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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-09-25 · Heft 39 (25.9.1908) · p. Seite 461

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 39 (25.9.1908)
Date
1908-09-25
Page
Seite 461 (sequence 7)
Language
German
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Lrikkr am Mähren, Von Dr. Simon Mandl. - ein heutigerGericht bewegt sich im Zeichen .pes Preises für die Allmacht, „-welche die Zeiten ändert". In der nordmährischen Stadt, .aus welcher diese Zeilen datiert sind und in der b.is zum Jahre 1848 kein Jude Gastrecht finden konnte, wurde am 12. v. M. eine Synagoge eröffnet. Und in dieser Tatsache, mit welcher ein jahrzehntelanger Wunsch unserer Gemeinde in Erfüllung ging, liegt das Aktuelle, welches außer dem Weichbild unserer Stadt und somit auch in Ihrem geschätzten Leserkreis Interesse zu erwecken geeignet ist. N eutitschein gehört zu den Städten, die vom Jahre 1562, der Vertreibung der Judenschaft aus dieser Stadt, bis 1848 keinen Juden beherbergte; eine Maßregel, welche diese Stadt mit vielen anderen, ehemals zu Preußen, heute zu Oesterreich- Schlesien gehörenden Städten gemein hatte. Nach den Troppauer, Olmützer, Brünner, Znaimer Judengemeinden mußte auch die Neutitscheiner den Leidenskelch leeren und die Bitternis der Verbannung kennen lernen. König Wenzel von Böhmen verfügte dieselbe am 12. Mai 15621) Ihre Liegenschaften und Häuser mußten die Neutitscheiner Juden zu 40 bis 50 Gulden verkaufen und ergriffen sodann den Wanderstab. Nach einem „Gerichtsbuche" des Vogtes Nikolaus Ryttig vom Jahre 1563 „haben die Juden am Montage nach Bartolomäi (30. August 1563) einer Erbaren gemain ir Begrebnis, gelegen abwendig dem tiech (Teich) nicht weit von den alten Feldern, hinter der Novatschken (Nova6kin), geschänkt, dergestalt, das selbiches zu evigen Zeitten nit soll umgraben oder umbgeackert werden, seudern damit stetz . mosen darauf bleibe" . . 2) Mit dieser Aktion war die bürgerliche Wirksamkeit der Neutitscheiner Juden zu Ende; sie konnten mit Rachel und Lea rufen: „Wir haben keinen Teil und Erbe mehr in unseres Vaters Haus" . . Dies sind die teilnahmsvollen Worte, mit welchen der mährische Historiker Christian Ritter d'Elvert das unverdiente Schicksal unserer Vorfahren in dieser Stadt begleitet. Aber der alte Geist der Unduldsamkeit stürzt und neues Leben blüht aus den Ruinen. . Und angesichts des so schönen Tempels, der sich genau 350 Jahre nach der-Auflassung des alten, schlichten Bethauses in seiner Pracht erhebt, drängt sich unwillkürlich der Dankspruch aus die Lippen, den unsere Weisen für den Anblick eines, aus den Trümmern sich erhebenden jüdischen Gemeinwesens festgesetzt haben: „Gepriesen sei, der die Grenze der Witwe wieder einsetzt." Der Kaiser Franz Joseph-Jubiläumstempel unserer Kultusgemeinde präsentiert sich als ein im romanisch-byzantinischen Stile ausgeführter, monumental wirkender Bau von schöner Gliederung. Zur Einweihung des Gotteshauses, Sonntag den 12. v. M. erschienen die Vertretungen der k. k. Bezirkshauptmannschaft, des k. k. Kreisgerichtes, der Ober-Staatsanwaltschaft, des Gemeinderates, der Lehranstalten, der evangelischen Kirchengemeinde; ferner Abordnungen der benachbarten Kultusgemeinden: Bielitz, Olmütz, Troppau, Leipnitz, Mährisch-Weißkirchen, Mährisch-Ostrau, Witkowjtz. Am Vormittage des Festes wurde all die . Kabinettskanzlei des ^.Kaisers von Oesterreich ein Huldigungstelegramm ah- 1) f. D'Elvert: Zur Geschichte der Juden in Mähren und Oesterreich-Schlesien, Brünn 1895 S. 112. 2) DMvert a. a. O. S. 118. gesandt, worauf noch im Laufe des Vormittags der kaiserliche Dank herablangte. Die weltliche Feier, erstreckte sich auf die Uebergabe des Hauses und die Uebereichung des Schlüssels seitens des Architekten Herrn Ernst Lindner aus Wien an dem Kultusvorsteher Herrn Dr. Theodor Fischer. Die Weihe des Gotteshauses nahm der Prediger Dr. S. Mandl vor, während die kantoralen Funktionen der neue Oberkantor S. Urich versah. Mit dem üblichen. Kaisergebet und dem Segen für die Heimatstadt, ihre Gotteshäuser und Gerichtsstätten, ihre Behörden und Beamten und alle ihre Unternehmungen fand die Weihe dieses gottgefälligen Werkes ihren Abschluß. Möge es zu dauerndem Segen gereichen! — Der in meinem vorigen Brief erwähnte Abgeordnete für den südmährischen Wahlkreis Göding, Professor Redlich ist es, der gegenwärtig in freisinnigen Kreisen unliebsames Aufsehen erregt. Dieser Mann, der seinerzeit in der bekannten „Universitätsdebatte" im österreichischen Parlament noch sozusagen als ein Saulus sich herausspielte, indem er zugunsten Masarhks gegen das Bestreben Luegers auf „Eroberung der Universitäten" eine Lanze einlegte, aus ihm ist inzwischen ein Paulus geworden. Anläßlich der Parlamentsdebatte am 9. v. M. über ein zu errichtendes Arbeitsministerium unter Leitung des erzklerikalen Ministers Dr. Geßmann verschrieb sich Professor Redlich mit Haut und Haaren der christlichsozialen Partei. Derselben machte er seine Reverenz mit der Begründung „man müsse sich der herrschenden Majorität beugen". Man ist über dieses. Verhalten eines Abgeordneten, der sein Reichsratsmandat einem großen Prozentsatz jüdischer Wähler verdankt, geradezu verblüfft. Aber diese Haltung Redlichs konnte nur jene Gimpel unter seinen jüdischen Wählern überraschen, die seinen freiheitlichen Lockrufen auf den Leim gingen, trotz der eindringlichen Mahnworte nüchterner Beurteiler, einem Renegaten doch keine Stimme zu geben. Das Benehmen Professor Redlichs, des getauften Juden, gibt nunmehr diesen Predigern vor Lauben Ohren vollauf Recht. Wie hätte doch das edle Beispiel des verklärten Königs von Schweden, Oskar II., zur Lehre dienen können! Er gab einst einem Täufling, der sich bei ihm um ein Staatsamt bewarb, die bündige Antwort: „Einem Menschen, der seine eigene Ueberzeugung verleugnet, kann ich doch nicht die Ueberzeugung anderer anvertrauen." Redlich hat, wie der Sozialdemokrat Seitz in einer freisinnigen Vertrauensmännerversammlung treffend bemerkte, mittlerweile schon seinen Lohn erhalten. Der niederösterreichische Landesausschußbeisitzer, Abgeordneter Bielohlawek, von welchem das geflügelte Wort stammt, daß ihm „jedes Druckwerk einen Ekel errege", er hat dem Universitätsprosesfor Redlich irr öffentlicher Versammlung das Ehrenzeugnis ausgestellt, daß er ein ernstlicher, ehrenhafter Charakter sei. Peinlich berührt es jedenfalls, daß eine jüdische Gemeinde seines Wahlkreises, die Ungarisch-Broder, es dennoch zustande gebracht, einem solchen Abgeordneten das Vertrauen auszudrücken. Das hindert freilich nicht, daß aus allen Orten seines Wahlbezirkes, so aus Lundenburg (nach einem Berichte der „Neuen Freien Presse" „berechtigte Erbitterung" zum Ausdruck gelangte. Das eine Gute wird immerhin die Affäre Redlich zeitigen, daß die politisch reifen Juden seines Gödinger Wahlkreises bei der nächsten Wahlkampagne sich ihren Kandidaten gut ansehen werden. MWK»

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