kultus trat, die reine, erhebende Verehrung des Gottes des Lichts, dessen himmlischer Hofstaat als strahlendes Vorbild des glanzvollen Hofstaats des persischen Königs der Könige dargestellt wurde. Und hier machte sich denn das Prinzip der Assimilation in der Ausgestaltung des jüdischen Religionslebens in vollem Maße geltend. Neben dem Tempel mit seinem, von der sadduzäischen Hierarchie in Beschlag genommenen Opserkultus, trat nun als ein neuer Mittel- und Brennpunkt religiösen Lebens die Synagoge, die Andachtsstätte der Gemeinde, unter dem Weckruf der die wahre volkstümliche Frömmigkeit vertretenden Chasidim oder. Anawim („Die Demütigen") hervor. Durchglüht von den prophetischen Wahrheiten, schaffen diese zuerst in den Psalmen die ewigen Muster alles frommen Herzensergusses im Gesang und Gebet, und legen.sodann in.dauernden liturgischen Formen nach dem Vorbild persischer Priester den Grund zum synagogalen Gottesdienst. Man darf hier ja nicht den einzigartigen, mächtigen Drang religiöser Begeisterung und aus der Tiefe des Volksgemüts hervorquellender .Gottessehnsucht verkennen, der im nun sich erschließenden Leben und Weben der Synagoge hervorquillt und ein Ritual schafft, das an Wert und Erbauungskraft sich weit über alles Priesterzeremoniell erhebt. Es sind die nicht genügend gewürdigten Chasidim,^ die Väter der Essäer wie der Pharisäer, Männer vom Typus Daniels und ähnlicher Heroen der Frömmigkeit, die die neue Entwicklung am bahnen. Was auch Herr Dr^ Elbogen in seinen schätzenswerten „Studien zur Geschichte des jüdischen Gottesdienstes" zur Aufklärung der liturgischen Terminologie Neues und Bedeutsames herbeibringt, er selbst gesteht zu, daß er über den Ursprung des Schema'-Rufes mit seinen ihm vorangehenden Gebetsprüchen, zum Preise Gottes als Schöpfer des täglichen Lichts und des Gebers des Lichts der Thora, sich nicht klar geworden sei. Napaports und Schorrs, auf welchen ich. in der 'Monatsschrift 1893 im Artikel „Ursprünge und Grundformen der synagogalen Liturgie" weiterzubauen versuchte- Die Begründer der Synagoge, — nennen wir sie „Die Männer der großen Versammlung"! — haben von den Persischen. Verehrern des Gottes des Lichts den Brauch erlernt, die Sonne, als Trägerin des Lichts beim Auf- und Niedergang mit feierlichen Anrufungsformeln zu begrüßen;: aber während diese die Sonne als Gottheit mit der magischen Formel ^sobern Vohu anriefen, lehrten jene Gott den Einzigen als Schöpfer des Lichts und der Finsternis anzubeten und das Sch'ma' als Bekenntnis des monotheistischen Glaubens im Gegensatz zum persischen Dualismus zum Mittelpunkt aller Andachtserhebungen zu machen. Ja, jeden Morgen sollte der einzelne Jude seinem Gott als König der Welt im Sch'ma^ seine Huldigung darbringen Kabbalatli 01 Malkut Schamajim, „das Joch der Königsherrschast Gottes ans sich nehmen", wie der rabbinische Ausdruck lautet, und, wohl nach Vorgang der parsischen Priester, mit dem Tesillin- und Zizithschmuck diese Gottleibeigenschast bekunden. Und wie das gesamte Morgengebet mit seinen Benediktionen, darunter die an das Krähen des Hahns als Verkünder des Tageslichts anknüpfende, echt persischen Charakter trägt, so lassen sich alle Teile des Synagogenrituals Vif solche Vorbilder und Grundtypen zurückführen, wie das Schorr im siebenten und achten Band des He-Chaluz nachgewiesen hat. Das pharisäische Prinzip, das Alltagsleben mit heiligen Observanzen und .Segenssprüchen zu weihen, ist dein Parsismus abgelauscht. Das war keine „Nachäfferei", wie unsere Reformgegner sagen würden, sondern eine dem Umschwung der Zeit angepaßte Neugestaltung und Veredlung. Die leitende Idee der ganzen Zeitbewegung, die nach allen Seiten hin Reformen und Reformatoren ins Leben rief, war die Geltendmachung der Ansprüche des Individuums im religiösen Leben des Volkes. Und gerade nach dieser Richtung hin entfaltet von nun an die Synagoge ungeahnte Kraft. Das religiöse Leben nimmt einen neuen Schwang, indem an die Stelle des priesterlichen Opfergepränges' ein einfacher Gottesdienst tritt, von wahrer Herzensandacht durchweht und durch Belehrung, die alle umschließt, bereichert. Gott selbst trat gleichsam aus dem Dunkel des Allerheiligsten, zu welchem der Fürst des Priesterstammes allein einmal im Jahre Zutritt hatte, in das volle Tageslicht des Gedankens und des Wissens, um in Wahrheit Gott und Vater aller zu werden. Die Thora im Besitz des Schristgelehrten, des Lehrers und Richters sollte zum Erbe der ganzen Jakobsgemeinde werden, und um den Schrein, der sie barg, und um den Pult, von dem sie verlesen und vor der Versammlung ausgelegt wurde, wuchsen bedeutungs- und eindrucksvolle Zeremonien empor, die gerade die Idee der allen gemeinsamen Wahrheit zum Ausdruck brachten. Die Thoravorlesung verlieh dem Sabbat und den Festeszeiten einen bis dahin unbekannten höheren Charakter und jedem Wendepunkt des wechselnden Jahres einen neuen Zauber und Rhythmus. Aus dem vertieften religiösen Bewußtsein der Gemeinde blühten Ideen hervor, die die drei nationalen Ackerbaufeste wie die Tempelsühnfeier am 10. Tischri mit seinem Herold, dem Neumond des Sabbatmonats, dem Tage des'Lärmblasens, zu mächtigen Weckern religiösen Denkens und Empfindens ürngestalteten; und an jedes dieser Feste schlossen sich besondere Zeremonien voll ergreifender Und anregender Schönheit und Erhabenheit. Doch auch hier dürfen wir das Gesetz geschichtlicher Entwicklung, das hier nicht minder wirksam war wie in der

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