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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-09-25 · Heft 39 (25.9.1908) · p. Seite 460

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 39 (25.9.1908)
Date
1908-09-25
Page
Seite 460 (sequence 6)
Language
German
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der die Erdkunde zu einem Gegenstände der allgemeinen Bildung an der Berliner Universität gemacht hatte, über die Geographie Palästinas. Am Anfänge des sechsten Halbjahres wandte sich Neumann nach Halle. Er folgte damit einem sehr häufigen Brauche. Unter den aus Berlin stammenden oder hier heimisch gewordenen Medizinern der dreißiger Jahre sind sehr viele, die in den klinischen Semestern Halle aussuchten. .Seinen Doktorhut erwarb er in Halle mit einer Beschreibung von vier Fällen von Darmverschluß. Nach Ablegungder Staatsprüfung ließ sich Neumann in Berlin als Arzt nieder. Neben der ärztlichen Praxis entwickelte Neumann bald eine ergiebige wissenschaftliche und gemeinnützige Tätigkeit "in Stadt und Gemeinde. 1847 trat er mit der Schrift „Die öffentliche Gesnndheitspstege und das Eigentum" hervor. Das Heft hat ein geschichtliches Interesse. Es finden sich darin zuerst die Gedanken, die in der, Folge für die „soziale Medizin" maßgebend würden. Die Schrift wurde der Anlaß, daß Neumann 1848 Virchow und seinem Freundeskreise nähertrat. Als Virchow mit Lenbufcher die „Medizinische Reform" gründete, wurde Neumann ein eifriger Mitarbeiter dieses Wochenblattes, das mutig für eine gründliche Umgestaltung der Gesundheitspflege und des Medizinalwesens im freiheitlichen Sinne eintrat. Durch die Wahl zum Stadtverordneten im Jahre 1859 erhielt Neumann die Gelegenheitfür seine Ideen tatkräftiger und praktischer zu wirken. Seit Jahren hatte er sich mit der Medizinalstatistik beschäftigt. Allgemeine Fragen der Gesundheitspflege, die Krankheiten und die Sterblichkeit der Berliner Arbeiter, das Wohnungswesen und anderes hat er mit besonderer Berücksichtigung der Statistik studiert. Er hatte, die Berliner Volkszählungen der sechziger Jahre bearbeitet. Dabei war ihm zum Bewußtsein gekommen, wie dringend eine amtliche Stelle für die Berliner Stadtstatistik nottue. Fünfzig Jahre lang, während eines Zeitraums, in dem Berlins Einwohnerzahl von einerhalben Million auf zwei Millionen stieg, hat Neumann an allen Fragen der öffentlichen Gesundheitspflege regsten Anteil genommen; fern Hauptarbeitsfeld aber war die Statistik, der fein ganzes wissenschaftliches Interesse galt. Das Statistische Amt der Stadt Berlin war eine Schöpfung Neumanns. Das ganze moderne Volkszählungswesen ist aus seinen Ideen aufgebaut, die zum erstenmale bei der Volkszählung im Jahre 1861 angewendet und zwei Jahre später auf dem in Berlin abgehaltenen statistischen Kongreffe allgemein anerkannt wurden, obwohl der demokratisch gesinnte Mann, wie alle Mitglieder der städtischen Behörden, dem Kongreß wegen der damaligen Konflikte zwischen Regierung und Stadt ferngeblieben war. Richard Boeckh würdigt in seiner Ueberficht über die Entwicklung der Statistik der Stadt Berlin (Statistisches Jahrbuch von 1899) Neumanns Arbeit für die Berliner Statistik. Seine Reformvorschläge, so sagt er, sind ein fester Bestandteil des internationalen Schematismus der Volkszählungen geworden. Dann hebt er besonders hervor eine Schrift Neumanns vom Jahre 1847 „Die öffentliche Gesundheitspflege und das Eigentum". Er hat daraus die Programmatische Kernstelle angeführt, die so lautet: „Daß der größte Teil der Krankheiten, welche entweder den vollen Lebensgenuß stören, oder gar einen beträchtlichen Teil der Menschen vor dem natürlichen Ziel d ahinraffen, nicht auf natürlichen, sondern auf gesellschaftlichen Verhältnissen beruhe, bedarf keines Beweises. Die medizinische Wissenschaft ist in ihrem innersten Kern und Wesen eine soziale Wissenschaft, und solange. ihr diese Bedeutung nicht vindiziert wird, wird, man auch ihre Früchte nicht genießen, sondern sich mit der Schale und dem Scheine begnügen Esten. Me soziale Natur der'Heilkunde" steht über allem Zweifel." Aber bei allem seinein Interesse für die Statistik' als Wiffenschaft, war diese Neumann doch immer nur ein Hilssmittel, um soziale Schäden aufzudecken. Den dürren Zahlen maß er eine zwingendere Gewalt bei als flammenden Worten, wenn es'sich darum handelte, den Widerstand gegen soziale Reformen zu brechen. Neumann war ein Mann von entschieden freisinnigen Anschauungen, aber einer bestimmten Parteischablone hat er sich nie untergeordnet. Um sich seine Völle Selbständigkeit zu währen, hat er sich .auch nie einer der verschiedenen Fraktionen in der Versammlung angeschlossen. Im Jahre 1905 schied er aus der Berliner Stadtverordnetenversammlung, zu deren geistig hervorragendsten Mitgliedern er jahrzehntelang gehört hatte, in höhen Ehren. Sein'Name, so sagt ein Nachruf aus städtischen Kreisen, „wird mit goldenen Lettern in der Geschichte der Stadt Berlin verzeichnet bleiben nicht nur als der des .Vaters der Berliner Statistik, sondern auch als der eines vorzüglichen Arztes und Vorkämpfers der sozialen Medizin und als der eines gemeinfinnigen, charaktervollen und musterhaften Bürgers." Zuletzt — doch nicht zuletzt sei seiner Tätigkeit für das Judentum gedacht, dem er in inniger Pietät und in unverbrüchlicher Treue bis zum letzten Atemzuge seines Lebens ergeben bliebe Er war Jahrzehnte hindurch Vorsitzender des Deutschen Komitees der Alliance Israelite Universelle, und ebensolange Vorsitzender des Kuratoriums der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums,, auf die er in den letzten Lebensjahren seine ganze Liebe konzentrierte;, er war der Vorsitzende des Kuratoriums der Zunz-Stiftung, die er ins' Leben gerufen. Unddie ein Denkmal seiner Begeisterung für die Wissenschaft des Judentums bleibt. Keiner war so wie er berufen, für die Ehre des Judentums einzutreten auf dem. Gebiete, auf dem der Gemeinschaft der gefährlichste Gegner erstanden war. Seine „Fabel von der jüdischen Masseneinwanderung" (Berlin 1886) ist eines der wichtigsten Dokumente jener Zeit, in der ein Heinrich v. Treitfchke sich gegen das Judentum erhob. Und keiner hat so wie er mit den Waffen der Wiffenschaft den Gegner bezwungen. In religiöser Beziehung war Neumann konservativ. Man kann auch von ihm wie von Michael Sachs sagen: Er war so freisinnig, konservativ zu sein. Aber über allen Parteitagen staNd ihm das ganze Judentum, das er kannte und liebte wie wenige, dem all seine Sorge, sein ungeteiltes Interesse während des ganzen arbeitsreichen Lebens gegolten hat. Er war im vollen Sinne einer von ÖerT Azite Beri<§ Jisroel, wie sie die heilige Schrift als Ideal hinstellt. Das besitz über ihn hat bei zwei Anlässen, bei seinem fünfzigjährigen Doktorjubiläum und bei seinem achtzigsten Geburtstage in tiefer Erkenntnis seines Wirkens und Waltens Hermann Cohen in diesem Blatte gesagt. Es geht uns am Särge des teuren Mannes in Völler Klarheit auf, wenn er diesen preist „als ein Vorbild der Stärke und der Treue im Glauben, bei gediegener rechtschaffener Arbeit für das allgemeine Wesen; und als ein Vorbild der Freudigkeit und des Ehrgefühls für das ewige Recht und die ewige Wahrheit unseres Glaubens; und als ein Vorbild der unerschütterlichen Zuversicht auf die endliche Anerkennung unserer Wahrheit und unserer Ehre." Möge dieses Vorbild und diese Erinnerung noch leuchten den Geschlechtern der Zukunft!

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